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Die Bibel als „Wort-Schatz“

„Machtwort“, „Lückenbüßer“ oder „Schiffbruch erleiden“ – viele deutsche Wörter und Redewendungen stammen ursprünglich aus der Bibel. Ein neues Lexikon geht den heute noch gängigen Ausdrücken genauer auf den Grund.

Eine aufgeschlagene Bibelausgabe von Martin Luther in einer Vitrine. (Quelle: Martin Schutt/dpa/picture alliance)
Eine Bibelausgabe von Martin Luther aus dem Jahr 1700.

Im Alltag greifen wir oft unbewusst auf Begriffe und Redewendungen zurück, die ihren Ursprung in der Bibel haben – oder zumindest dort zu finden sind: Die Nachrichten sind voller „Hiobsbotschaften“, die Welt erscheint manchmal als „Jammertal“. Man soll nach einer Niederlage „den Kopf nicht hängen lassen“ und nach „Herzenslust“ das Leben genießen.

Der evangelische Theologe und Pfarrer Rainer Metzner aus Berlin hat in seinem neuen Buch „Mit Feuereifer und Engelszungen" rund 280 biblische Wörter und Wendungen zusammengestellt, die in der Alltagssprache der Deutschen nach wie vor sehr präsent sind. Darunter sind auch Begriffe wie „Lockvogel“ oder „Lückenbüßer“, denen man die biblische Herkunft nicht mehr unbedingt ansieht.

Viele Ausdrücke stammen aus der Feder Martin Luthers

Einige der Begriffe – etwa „Denkzettel“, „Jammertal“ oder „sich ins Fäustchen lachen“ – sind sogar älter als die Lutherbibel, haben sich aber erst über sie in der Volkssprache etabliert. Bei anderen, etwa der „Hiobsbotschaft“, ist der Bezug zur Bibel klar. Wörter wie „Feuereifer“, „Herzenslust“, „Lästermaul“, „Morgenland“ oder „Machtwort“ wiederum stammen aus der Feder von Martin Luther, der bei seiner Bibel-Übersetzung gern auch mal eigene Ideen einbrachte. So hat der Reformator laut Metzner viele Begriffe der Bibel nicht wörtlich übersetzt, sondern sich an der Sprache der Menschen seiner Zeit orientiert.

Ein Beispiel dafür ist der etwas sperrige hebräische Ausdruck „Geld, wie es bei Händlern umläuft“, der bedeutet, dass ein Zahlungsmittel üblich und anerkannt ist. Luther hat ihn durch „Silber, das im Kauf gang und gäbe war“ ersetzt – und „gang und gäbe“ hat sich bis heute in unserer Alltagssprache gehalten.

Darüber hinaus gibt es Worte und Redewendungen, die zwar auf biblische Texte, Gestalten und Geschichten Bezug nehmen, aber im Text der Heiligen Schrift gar nicht vorkommen. So ist die Redensart „von Pontius zu Pilatus laufen“ ein scherzhafter, vermutlich auf mittelalterliche Passionsspiele zurückgehender Begriff. Und der Ausdruck „Nach mir die Sintflut!“ stammt laut Metzner von der Marquise de Pompadour (1721-1764), der einflussreichen Mätresse des französischen Königs Ludwig XV.

Die meisten Wörter biblischen Ursprungs führen mittlerweile ein Eigenleben

Metzner, der an der Humboldt-Universität Neues Testament lehrt, kennt sich aus mit dem Sprachschatz der Bibel. In den vergangenen Jahren hat er unter anderen ein Buch zu Sprichwörtern und ein Buch zu Redewendungen der Bibel herausgegeben. In „Mit Feuereifer und Engelszungen“ geht es vor allem um einzelne Wörter, die in der Alltagssprache lebendig sind und oft, losgelöst von der biblischen Umgebung, ihr Eigenleben führen: In dem kleinen Lexikon erklärt er ihr Vorkommen in der Bibel, ihre Geschichte und heutige Bedeutung in der deutschen Übersetzung.

Ausdrücke wie „Rüstzeug“, „Denkzettel“, „Feuertaufe“, „Machtwort“, „Schandfleck“, „Lückenbüßer“, „Gewissensbisse“, „Lästermaul“, „Lockvogel“, das „Ausposaunen“ und das „Tappen im Dunkeln“ werden heute ganz selbstverständlich verwendet.

Sie begegnen uns in literarischen Werken – Friedrich Nietzsche und Bertolt Brecht sind Paradebeispiele für die häufige Verwendung biblischer Begriffe –, tauchen aber auch, oft parodiert und witzig verfremdet, in Gebrauchstexten auf: in Zeitungsartikeln, Schlagern, Kalender- und Werbesprüchen, Karikaturen und Graffitis oder auf Aufklebern und Plakaten.

Den meisten biblischen Begriffen und Redewendungen ergeht es dabei dem Theologen zufolge so wie Redensarten allgemein: Das Wissen um ihren Ursprung geht verloren. Der Gebrauch biblischer Redewendungen „ist längst kein Zeichen der Bibelfestigkeit mehr“, schreibt Metzner. Denn: „Merkmal der Redensart ist gerade das Nicht-mehr-Wissen um die Quelle.“

Dass sich biblische Formulierungen, Sprichwörter und Redewendungen so stark in der deutschen Sprache verankert haben, führt der Autor auf die häufige Verwendung der Texte zurück. Lange Zeit sei die Bibel in vielen deutschen Häusern das einzige Buch gewesen. „Dort und in den Kirchen wurde sie laut gelesen, viele Texte wurden mit dem Hören gelernt“, so Metzner. Auch als maßgebliche Schullektüre habe sie das Sprachempfinden von vielen Generationen geprägt. „Hier dürfte der Schlüssel für die vielen idiomatischen und stereotypen Wendungen liegen, die das moderne Deutsch Luther verdankt.“
 

io/ist (mit KNA)