Bildungserfolg: soziale Herkunft und Geschlecht entscheidend
Es sind nicht nur Einkommen und Bildung der Eltern, die den Schulerfolg von Kindern beeinflussen – auch das Geschlecht spielt laut einer aktuellen Studie eine Rolle. Die Bildungschancen von Jungen sind schlechter.
In Deutschland hängt der schulische Erfolg von Kindern stark vom Einkommen und vom Bildungshintergrund der Eltern ab – das ist schon seit Längerem bekannt und untersucht. Auch der aktuelle „Chancenmonitor“, eine Studie vom Ifo-Institut und der Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“, bestätigt das: Bei Kindern von Eltern ohne Abitur und mit einem Haushaltseinkommen von unter 2750 Euro netto liegt die Wahrscheinlichkeit, aufs Gymnasium zu gehen, bei 16,9 Prozent. Bei 80,3 Prozent liegt sie hingegen, wenn beide Eltern Abitur haben, sie ihr Kind gemeinsam erziehen und zusammen mehr als 6000 Euro netto haben.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werteten für die Studie Daten von knapp 68.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren aus dem Mikrozensus 2022 aus. Geschaut wurde nach dem Bildungsstand der Eltern, Haushaltseinkommen, Migrationshintergrund und der Frage, ob ein Elternteil allein erzieht. Bereits die Vorgängerstudie aus dem Jahr 2023 auf Basis von Daten von 2019 kam in dieser Hinsicht zu ähnlichen Ergebnissen.
Jungen haben schlechtere Chancen
Neu ist diesmal, dass die Forschenden ein besonderes Augenmerk auf die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gelegt haben: Waren Mädchen noch in den 1960er-Jahren bei Bildung benachteiligt, „hat sich das Geschlechterverhältnis entlang der ganzen Bildungsbiografie mittlerweile umgekehrt“, heißt es in der Studie. Herkunft sei nach wie vor ein entscheidender Faktor, sagte Bildungsministerin Karin Prien (CDU) bei der Vorstellung der Ergebnisse am 28. April in Berlin. Der zweite Faktor aber sei das Geschlecht. „Wir haben seit Jahrzehnten zu Recht versucht, uns besonders anzustrengen, um die Bildungschancen für Mädchen zu verbessern, da ist einiges gelungen, wenn auch da noch Luft nach oben ist“, sagte Prien. „Aber die Jungs haben wir aus dem Blick verloren.“
Laut Studie besuchen 43,5 Prozent der Mädchen ein Gymnasium aber nur 36,9 Prozent der Jungen. Das sei ein Rückstand von 6,6 Prozentpunkten, der zwar bei Eltern mit Abitur (4,0 Prozentpunkte) etwas kleiner als ohne (7,0 Prozentpunkte) ausfalle, aber immer noch deutlich sei. Und im Verlauf der Schulzeit verstärke sich dieser „Gender Gap“ sogar noch – im Alter von 16 bis 18 Jahren betrage er 9,6 Prozentpunkte. Keine Rolle spiele hier übrigens ein Migrationshintergrund.
Die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zeigen sich der Studie zufolge auch daran, dass Jungen häufiger später eingeschult und bei ihnen öfter Lernschwierigkeiten sowie die Aufmerksamkeitsschwäche ADHS diagnostiziert würden. Sie wiederholten häufiger eine Klasse und schnitten bei Lese- und Lerntests schlechter ab.
Ursachen nicht ausreichend erforscht
Zu den Gründen für die großen Unterschiede gebe es keine belastbare Studienlage, sagte Bildungsministerin Prien. Doch würden Mädchen oft ein Verhalten zeigen, das die Gesellschaft belohne - sie seien angepasster. Jungs würden hingegen oft als anstrengend gesehen. Und sie fänden den Unterricht oft langweilig, so Prien.
Studienautor Ludger Wößmann ergänzte, dass Jungen selbst bei gleichen Noten seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium bekämen. Außerdem zeige die Forschung, dass viele in der Entwicklung etwas später dran seien und bei der Einschulung noch nicht so weit seien wie ihre Mitschülerinnen.
Was getan werden sollte
Aus ihren Ergebnissen leiteten die Forschenden Handlungsempfehlungen ab: Um die Bildungschancen für sozial benachteiligte Gruppen zu verbessern, brauche es mehr frühkindliche Bildungsangebote, eine stärkere Unterstützung der Familien, gute Lehrkräfte an Schulen mit benachteiligten Kindern, mehr kostenfreie Nachhilfeprogramme, ein späteres Aufteilen der Kinder auf verschiedene Schularten und mehr Mentoring-Programme. Die Aufteilung auf unterschiedliche weiterführende Schulen müsse verschoben werden.
Und um den Gender Gap zu verkleinern, schlagen die Studienautorinnen und -autoren unter anderem mehr männliche Erzieher und Lehrkräfte vor. Geschlechterklischees, die Jungen mit mangelnden Bildungschancen verbinden, müssten reflektiert werden. Das Gleiche gelte für Unterrichts- und Erziehungsformen. Wichtig sei zudem, die Lesekompetenz bei Jungen früh zu fördern. Denn diese sei die Grundlage für das weitere Lernen.
ip/sts (dpa, AFP, KNA, epd)