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Sind alte Kinderlieder noch zeitgemäß?

Traditionelle Kinderlieder geraten wieder in die Debatte: Ist das eine rassistisch gemeint, verharmlost das andere Gewalt? Fachleute diskutieren, wie Sprache und Kultur im modernen Kontext weitergegeben werden sollten.

Kinder in einer Reihe, die auf Papiere in ihren Händen vor sich gucken und den Mund zum Singen geöffnet haben. (Quelle: Robert Kneschke/Zoonar/picture alliance)
Soll man Kindern überhaupt noch alte Kinderlieder beibringen?

„Die Affen rasen durch den Wald“ – viele Kinder lieben das Lied, schon seit Generationen. Doch jetzt sind sich manche Eltern nicht mehr sicher: Kann man das noch singen oder geht es im Text um mehr als eine aufgekratzte Tierhorde? Debatten um politisch korrekte Sprache haben Kinderzimmer und Kitas längst erreicht. „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ oder „Spannenlanger Hansel“ waren lange im Repertoire der Bildungseinrichtungen – oder sind es bis heute.

Und das ist aus Sicht des Musikethnologen Nepomuk Riva ein Problem. Zuletzt hat er das Projekt „Fairplay in der Musikpädagogik – Kultursensibler Umgang mit Kindermusik“ geleitet. Dabei handelt es sich um eine Fortbildungsinitiative für Pädagoginnen und Pädagogen, die von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Thüringer Landesmusikakademie Sondershausen gefördert wurde. „Dinge wie Rassismus, Bodyshaming oder Gewalt passen nicht mehr zu unserem Anspruch einer inklusiven Pädagogik“, erklärt Riva. Dazu zählt er auch scheinbar harmlose Reime wie „Hoppe, hoppe, Reiter“. „Das Lied hatte früher eine pädagogische Funktion“, erläutert er. „Der Reiter darf nicht vom Pferd fallen. Hier wird das Spiel drohend mit einem Kindstod verbunden.“ Das sei aber heute nicht mehr zeitgemäß.

Oder ist die Vermittlung von alten Kinderliedern sogar sinnvoll?

Von der Tabuisierung eines Klassikers wie „Hoppe, hoppe, Reiter“ hält Dorota Wilke, die Pressesprecherin des Vereins Deutsche Sprache, nicht viel. Sie sieht in den alten Liedern und Ausdrücken eine Bereicherung für Kinder, denn sie vermittelten ihnen „ein tieferes Verständnis auch für die Entwicklungen, die eine moderne Sprache durchläuft. Sprache ist facettenreich und sollte es auch bleiben“. Natürlich seien bestimmte Ausdrücke auszuklammern, allen voran rassistische. Aber die Unterstellung, der Reiter-Reim würde Gewaltfantasien vermitteln, gehe über das gewünschte Ziel hinaus. Auch im Lied „Die Affen rasen durch den Wald“ eine rassistische Gesinnung zu vermuten, sei „absolut fehl am Platz“, meint Wilke. „Es geht hier um Tiere und nicht um Menschen, das ist nicht Kafka, sondern immer noch ein Kinderlied.“

Kinder sitzen im Kreis auf dem Boden und eine Frau mit einer Gitarre sitzt zwischen ihnen. (Quelle: picture alliance / dpa)
Welches Weltbild will man den Kindern vermitteln?null picture alliance / dpa

Für den Musikethnologen Riva hingegen ist entscheidend, welches Weltbild man Kindern vermitteln wolle. Bei Kinderbüchern sei eine inklusive Sprache bereits weit verbreitet, bei Liedern nicht, beklagt der Pädagoge. Seiner Einschätzung nach gibt es vielerorts großen Widerstand, wenn solche Texte auf den Prüfstand gestellt werden. „Die alten Lieder verbinden viele mit schönen Kindheitserinnerungen. Deshalb fällt es schwer, sie kritisch zu betrachten.“ Dafür habe er auch durchaus Verständnis. Er möchte auch festhalten, dass es nicht „um das gesamte klassische deutsche Liedgut [geht], sondern nur um etwa ein Dutzend der bekannten Kinderlieder. Viele der wirklich kritischen sind im Übrigen erst im 20. Jahrhundert entstanden, waren also nicht schon immer da.“ Um Rhythmus und Melodie zu erhalten, existieren von den meisten heiklen Texten inzwischen angepasste Versionen – oft als „woke“ verschrien. Das sieht Riva wiederum kritisch: Sinnvoller sei es, Neues zu schaffen, das mehr der heutigen Lebensrealität von Kindern entspreche. Dorota Wilke findet, „Lieder zu 'verwoken', mag einer guten Gesinnung entspringen, tut aber weder Kindern noch Erwachsenen einen Gefallen.“ Kinder vor Worten, die nun einmal existierten, beschützen zu wollen, nehme ihnen ein Stück Freiheit in ihrer Entwicklung und sei schlicht realitätsfern.

Einig sind sich die beiden Fachleute aber darin: Am Ende liegt die Verantwortung bei den Eltern. Entscheidend ist ein reflektierter Umgang mit Kultur. Und ein wenig mehr Gelassenheit und Reflexion – das täte generell wohl auch anderen gesellschaftlichen Bereichen gut.

ist/ip (KNA)

 

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