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Manuskript

Das Osterlachen

Ostern und Humor – so richtig scheint das nicht zusammenzupassen. Früher war das anders: Beim höchsten christlichen Kirchenfest erzählte der Pfarrer gern derbe Witze, und die Gemeinde lachte oft und laut.

In offiziellen kirchlichen Verlautbarungen sucht man ihn vergeblich: den Brauch des Osterlachens. Dennoch war der Brauch des herzhaften Lachens, des „risus paschalis“, etwa vom 14. bis zum 19. Jahrhundert fester Bestandteil des österlichen Brauchtums. Denn wer lacht, spürt Lebensfreude. Die gläubige Person ist bereit für die Osterbotschaft, die Botschaft, dass das Leben über den Tod und somit den Teufel siegt, symbolisiert durch die Auferstehung Jesu Christi. Wie genau man sich diesen Brauch des Osterlachens vorzustellen hat, erklärt die evangelische Theologin Dr. Gisela Matthiae:

„Der ganze Körper durfte durchgeschüttelt werden, und da wurden auch nicht nur nette Witze erzählt oder lustige Geschichten, sondern Lügengeschichten, Zoten. Man hat Tiere nachgemacht und sogar geschlechtliche Lust bis hin zum Onanieren dargestellt auf der Kanzel. Also es ging richtig derbe zu. Das Gebären zum Beispiel wurde pantomimisch nachgemacht.“

Was man sich heutzutage nur schwerlich in einer Kirche vorstellen kann, war früher in einigen Regionen – vor allem in Bayern – verbreiteter österlicher Brauch: sich in der Kirche derb, unanständig, zu verhalten. Das ging soweit, dass der Pfarrer auf der Kanzel, dem Ort in der Kirche, wo er seine Predigt hält, mit obszönen Handlungen und Worten versuchte, die anwesenden Gläubigen zum Lachen zu bringen. Dazu gehörte beispielsweise die pantomimische Darstellung des Onanierens, der Selbstbefriedigung, oder das Erzählen von unanständigen Witzen, sogenannten Zoten. Kein Wunder, dass dieser Brauch in der Kirche umstritten war. Es gab mehrere Versuche, ihn zu verbieten. Etwa vom Ende des 17. Jahrhunderts an wurden diese humoristischen Aufführungen seltener. Aus den ursprünglich derben Geschichten wurden sogenannte „Ostermärlein“, also kurze, harmlose und erheiternde Geschichten. Wem, wie Gisela Matthiae erzählt, die Ideen ausgegangen waren, der konnte das eine oder andere Ostermärlein in dem Buch „Ovum paschale“, lateinisch für „Das Osterei“, nachlesen. Doch gegen Mitte des 19. Jahrhunderts blieben auch diese Ostermärlein aus. Gisela Matthiae meint, dass die Entwicklungen in der Kirche einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatten:

„Es gibt eine interessante Episode über den Basler Reformator Johannes Oekolampad. Dem wurde vorgeworfen, dass er zu Ostern nicht mehr bereit war, die Leute mit Witzen und Geschichten zu lautem Lachen anzustiften. Also, ich glaube, die Reformation hat da auch eine nicht unwesentliche Rolle gespielt, dass diese nicht nur Witze, sondern dann auch die Ostermärlein immer sanfter wurden und schließlich bis zum 19. Jahrhundert ganz von den Kanzeln verschwunden waren.“

Strenge Protestanten wie der Reformator Johannes Oekolampad hatten von Anfang an vermeintliche Auswüchse dieses Brauchtums bekämpft. 1835 untersagte die Diözese Regensburg die Ostermärlein. Für Gisela Matthiae ist das nachvollziehbar:

„Also die Kirche hat sich immer schon schwergetan mit dem Lachen. Das Lachen ist auch etwas Unkontrolliertes. Wenn man lacht, dann denkt man nicht mehr so viel, der ganze Körper bewegt sich. Je nachdem, wie heftig das Lachen ist, eben auch sehr heftig. Und das wurde in die Nähe von sündhaftem Verhalten gebracht. Aber nicht nur aus diesem Grund, sondern das Lachen hatte ja auch immer diese Bedeutung von ‚Verlachen‘, aus Schadenfreude lachen, über andere lachen – und das passt natürlich auch nicht zu einem christlichen Selbstverständnis oder überhaupt zu einem christlichen Miteinander, das ja eher von Respekt und Nächstenliebe geprägt sein soll.“

Verallgemeinern will Gisela Matthiae aber nicht. Nicht alle Protestanten seien  „Spaßbremsen“ gewesen, sagt sie:

„Martin Luther hat einen wunderbaren Satz getan in einer seiner Tischreden, wenn’s denn stimmt – ich glaube, so ganz belegt ist das nicht. Aber der Satz heißt: ‚Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen‘.“

Und gerade aus diesem Grund liegt Gisela Matthiae, die auch Theaterpädagogin ist, die Verbindung von Humor und Kirche am Herzen. Seit 2007 unterrichtet sie Kirchenclowns, Frauen und Männer, die an der Verbindung von Komik und Theologie, Humor und Glauben interessiert sind. Ihre Motivation ist leicht erklärt:

„Ich finde die Haltung der Clowns sehr wichtig, überhaupt im Leben, für ’ne Gesellschaft, und eben für Kirche auch. Sie sind immer Randgestalten. Sie gucken von außen auf eine Gesellschaft oder eben vom Rande der Gesellschaft zur Mitte. Sie sind nie Figuren im Zentrum der Macht. Und sie sind immer Figuren, die die menschlichen Schwächen, auch Bedürfnisse, Nöte, Sehnsüchte, Hoffnungen, zum Ausdruck bringen.“ 

Wer sich eine rote Schaumstoffnase über die Nase stülpt, wird sofort als Clown erkannt. Kommt dann noch ein Kostüm dazu, schlüpft man in eine Rolle, wird zu einer Gestalt, einer Person, die Themen von außen, vom Rand her, betrachten und spielerisch ansprechen kann. Gisela Matthiae tritt jedoch nicht im Talar an den Altar:

„Ich bin nicht diejenige, die im Talar die rote Nase aufsetzt, sondern ich komme als Figur, als Charakter in den Gottesdienst. Also zum Beispiel mit einer schwäbischen Figur, Frau Seibold, und dann mische ich so ein bisschen den Gottesdienst auf, aber nicht mit der Absicht, jetzt das kaputt zu machen, sondern im Gegenteil mit der Absicht, Fragen zu stellen, die in den Köpfen der Menschen drin sind, die aber nicht gestellt werden. Also ich darf auch den Pfarrer mal vertreten, und das gibt sehr viel Bewegung in dem Gottesdienst: Es ist so eine Mischung aus Lachen und Freude, die sich da wirklich ganzheitlich verbreitet – und auch Nachdenklichkeit.“

Nichts anderes haben wohl diejenigen im Sinn, die ihre Gemeinde an Ostern zum Lachen bringen wollen. Das Internet bietet einen reichen Fundus an Geschichten und Witzen. Ein Beispiel aus der Gemeinde St. Marien in Marborn nahe Fulda: „Glauben Sie an eine Auferstehung nach dem Tode?“, fragt der Chef. – „Ich weiß nicht“, stammelt der junge Angestellte verlegen, „warum wollen Sie das denn wissen?“ – „Weil Ihr Großvater, zu dessen Beerdigung Sie gestern frei bekamen, Sie am Telefon verlangt.“

Das Osterlachen …
Früher herrschte die Meinung vor, dass lachende Menschen …
Das „Ovum paschale“ war …

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