Die Hand eines Klimaaktivisten, die am Boden festgeklebt ist, wird zu lösen versucht (Quelle: Christoph Soeder/dpa/picture alliance)

„Klimaterroristen“ ist das Unwort des Jahres 2022

Das Unwort des Jahres 2022 steht fest: Mit dem Begriff „Klimaterroristen“ würden pauschal Menschen diskreditiert, die sich für Klimaschutzmaßnahmen einsetzten, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Wer Klimaaktivistinnen und -aktivisten als „Klimaterroristen“ bezeichne, der stelle gewaltlose Protestformen, zivilen Ungehorsam und demokratischen Widerstand in den Zusammenhang von Gewalt und Staatsfeindlichkeit, so die Jury der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“. Der Fokus der Debatte verschiebe sich zudem von „berechtigten inhaltlichen Forderungen“ hin zum politischen und juristischen Umgang mit den Aktivistinnen und Aktivisten. Die globale Bedrohung durch den Klimawandel gerate dadurch in den Hintergrund.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) begrüßte die Entscheidung: „Ein solcher Begriff sollte in einer zivilisierten, demokratischen Debatte nichts zu suchen haben“, erklärte sie am Dienstag. Damit werde Terror verharmlost.

Mit der Unwort-Aktion wollen die Jurymitglieder auf einen unangemessenen, abwertenden oder verschleiernden Sprachgebrauch aufmerksam machen und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser begründete die sprachkritische Aktion 1991. Das erste Unwort lautete damals „ausländerfrei“. Seitdem wählt eine Jury aus fünf Expertinnen und Experten jedes Jahr einen Begriff aus, der sachlich unangemessen ist, gegen die Menschenwürde verstößt, gesellschaftliche Gruppen abwertet oder irreführend ist.

So kam der Begriff „Sozialtourismus“ – der bereits 2013 Unwort des Jahres war – auf den zweiten Platz auf der diesjährigen Liste. Wieder hervorgeholt wurde er durch den CDU-Parteivorsitzenden Friedrich Merz, der im Herbst in Verbindung mit Geflüchteten aus der Ukraine von einem „Sozialtourismus“ sprach und sich nach Kritik für seine Wortwahl dafür entschuldigte. Das Sprachgremium sieht in dem Begriff eine Diskriminierung von Kriegsflüchtlingen. Mit dem Grundwort „Tourismus“ werde eine freiwillige Reise impliziert – eine perfide „Verdrehung offenkundiger Tatsachen“. Das Bestimmungswort „sozial“ stelle die Flucht vor dem Krieg in den Hintergrund und reduziere die Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem profitieren zu wollen. Zudem verschleiere der Ausdruck das grundsätzliche Recht auf Asyl.

Den dritten Platz auf der Unwort-Liste erreichte die Formulierung „defensive Architektur". Damit ist eine Bauweise gemeint, die sich gegen bestimmte, wehrlose Menschengruppen – wie beispielsweise Obdachlose – im öffentlichen Raum richte und darauf ziele, ihnen den Aufenthalt in der Öffentlichkeit zu erschweren, etwa durch fehlende Sitzgelegenheiten. Ihr Verweilen an einem Ort werde als unerwünscht angesehen. Die Jury kritisierte den Begriff daher als „irreführende euphemistische Bezeichnung einer menschenverachtenden Bauweise“, die gezielt marginalisierte Gruppen aus dem öffentlichen Raum vertreiben wolle.

Der diesjährige Gast-Juror Peter Wittkamp kürte „militärische Spezialoperation“ zu seinem Unwort des Jahres. Es handele sich dabei um eine zutiefst beschönigende Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt und um Propaganda, mit der der Kreml die Welt und sein eigenes Land belüge.

Insgesamt reichten Bürgerinnen und Bürgern 1476 Vorschläge für das Unwort des Jahres ein, darunter waren 497 verschiedene Wörter. Besonders häufig wurden die Begriffe „(Doppel-)Wumms“ „Gratismentalität“, „Klima-Kleber“, „Klima-RAF“, „Klimaterroristen“, „Spezialoperation“, „Sondervermögen“ und „Sozialtourismus“ eingereicht.

Anfang Dezember hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache bereits ein Wort des Jahres 2022 gewählt: „Zeitenwende“. Der Begriff hat nach Ansicht der Sprachexpertinnen und -experten die öffentliche Diskussion wesentlich geprägt. „Zeitenwende“ wurde prominent von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine genutzt.

io/ip (mit AFP/KNA/epd)