1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Europa sucht nach Alternativen zu russischem Gas

Steffen Leidel 9. Januar 2006

Nach dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine schielt Europa auf neue Pipeline-Projekte und Transportmethoden. Diskutiert wird über die Alternative Flüssigerdgas und die so genannte Nabucco-Pipeline.

https://p.dw.com/p/7l1l
Schiff mit Flüssigerdgas: Der Transport wird immer kostengünstigerBild: dpa

Der Gashahn von Russland in die Ukraine ist wieder offen. Das Vertrauen in den russischen Energiegiganten Gasprom ist aber angekratzt. Es bleibt das Unbehagen, zu sehr von Russlands Gas abhängig zu sein, und die Furcht, Russland könnte seine Energiereserven als politisches Instrument missbrauchen. Die österreichische EU-Ratspräsidentschaft drängt nun darauf, das Thema Energiepolitik auf dem Frühjahrsgipfel der Union zum Thema zu machen. EU-Energiekommissar Andris Piebalgs forderte eine "gemeinsame europäische Energiepolitik".

Erdgas Ukraine
Der Gashahn für Kiew wurde an Neujahr abgedrehtBild: dpa

Zu Recht, findet Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die EU müsse Konsequenzen aus dem Gasstreit ziehen. "Es ist deutlich geworden, wie kritisch eine hohe Importabhängigkeit ist". Und die Abhängigkeit von Russland könnte noch wachsen, wenn die europäischen Staaten nicht nach einer Diversifizierung ihrer Gaslieferungen suchen.

Eigene Ressourcen schwinden

So wird der Gas-Verbrauch bis zum Jahr 2020 um fast ein Drittel steigen. "Gleichzeitig werden bei uns die Lieferungen aus deutscher Förderung (derzeit 16 Prozent) und aus den Niederlanden (derzeit 19 Prozent) stark zurückgehen", sagt Dieter Schmitt, emeritierter Professor für Energiewirtschaft an der Universität Essen. Auch das Lieferpotenzial aus Norwegen sei weitgehend ausgeschöpft.

Pipeline Russland Deutschland Ostsee wird verlegt
Die Ostsee-Pipeline ist ein Prestigeobjekt für PutinBild: AP

Kaum ein Experte zweifelt daran, dass Russland auch weiterhin der wichtigste Lieferant für Erdgas nach Deutschland bleibt. Der vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder forcierte Bau der Ostsee-Pipeline, die die Gasfelder Sibiriens an Westeuropa anbinden soll, zementiert diesen Anspruch. Dennoch bringen EU-Politiker wie Piebalgs nun alternative Pipelines wie das so genannte Nabucco-Projekt wieder ins Gespräch.

Konkurrenz der Pipelines

Der österreichische Energiekonzern OMV will mit der Pipeline die riesigen Gasfelder im Iran und in Zentralasien für Westeuropa erschließen. Die Röhren sollen durch die Türkei und den Balkan verlegt werden, und so Russland umgehen. Vor allem die Anbindung der Länder Zentralasiens birgt Sprengstoff.

Moskau zwingt diese bislang, ihr Gas nach Russland zu liefern, um es dann selbst an die europäischen Kunden weiterzuverkaufen. "Russland hat ein massives Interesse daran, den Bau der Pipeline zu verhindern", glaubt Kemfert. Ob die 4,6 Milliarden Euro teure Nabucco-Pipline tatsächlich gebaut wird, soll nach OMV-Angaben spätestens Ende 2007 feststehen.

Flüssigerdgas als Alternative

Großes Potential sehen Experten und Erdgasindustrie in der Verflüssigung von Erdgas. Dabei wird der Rohstoff in einem komplizierten Verfahren auf minus 163 Grad abgekühlt und dann auf riesige Tankschiffe verladen. Bislang war dieser Vorgang sehr teuer und deshalb unrentabel. "Hier konnten die Kosten für Schiffe und Anlagen erheblich gesenkt werden. Gleichzeitig ist das Energiepreisniveau gestiegen. Insofern ist Flüssigerdgas heute eine weitere Option neben Pipeline-Gas", sagt Astrid Zimmermann, Sprecherin von EON-Ruhrgas.

Erdgasförderung im Iran, Wirtschaft
Die zweitgrößten Gasreserven der Welt liegen im IranBild: dpa

Das Unternehmen will in Wilhelmshaven den ersten deutschen Anlande-Terminal für Flüssiggas bauen, um vor allem Gas aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika zu importieren. "Eine Machbarkeitsstudie wird wohl im Laufe dieses Jahres abgeschlossen. Außerdem führen wir Gespräche mit potentiellen Lieferanten".

Hohe Flexibilität

Dadurch, dass Erdgas inzwischen relativ kostengünstig verflüssigt werden kann, werden Aufkommensgebiete attraktiv, die früher für Westeuropa ungünstig lagen, wie zum Beispiel Algerien, Iran, Mittelamerika oder Katar. "Ein Land wie Katar konnte schlicht nicht konkurrieren. Die Kosten für die Verflüssigung und den Transport waren zu hoch. Inzwischen werden dort in großem Stil Verflüssigungsanlagen gebaut", sagt Schmitt.

Sonnenuntergang in Katar
Sonnenuntergang in Doha, Katar: Reichtum durch Gas.Bild: AP

Flüssigerdgas und Nabucco-Pipeline: Beide Optionen sind noch Zukunftsmusik. Frühestens 2011 soll Gas durch die Röhren der OMV strömen, Flüssiggas spielt derzeit in Deutschland noch keine Rolle im Gegensatz zu Ländern wie Spanien oder Italien. Die EU hat aber durchscheinen lassen, dass sie auf Flüssigerdgas setzen will. In einem Interview des Russischen Programms von DW-RADIO sagte Piebalgs kürzlich, "dass das Projekt eines europäischen Flüssiggas-Terminals energisch vorgetrieben werden müsse."