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Bundeswehr bereitet Einsatz in der Straße von Hormus vor

Die Bundeswehr bereitet sich auf einen möglichen Minenräum-Einsatz in der Straße von Hormus vor. Am frühen Donnerstagmorgen haben das Minenjagdboot Fulda und der Tender Mosel den Suez-Kanal passiert, teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit. Zuvor waren sie bereits ins östliche Mittelmeer verlegt worden. Die Schiffe sollen nun in fünf bis sieben Tagen das Rote Meer durchfahren und dann im Hafen von Dschibuti Halt machen. Dort soll der Einsatz weiter vorbereitet werden. Insgesamt befinden sich rund 140 Soldatinnen und Soldaten an Bord.

Die deutschen Einheiten würden "vorstationiert für eine mögliche Mission in der Straße von Hormus", erklärte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Donnerstagmorgen in Brüssel. Die Betonung liegt auf "möglich", denn noch sind nicht alle Bedingungen erfüllt - trotz des jetzt unterzeichneten Abkommens zwischen den USA und dem Iran. Wesentliche Voraussetzungen seien "die nachhaltige Beendigung der Kampfhandlungen, eine völkerrechtliche Grundlage und ein Mandat des Bundestags", teilte das Verteidigungsministerium mit. Der Bundestag muss jedem bewaffneten Auslandseinsatz der Bundeswehr zustimmen. 

Blick von oben auf das Plenum des Deutschen Bundestages mit den blauen Sesseln, Abgeordnete heben die Arme in einer Abstimmung
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee - bewaffnete Auslandseinsätze bedürfen der Zustimmung des Bundestags null Revierfoto/IMAGO

Das Räumen von Seeminen ist eine der Stärken der Bundeswehr. "Darin haben wir viel Erfahrung", sagt Johannes Peters im Gespräch mit der DW. Peters ist Experte für maritime Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. "Die Nordsee und die Ostsee sind weltweit die beiden Meeresgebiete, in denen sich die meisten Überreste von nicht explodierten Sprengkörpern aus den beiden Weltkriegen befinden." Dort lägen Millionen von Objekten - Minen, Munition, verschiedene Arten von Sprengstoffen. "Und da dies sozusagen unser Revier ist, verfügen wir tatsächlich über viel Expertise, auch was die Räumung von Blindgängern angeht", so Peters.

Die Straße von Hormus als strategisches Druckmittel 

Nach dem Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar hatte das iranische Militär die Straße von Hormus de facto gesperrt und Berichten zufolge Seeminen ausgelegt. Die Blockade hatte massive Auswirkungen auf den weltweiten Transport von Öl- und Flüssiggas. Auch in Deutschland schossen die Treibstoffpreise in die Höhe.

Mehrere Frachtschiffe liegen in der Straße von Hormus vor Anker
Kein Durchkommen mehr: Frachtschiffe liegen im Mai in der Straße von Hormus vor Ankernull Amirhosein Khorgooi/ISNA/AP Photo/picture alliance

Damit die Meerenge wieder zu einer sicheren Seehandelsroute wird, müssen die Kampfhandlungen dauerhaft ruhen und die Minen geräumt werden. Doch das ist ein kompliziertes Unterfangen: "Seeminen sind extrem schwer aufzuspüren", sagt Nitya Labh, Expertin für maritime Sicherheit am Londoner Thinktank Chatham House im Gespräch mit der DW.

"Es gibt verschiedene Arten von Seeminen: solche, die an der Wasseroberfläche treiben, solche, die am Meeresboden verankert werden können, aber im Wasser schweben und detonieren, sobald sie ein Schiff in der Nähe detektieren. Und dann gibt es noch Minen, die auf dem Meeresboden platziert werden können." Selbst wenn die Minen lokalisiert sind, könnte es Wochen oder Monate dauern, sie zu beseitigen, schätzt Sicherheitsexpertin Labh.

Seeminen: Schnell verlegt, mühsam zu räumen

"Wir kennen die genaue Anzahl der Minen nicht und wissen nicht, in welchem ​​bestimmten Gebiet sie möglicherweise verlegt wurden. Es gibt also viele Unwägbarkeiten", betont auch der Kieler Sicherheitsexperte Peters. "Die Minenräumung ist nichts, was nach einem Standardverfahren abläuft." Während Seeminen schnell verlegt seien, sei die Räumung sehr zeitaufwendig. "Aber genau dafür sind die Minenjagdboote ja vorgesehen."

Die Minenjagdboote der Deutschen Marine sind so konstruiert, dass sie Seeminen aufspüren können, ohne selbst von ihnen entdeckt zu werden. Sie besitzen einen Rumpf aus nicht-magnetischem Stahl. Viele Minen reagieren auf das Magnetfeld, das durch Stahl erzeugt wird, etwa durch den Rumpf der Schiffe. Auch der Lärm von Schiffsschrauben oder Motoren kann die Detonation einer Seemine auslösen. Deshalb können Minenjagdboote auf sehr leise Schleichfahrt gehen.

Die Unterwasserdrohne Seefuchs hängt an Tauen über dem Wasser. Im Bild links sind Minentaucher auf einem Schlauchboot zu sehen.
Kann Seeminen aufspüren und sprengen: Die Unterwasserdrohne "Seefuchs"null Bundeswehr

Unverzichtbar bei der Minenräumung sind die unbemannten Systeme, die Minenjagdboote wie die Fulda mitführen. Überwasserdrohnen vom Typ "Seehund" simulieren die Schall- und Magnetfeldsignaturen großer Schiffe und bringen Minen so zur Detonation. Dohnen wie der "Seefuchs" können unter Wasser Minen identifizieren und zerstören. Stößt die Technik an ihre Grenzen, komme Minentaucher zum Einsatz.

Eine entscheidende Voraussetzung für eine mögliche Mission zur Minenräumung: Anrainerstaaten wie der Oman und die Konfliktparteien müssen damit einverstanden sein. "Die Iraner müssen natürlich zustimmen", sagt Sicherheitsexperte Johannes Peters von der Universität Kiel. "Sie müssen akzeptieren, dass die Marinen anderer Länder in der Straße von Hormus bei der Minenräumung unterstützen."

Verteidigungsminister Boris Pistorius spricht in Brüssel vor Mikrofonen
"Wir sind jedenfalls ready" - Verteidigungsminister Boris Pistoriusnull Malin Wunderlich/dpa/picture alliance

Laut Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben bereits etwa 20 Staaten konkrete Beiträge für die Mission zugesagt. "Es ist wirklich wichtig, dass Deutschland, Frankreich und Großbritannien - sofern sie sich beteiligen - klarstellen, dass sie keine Konfliktparteien sind und dass sie weder auf der Seite der USA noch auf der Seite des Iran stehen", betont Sicherheitsexpertin Nitya Labh vom Londoner Thinktank Chatham House. Eine Beteiligung der Marinen von Golfstaaten wie dem Oman oder Saudi-Arabien an der Mission hält sie für wünschenswert. 

Die eigentlichen Verhandlungen beginnen erst

Ob es zu einer Marinemission kommt, hängt also auch davon ab, wie das Rahmenabkommen zwischen dem Iran und den USA umgesetzt wird. Es dient als Startpunkt für Verhandlungen über die strittigen Fragen, insbesondere über das iranische Atomprogramm. Diese Verhandlungen sollen binnen 60 Tagen zu einem endgültigen Abkommen führen.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte am Mittwoch die Erwartungen an einen schnellen Beginn der Bundeswehr-Mission gedämpft. Der Bundestag, so seine Annahme, werde sich erst in der letzten Sitzungswoche vor der Sommerpause mit dem Mandat befassen. Diese beginnt am 6. Juli.

Dessen ungeachtet bringt die Marine sich schon jetzt in Stellung. "Wir sind jedenfalls ready. Wenn es soweit ist, sind wir bereit", betont Verteidigungsminister Pistorius. Sollte es zu einem Einsatz kommen, könnten die Schiffe schnell in die Straße von Hormus verlegt werden. Bis dahin beteiligen sie sich an der EU-Marinemission ASPIDES, die die Seewege im Roten Meer überwacht.

Die Linke - geht ihr Höhenflug weiter?

"Wir kämpfen in Berlin darum, die Stadt zur roten Metropole zu machen", propagiert die Linke in ihrem Leitantrag für den am Freitag beginnenden Bundesparteitag in Potsdam. Rot ist die Farbe der Linken, aber auch der Sozialdemokraten (SPD). Gemeinsam mit den Grünen könnte es laut Umfragen bei der im September stattfindenden Wahl zum Stadtparlament, das in der deutschen Hauptstadt Abgeordnetenhaus heißt, rechnerisch für eine Mehrheit reichen.

Wird Berlin schon bald von der Linken regiert? 

Eine stark rot gefärbte Metropole Berlin ist also theoretisch möglich und hat es von 2016 bis 2023 auch schon gegeben - damals unter Führung der SPD. Dieses Mal träumt die Linke davon, das Rathaus übernehmen zu können. Mit einer Regierenden Bürgermeisterin Elif Eralp, deren politisch und gewerkschaftlich aktive Eltern 1980 nach dem Militärputsch in der Türkei nach Deutschland geflohen sind.

Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September, steht vor einer roten Wand, auf der in regelmäßigen Abständen der Parteiname steht: "Die Linke". Eralp hat schulterlange, dunkle Haare und ist mit eine, ärmellosen dunklen Pullover bekleidet, den sie über einer weißen Bluse trägt.
Elif Eralp ist Spitzenkandidatin der Linken für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Septembernull Soeren Stache/dpa/picture alliance

Im Stadtstaat Bremen und im nordostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist die Linke aktuell an Koalitionen beteiligt. In Thüringen stellte sie bis 2024 mit Bodo Ramelow sogar den Ministerpräsidenten. Im kleineren Maßstab war und ist die Partei also durchaus in der Lage, Regierungsverantwortung zu übernehmen und Macht auszuüben.

Eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene ist unrealistisch

Auf der wichtigsten politischen Bühne hat die Linke allerdings keine realistische Machtperspektive. Eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene ist vor allem wegen ihrer außen- und sicherheitspolitischen Programmatik faktisch ausgeschlossen. Die Linke lehnt Deutschlands massive Aufrüstung seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine ebenso ab wie Waffenexporte.  

Kriegsgefahr und Aufrüstung: Europas Weg zu mehr Sicherheit?

Im Leitantrag für den Parteitag klingt das so: "Wenn wir als Linke sagen, wir brauchen ein anderes Europa, dann meinen wir damit keine militärische Großmacht und keine EU-Armee, sondern eine Friedensmacht, die zur Verteidigung in der Lage ist, aber keine Gewalt exportiert - weder in wirtschaftlicher noch in militärischer Form."

Protest-Motto: "Es reicht! Das Leben bezahlbar machen."

Die Linke wirft der Bundesregierung aus Unionsparteien (CDU/CSU) und SPD vor, das Militärbudget grenzenlos anwachsen zu lassen und gleichzeitig den Sozialstaat zu schleifen. Insbesondere die geplanten Reformen bei der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung lehnt die Partei wegen der damit verbundenen Mehrbelastungen für Bürgerinnen und Bürger ab.

Bundestagsabgeordnete der Linken protestieren im April 2022 mit einem Banner vor dem Brandenburger Tor gegen das sogenannte Sondervermögen für Aufrüstung in Höhe von 100 Milliarden Euro.
Bundestagsabgeordnete der Linken protestierten im April 2022 gegen das sogenannte Sondervermögen für Aufrüstung in Höhe von 100 Milliarden Euro. null Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Man kämpfe für Verbesserungen für die breite Mehrheit der Bevölkerung. "Das tun wir im Parlament, in den Nachbarschaften und auf der Straße." Seit Wochen organisiert die Linke deutschlandweit Proteste unter dem Motto "Es reicht! Das Leben bezahlbar machen." Damit knüpft sie in anderer Form an ihre massenhaften Haustür-Besuche im Bundestagswahlkampf 2025 an.

Die Mitgliederzahl hat sich mehr als verdoppelt

Der Erfolg kam auch für die meisten Linken überraschend: fast neun Prozent und seitdem eine Verdopplung der Mitgliederzahl auf über 125.000. In Umfragen liegt die Linke seit Monaten stabil bei mindestens zehn Prozent. "Aber wir sollten uns auch der Tatsache bewusst sein, dass es für unseren Anspruch als sozialistische Partei nicht ausreicht, einen kleinen Teil der Menschen in diesem Land zu überzeugen", steht dazu mahnend im Leitantrag für den Parteitag.

Der Politikwissenschaftler Antonios Souris von der Freien Universität Berlin sieht das ähnlich: Zehn Prozent seien mit Blick auf die Schwäche der anderen Parteien nicht überragend, antwortet er auf eine schriftliche Anfrage der Deutschen Welle.

Der designierte Parteivorsitzende hat italienische Wurzeln

Inhaltlich könne die auf Bundesebene oppositionelle Linke Themen wie Wohnungs- und Sozialpolitik besetzen und sich als Alternative zu SPD und Grünen präsentieren. "Das tut sie auch glaubwürdig und mit Personen, die für diese Themen öffentlich stehen", betont Souris. Aus seiner Sicht gilt das auch für den designierten Parteivorsitzenden Luigi Pantisano, der in Potsdam als Nachfolger des aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidierenden Jan van Aken antritt.  

Luigi Pantisano, Jahrgang 1979, steht mit verschränken Armen vor einem unscharfen Hintergrund. Der in Deutschland geborene Sohn eingewanderter italienischer Eltern hat einen dunkelbraunen Lockenkopf, trägt eine Brille mit großem, rechteckigen Rahmen sowie ein schwarzes Hemd und eine dunkle Jacke. Auf seinem Gesicht liegt ein verschmitztes Lächeln.
Luigi Pantisano kandidiert auf dem Parteitag der Linken in Potsdam für den Vorsitz null Rolf Zöllner/IMAGO

Pantisanos Eltern sind in den 1960er Jahren als damals so genannte Gastarbeiter von Italien nach Deutschland gekommen. Ihr Sohn Luigi wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er wurde zum Bauzeichner ausgebildet, holte die Fachhochschulreife nach und absolvierte erfolgreich ein Ingenieur-Studium. In seinem Bewerbungsschreiben für den Parteivorsitz der Linken steht: "Als Kind italienischer Gastarbeiter und Hauptschüler kenne ich das Gefühl, wenn die Politik auf einen herabschaut und die eigene Leistung nicht anerkennt."  

Pantisano kommt aus dem Westen, Schwerdtner aus dem Osten

Politik-Experte Souris glaubt, dass Pantisano als Vorsitzender das Profil seiner Partei schärfen könnte. "Die Linke wird damit personell untermauern können, für was sie eintritt - nämlich eine multikulturelle Gesellschaft, in der auch Menschen mit Migrationshintergrund wichtige Positionen bekleiden." Personelle Entscheidungen seien gerade vor dem Hintergrund der personalisierten Medienberichterstattung wichtig, um den eigenen Positionen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Das gelte nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gegenüber den Mitgliedern, ergänzt Souris. Dabei sei zu beachten, dass Pantisano aus einem westdeutschen Bundesland stamme. "Es wird interessant werden, inwiefern er mit diesem Hintergrund bei den Landesverbänden aus Berlin und Ostdeutschland beim Parteitag punkten kann."

Widerstand gegen die Reformen der Bundesregierung

Seine Wahl dürfte schon deshalb reine Formsache sein, weil außer ihm und der erneut antretenden Ines Schwerdtner niemand für die Doppelspitze der Linken kandidiert. Die seit 2024 amtierende Parteivorsitzende steht prototypisch für eine neue Generation in der Linken: jünger und weiblicher. Sie wurde wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer 1989 in der DDR geboren.  

Die Parteivorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner (Jahrgang 1989), steht als Abgeordnete des Bundestags am Rednerpult und stützt beide Hände auf dem kleinen Stehtisch ab. Vor ihr liegt ein Textmanuskript. Ihre blonden Haare sind nach hinten zu einem Zopf zusammengebunden und von rechts nach links gescheitelt. Sie trägt eine rote, ärmellose Bluse.
Politik im Schnelldurchlauf: Ines Schwerdtner ist seit 2023 Mitglied der Linken, seit 2024 Partei-Vorsitzende und seit 2025 Bundestagsabgeordnetenull Jörg Carstensen/dpa/picture alliance

In ihrem Bewerbungsschreiben für die Wiederwahl auf dem Parteitag ist von "großen Aufgaben" die Rede, die vor der Linken lägen: "Die geplanten Armutsreformen der Bundesregierung gepaart mit der massiven Militarisierung der Gesellschaft schreien nach Widerstand. Unsere Aufgabe als sozialistische Partei ist es, diesen zu organisieren."

Neue Gesichter und neue Ideen?

Obwohl Schwerdtner erst 2023 in die Linke eingetreten ist, blickt sie bereits auf zwei Jahre als Vorsitzende zurück und gehört seit 2025 als direkt gewählte Abgeordnete dem Bundestag an. Die studierte Politologin hat also in kürzester Zeit eine Menge unterschiedlichster Erfahrungen sammeln können. Auf die allermeisten der neuen Linken-Mitglieder, die erstmals Delegierte auf einem Parteitag sein werden, gilt das Gegenteil.

Politik-Experte Souris ist deshalb gespannt, was in Potsdam passieren wird. Eine Partei lebe auch von neuen Ideen und Gesichtern, nennt er einen aus seiner Sicht wichtigen Aspekt. "Es wird spannend werden, inwiefern gerade bei politisch brisanten Themen wie Außenpolitik Kompromisse hergestellt werden können." Das gilt allen voran für das Verhältnis der Linken zu Israel.

Antisemitismus - ein wiederkehrender Vorwurf

Immer wieder sorgen einzelne neue Mitglieder und von ihnen geprägte Landesverbände mit umstrittenen Aussagen zur Nahost-Politik für Schlagzeilen. Mitunter ist von Antisemitismus die Rede. Auch deshalb fragt sich Souris: "Haben die Neuen schon ein gewisses Maß an Loyalität gegenüber der Gesamtpartei, um eigene Interessen zurückzustellen?" 

Kiesewetter: "Trump knickt vor iranischen Despoten ein"

Einen Tag früher als ursprünglich geplant haben die USA und der Iran eine Rahmenvereinbarung zum Ende des Krieges am Golf unterzeichnet. US-Präsident Donald Trump tat das noch am Mittwoch Abend im Schloss Versailles nahe Paris, nach dem Ende des G7-Gipfels in Frankreich. In Teheran unterschrieb Irans Präsident Massud Peseschkian die Einigung. Aber wie so oft seit Kriegsbeginn am 28. Februar sind auch jetzt - bei aller spürbaren Erleichterung - viele  Fragen offen. Und im politischen Berlin stößt der bisher bekannte Inhalt der Vereinbarung zum Teil sogar auf schroffe Ablehnung.

So ließ etwa der Außenexperte der konservativen Regierungspartei CDU, Roderich Kiesewetter, kaum ein gutes Haar an dem aus 14 Punkten bestehenden Papier. Er sagte der DW mit Blick auf den Iran, die Vereinbarung sei eine "beispiellose Belohnung für Staatsterrorismus", und fügte hinzu: "Dieser sogenannte Iran-Deal ist das Paradebeispiel dafür, dass der US-Präsident einknickt, sobald Despoten ernsthaft drohen und es auf strategische Standhaftigkeit ankäme." Stattdessen werde das stark unter Druck stehende Mullah-Regime durch die Freigabe von 24 Milliarden Dollar an eingefrorenen Geldern und durch ein, so Kiesewetter, "absurdes" 300-Milliarden-Dollar-Aufbauprogramm an der Macht gehalten.

Bleibt die Straße von Hormus gebührenfrei? 

Tatsächlich sind die USA dem Iran weit entgegengekommen, um eine Vereinbarung zu erreichen. Das 14-Punkte-Papier soll nun die Grundlage sein, um in den nächsten 60 Tagen strittige Punkte zu klären, was viele Experten als viel zu kurz erachten. Besonders brisant: Unklar scheint, ob die Schiffspassage durch die für die Weltwirtschaft wichtige Straße von Hormus, so wie vor dem Krieg, wieder gebührenfrei wird. Zunächst gilt das nur für die 60 Tage, die Vertreter beider Seiten sich nun für die Verhandlungen Zeit lassen wollen. Iran möchte in Zukunft Gebühren für die Passage erheben.

Das Bild zeigt drei Tanker in der Straße von Hormus im Mai 2026
Schiffsstau in der Straße von Hormus im Mai diesen Jahres: Die Reeder hoffen auf eine freie Durchfahrtnull Amirhosein Khorgooi/ISNA/WANA/REUTERS

Und so fällt die Reaktion der deutschen Reeder auf die erste Einigung auch vorsichtig aus. Zwar begrüßte der Verband Deutscher Reeder (VDR) die Unterzeichnung als "wichtigen ersten Schritt". Aber VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger fügte hinzu, er erwarte zunächst keine sofortige Rückkehr zum normalen Schiffsverkehr. Wichtig sei nun, "dass Risiken für die Schifffahrt, insbesondere mögliche Minengefahren, in den kommenden Wochen beseitigt werden und die Sicherheit von Seeleuten und Schiffen dauerhaft gewährleistet ist". Dem Verband zufolge sitzen derzeit rund 45 Schiffe deutscher Unternehmen in der Region fest.

Was wird aus Irans Atomprogramm?

Keinerlei Festlegungen trifft das Papier zudem zum iranischen Atomprogramm, sieht man von der von Teheran schon oft gebrauchten unverbindlichen Formulierung ab, niemals den Besitz von Atomwaffen anzustreben. Auch hier verurteilt Roderich Kiesewetter das Abkommen scharf: "Es belohnt Irans Aggression mit Milliardenbeträgen, vertagt die entscheidenden Sicherheitsfragen und lässt Raketenprogramm, Terrornetzwerke und nukleare Aufrüstung unangetastet. Teheran bekommt dadurch Zeit, Geld und politischen Spielraum für die nächste Eskalation."

Das Bild zeigt Teilnehmer einer Anti-USA-Israel-Demonstration in Teheran Anfang Juni 2026
Festigt der Rahmenvertrag das Mullah-Regime? Auf einer Anti-USA-Demonstration in Teheran Anfang Juni feiern Teilnehmer den obersten Führer des Iran, Modschtaba Chameneinull Majid Asgaripour/WANA/REUTERS

Ähnlich formuliert das Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour von den Grünen, der im Iran geboren wurde. Er sagte am Donnerstag über die US-Regierung: "Sie wollen einfach nur den Konflikt verlassen und lassen nun die Menschen im Iran und in der gesamten Region mit einem gestärkten Regime zurück." Deutschland und andere europäische Länder dürften der Aufhebung von Sanktionen gegen den Iran nicht zustimmen, nur weil sie Teil der brüchigen Vereinbarung seien.

Zum Atomprogramm führte Nouripour aus: "Wenn jetzt die amerikanische Seite glaubt, man könne mit dem Iran einfach ein Abkommen vereinbaren, weil die versprochen haben, die Atombombe nicht zu bauen, dann verkennt sie, dass die das Versprechen häufig abgegeben, aber immer wieder jede Vereinbarung unterwandert haben.

Israel hat das Abkommen nicht unterzeichnet

Schon vor der Unterzeichnung des Rahmenvertrages, am Ende des G7-Gipfels in Evian am Genfer See, hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sich zur Rolle Israels im Iran-Krieg geäußert. Er sagte: "Wichtig ist, dass dieser Konflikt jetzt beendet wird, und Israel darf nicht zum Konflikttreiber werden, sondern muss eine aktive Rolle einnehmen, den Konflikt jetzt zu beenden - und die Chance gibt es."

Das Bild zeigt den Vizepräsidenten des Bundestages Omid Nouripour bei einem Statement im Bundestag
Omid Nouripour von den Grünen findet, dass Deutschland der Aufhebung von Sanktionen gegen den Iran nicht zustimmen darf null DW

Aber genau dieser Punkt empört Volker Beck, den Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Er schreibt in einer Presseerklärung: "Das Signal ist für Israel, dessen Sicherheitsinteressen offenbar übergangen wurden, verheerend. Denn obwohl Israel das Abkommen nicht unterzeichnet, könnten die Formulierungen zu einem Kriegsende 'an allen Fronten' dazu dienen, Jerusalem politisch unter Druck zu setzen und seine Selbstverteidigung gegen Hisbollah und andere iranische Proxies einzuschränken."

Tatsächlich hat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu schon angekündigt, weiter Soldaten in den besetzten Gebieten im Libanon zu stationieren. Und die Gefechte zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon sind in den vergangenen Tagen unvermindert weitergegangen.

Deutsche Schiffe laut Pistorius bereit für Hormus-Einsatz

Die beiden Schiffe der deutschen Marine - das Minenjagdboot "Fulda" und der Tender "Mosel" - sollen sich im Roten Meer vor Dschibuti bereithalten, um schnell in der Straße von Hormus einsatzbereit zu sein. "Wir wollen, wenn es gefordert ist und Realität wird, schnell handlungsfähig und vor allen Dingen schnell dann in der Straße von Hormus sein", sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius dazu in Brüssel, wo er seine Amtskollegen aus den NATO-Staaten traf.

Die Schiffe sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums in einem multinationalen Verband unterwegs und brauchen noch fünf bis sieben Tagen bis zu ihrem Zwischenziel. Insgesamt befinden sich demnach rund 140 Soldaten und Soldatinnen an Bord.

Deutschland Kiel 2026 | Minenjagdboot Fulda läuft Richtung Mittelmeer aus
Das deutsche Minenjagdboot "Fulda"null Marcus Golejewski/dpa/picture alliance

Die Bundeswehr hatte die Schiffe bereits Anfang Mai ins östliche Mittelmeer verlegt. Mittlerweile haben sie den Suezkanal durchfahren. Deutschland gilt bei der Minenräumung international als eine der führenden Nationen.

Drohnen sollen Minen orten

Die 1998 in Dienst gestellte "Fulda" verfügt über eine Druckkammer für Taucher und ist mit Drohnen ausgerüstet, die Minen orten können. Minentaucher können die Sprengkörper dann unschädlich machen. Neben autonomen Drohnen, die ein bestimmtes Seegebiet selbstständig erkunden, stehen gelenkte Unterwasserdrohnen zur Verfügung, die über eine Kamera und einen Greifer verfügen.

Experten gehen davon aus, dass der Iran kurz nach Beginn des Krieges mehrere Dutzend Seeminen in der Meerenge verteilt haben soll - auch wenn Teheran einen solchen Einsatz nie bestätigt hat. US-Präsident Donald Trump teilte zwischenzeitlich mit, dass einige der Minen bereits geborgen worden seien. 

Deutschland Ostsee vor Kiel 2025 | NATO-Manöver Baltic MCM Squadex | Tender Mosel
Als Versorgungsboot dabei: der Tender "Mosel" (Archivbild)null Maurizio Gambarini/Funke Foto Services/IMAGO

Während des Transits beteiligen sich die Schiffe an der EU-Marinemission "Aspides" und tragen zum maritimen Lagebild im Roten Meer bei. Sie sammeln also Informationen, die auch Grundlage für weitere Entscheidungen sein können. 

Pistorius: "Wir sind jedenfalls ready"

Die Bundesregierung will zeigen, dass sie in einer internationalen Koalition einen Beitrag zum Schutz der Schifffahrt in der Straße von Hormus leisten will. "Wir sind jedenfalls ready", sagte Pistorius dazu. Für die Fahrt näher an das mögliche Einsatzgebiet sei noch kein Mandat des Bundestages nötig, sagte Pistorius. Dieser Schritt sei abgedeckt über das deutsche Mandat für "Aspides".

Ob es überhaupt zu einem Minenräumeinsatz in der Straße von Hormus komme, sei noch offen, erklärte Pistorius. Nötig sei ein klarer internationaler völkerrechtlicher Rahmen, der unterschiedliche Ausformungen haben könne. Dazu kommt das Mandat des Bundestages, der damit vor der Sommerpause befasst werden soll.

Nötig seien zudem die Zustimmung des Irans und des Omans für Minenräumaktivitäten, sagte Pistorius weiter. Die Bundeswehrsoldaten sollen laut Pistorius nicht in eine unklare Lage gebracht werden, in der sie selbst Ziel werden könnten.

Vieles hänge jetzt davon ab, wie die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA in den nächsten 60 Tagen verliefen, fügte der Minister hinzu. "Sehr zu begrüßen" sei jedenfalls der "Fortschritt, den es jetzt mit der Verabredung darüber gibt, die Kampfhandlungen sofort einzustellen".

gri/ie (dpa, afp)

Redaktionsschluss 16.00 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert! 

Klimaverhandlungen: Der Streit um ein konkretes Ende für Öl und Kohle verschärft sich

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran könnte bald enden, wenn das neue Friedensabkommen trägt. Doch bis die globale Wirtschaft wieder läuft wie voher wird es noch Monate oder sogar Jahre dauern, sagen Experten.

Der Irankrieg und die aktuelle Energiekrise zeigen die große Abhängigkeit der Weltwirtschaft von Öl und Gas. Für einige Ökonomen und die Verfechter von mehr Klimaschutz ist das ein weiterer Grund, sich schnell von fossilen Brennstoffe zu verabschieden und mit sauberen Energien unabhängiger zu werden. 

"Der Krieg im Nahen Osten verursacht unermessliches menschliches Leid und löst eine Kostenkrise bei fossilen Brennstoffen aus, die Volkswirtschaften überall in den Würgegriff nimmt ", so UN-Klimachef Simon Stiell in seiner Eröffnungsrede zu den diesjährigen-Klimaverhandlungen in Bonn.

In den vergangenen zwei Wochen trafen sich dort Diplomaten der 195 Länder des Pariser Klimaabkommens zu Zwischenverhandlungen, ein jährliches Arbeitstreffen zur Vorbereitung Weltklimagipfels in der Türkei im November.

Es sei völlig klar: Wenn wir unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen fortsetzten, bedeute das weiter Inflation und wirtschaftliche Instabilität zu importieren, so Stiell.

US-Kampfhubschrauber patrouillieren über der Straße von Hormus. Unten im Meer sieht man Containerschiffe treiben.
Im Zuge des Irankriegs steht die Frage nach Energiesicherheit weltweit im Fokus. Ob das mehr Investitionen in erneuerbare Energien bringt, ist noch nicht klar. null US Central Command/AFP

Das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas ist der Haupttreiber der menschengemachten Erderwärmung. Die Weltgemeinschaft hat sich dazu verpflichtet, den Klimawandel auf möglichst 1,5 Grad aber deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. 

Bei den jährlichen UN-Klimaverhandlungen wird darüber gesprochen, wie die Länder das fair und gerecht erreichen können. Dabei geht es um Klimaziele, um Anpassung an die Folgen der Erwärmung und um Geld. 

Kurioserweise galt es in den Verhandlungsräumen jahrelang als Tabu, konkret über den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen zu sprechen. Nicht mal im Pariser Klimaabkommen selbst findet man das die Wörter "fossile Brennstoffe ".

In Bonn sei zu beobachten, dass die aktuellen Ölpreisschocks die Debatte veränderten, sagt Jan Kowalzik, der die Verhandlungen seit vielen Jahren für die Nichtregierungsorganisation Oxfam Deutschland begleitet.

Vor allem für Länder, die auf Öl- und Gasimporte angewiesen seien, lieferten die steigenden Preiseein zusätzliches Argument für den Ausstieg aus fossilen Energien und hätten neue Diskussionen angestoßen. 

Doch: in den derzeitigen Verhandlungen über Prozesse, Mandate und Beschlusstexte spiegele sich diese veränderte Stimmung bislang kaum wider. 

Der Klimaminister der Niederlande und der des Inselstaats Tuvalu geben sich auf einer Bühne die Hand
Neue Allianzen wollen den Ausstieg vorantreiben, weil die Klimaverhandlungen zu langwierig sind null Ivan Valencia/AP Photo/picture alliance

Afrika lehnt "Allianz der Willigen " ab

Auch beim Weltklimagipfel in Brasilien im November 2025 war es den Staaten trotz langer Verhandlungen bis spät in die Nacht nicht gelungen, sich klar zum Ausstieg und zu einem Fahrplan weg von den Fossilen zu bekennen. 

Blockiert haben das insbesondere Ölstaaten wie Saudi-Arabien und der Iran. Aber auch China, Russland, Tansania und der Senegal wollten nicht mitziehen.

Als Reaktion darauf trafen sich Ende April mitten in der Öl- und Gaskrise rund 60 Länder in Kolumbien zur ersten Konferenz zum konkreten Ausstieg aus fossilen Energieträgern (Transitioning Away from Fossil Fuels, TAFF).

Es war nicht weniger als der Gipfel einer "Allianz der Willigen. "

Daniela Durán vom kolumbianischen Umweltministerium spricht vor dem Plenum
Vertreter Kolumbiens und anderer Länder setzten sich auf dem Klimagipfel in Brasilien für einen gemeinsamen Ausstiegspfad aus den Fossilen ein - ohne Erfolg.null Pablo Porciuncula/AFP

Gastgeber waren Kolumbien und die Niederlande. Zu den Teilnehmern zählten neben Brasilien, Australien, Norwegen viele Länder, die besonders vom Klimawandel betroffen sind. Deutschland war auch anwesend, schickte aber keinen Minister.

Ob und wie das Treffen in Kolumbien die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens beeinflussen sollte, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. 

Klar ist: die Beschlüsse der TAFF-Konferenz sind nicht Teil der UN-Klimaverhandlungen. Dennoch arbeitete man auch in Bonn hinter den Kulissen weiter an zukünftigen Arbeitsabläufen der TAFF-Allianz, sagte die Top-Diplomatin eines Teilnehmerlandes zur DW unter der Bedingung, anonym zu bleiben.

Gegner eines klaren Ausstiegs aus Öl, Kohle und Co sind besorgt, die Forderungen der Ausstiegs-Allianz könnte die Dynamik der UN-Klimaverhandlungen beeinflussen. 

"Das ist ein multilateraler Prozess, und wir sollten uns nicht außerhalb dieses Prozesses engagieren, um später dann wahrscheinlich anderen, die nicht bereit dazu sind, diese Ergebnisse aufzuzwingen, " so der Chef-Verhandler der afrikanischen Länder Antwi-Boasiako Amoah im DW Interview. 

Rohöltank in der Dangote-Raffinerie im Bezirk Ibeju Lekki
Viele afrikanische Länder sind auf Kohle, Öl und Gas angewiesen. Entweder für die Energieversorgung oder um Einnahmen zu generieren.null Sodiq Adelakun/REUTERS

Afrikas Haltung zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas ist ambivalent. Während einige Staaten wie Nigeria selber Öl exportieren, brauchen andere afrikanische Länder fossile Brennstoffe als Energiequelle. Gleichzeitig leiden viele Staaten schon heute extrem unter den Folgen der Klimakrise. Für mehr Investitionen in erneuerbare Energien und nachhaltigen Wohlstand fehlt oft das Geld und der Zugang zu günstigen Krediten am internationalen Finanzmarkt. Afrikanische Länder haben insgesamt weniger als 4 Prozent der historischem Emissionen zum Klimawandel beigetragen.

Allerdings sehen auch andere Verhandler neue Allianzen außerhalb des Pariser Abkommens kritisch. Nach wie vor könnte in vielen Runden nicht über einen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen gesprochen werden. "Immer wenn wir es versuchen, bringen Saudi-Arabien und seine Freunde alle möglichen verfahrensrechtlichen Einwände vor oder versuchen es mit anderen Manövern ", heißt es aus Diplomatenkreisen.

Mehr Erneuerbare durch Energiekrise? 

Die jüngste Energiekrise ist nach Einschätzung von IEA-Chef Fatih Birol keine Ausreißer, sondern zeigen die Verwundbarkeit eines fossilen Energiestems.

Die politischen Antworten der Länder auf die Energiekrise sind laut einem neuen Berichtdes deutschen Think Tanks New Climate Institute gemischt. 

Viele Länder, darunter auch Deutschland, haben mit klassische Instrumente wie Steuererleichterungen für fossile Brennstoffe reagiert. Andere hätten stattdessen die vermehrte Elektrisierung durch Reformen gefördert. Dazu gehören unter anderem die EU, Chile, Indonesien, Vietnam.

Die Forscher stellen fest, dass sich seit den vergangenen Energiekrisen die Welt und ihr Energiesystem einerseits dauerhaft verändert hätten. Zwar würden  Regierungen zunehmend die Risiken der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen erkennen, doch blieben wirksame politische Konsequenzen bislang vielfach aus.

COP30-Präsident Do Lago bei Pressekonferenz. Hinter ihm ein Bildschrim, darauf steht: "Please stand by. We will beginn shortly"
Der scheidende COP- Präsident Do Lago (2.v. links) ruft in Bonn dazu auf, vom Verhandeln ins Umsetzen zu kommennull Tim Schauenberg/DW

Umsetzung des Klimaabkommens im Fokus 

Bevor der die Türkei gemeinsam mit Australien die Präsidentschaft der nächsten Klimaverhandlungen übernimmt, zog der scheidende Vorsitzende, Brasiliens COP30 Präsident Do Lago vor Journalisten in Bonn Bilanz. 

"Wir vollziehen derzeit den Wandel von einer Weltklimakonferenz, deren Schwerpunkt auf Verhandlungen lag, hin zu einer Konferenz deren Schwerpunkt auf der Umsetzung liegt."

Die Staaten hatten sich in Brasilien unter anderem darauf geeinigt, dass die Summe, die Entwicklungsländer für die Anpassung erhalten sollen, bis 2035 verdreifacht wird.

In Bonn wurde jetzt diskutiert, auf welches Jahr sich die Verdreifachung beziehen soll. Nimmt man das Basisjahr 2019, wäre das eine Verdreifachung von den damals 20 Milliarden Dollar. Wäre 2025 mit 40 Milliarden Dollar das Basisjahr, läge der Betrag deutlich höher.

Antwi-Boasiako Amoah betont, dass gerade Afrika die Kosten der Klimaanpassung nicht über neue Schulden tragen könne. Statt Krediten brauche der Kontinent mehr öffentliche Zuschüsse und eine deutliche Aufstockung der internationalen Klimafinanzierung. Das Thema wird in beim Klimagipfel in Türkei weit oben auf der Agenda stehen. 

Kann Künstliche Intelligenz die Umwelt retten?

Das Entstehen einer neuen Weltordnung

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine an der Ostflanke der Europäischen Union, die Miss- oder besser noch - Verachtung des internationalen Rechts durch die USA unter Präsident Trump und die Vorwürfe der Verletzung des humanitären Völkerrechts durch Israel im Nahost-Konflikt haben viele Europäer in Schock versetzt. Die Weltordnung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat, scheint an ihr Ende gekommen zu sein. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026: "Diese Ordnung, so unvollkommen sie selbst zu ihren besten Zeiten war, sie gibt es so nicht mehr."

Gesprächspartner in Asien sind oft verwundert über die Bestürzung mancher Europäer. So sagt der ehemalige singapurische Diplomat Bilahari Kausikan im Gespräch mit der DW auf der asiatischen Sicherheitskonferenz Shangri-La Dialog: "Ich denke, dass Wettbewerb und Konflikt grundlegende Eigenschaften internationaler Beziehungen sind. Diese ewigen, harten Wahrheiten wurden für eine kurze Zeit verdeckt – vielleicht etwa 20 Jahre lang, vom Fall der Berliner Mauer bis zum Ausbruch der globalen Finanzkrise. Denn es handelte sich um eine außergewöhnliche Phase der Weltgeschichte." Und er fügt hinzu: "Europa dachte, dass der Dschungel dauerhaft gezähmt worden sei. Und erlebte dann einen Schock."

Bundeskanzler Friedrich Merz spricht bei der Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 im Bayerischen Hof
Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt auf der Münchner Sicherheitskonferenz das Ende der bisherigen Weltordnungnull Matthias Balk/dpa/picture alliance

Die USA kehren nicht zurück

Der Politologe und Leiter des Asien-Pazifik-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung Marc Saxer erklärt im Gespräch mit der DW, dass diese unterschiedliche Sichtweise zwischen Europa und Asien das Resultat unterschiedlicher historischer Erfahrungen sei. Europa habe unter dem Schutzschirm der USA den Traum einer liberalen Weltordnung träumen können. Für Asien war das undenkbar.

Die Bestrebungen, eine liberale Weltordnung durchzusetzen, hält Saxer für gescheitert und eine "Rückkehr der USA in die Rolle, die sie bis in die 2010er Jahre gespielt hat, halte ich aus strukturellen Gründen für unmöglich". Das unipolare Moment sei endgültig vorbei. Die USA hätten sich mit den Konfliktzonen in Europa, dem Nahen Osten und Asien-Pazifik strategisch überdehnt.

Großmachtphantasien

Thomas Kleine-Brockhoff von der Gesellschaft für Auswärtige Politik attestiert den USA im Gespräch mit der DW weniger eine Überdehnung als ein imperiales Projekt. Die USA versuchen "eine hegemoniale Welt von Großmächten, eine Art Weltdirektorat mit Russland und China zu begründen." Sie wollen eine Welt der Einflusssphären von Großmächten.

In der Folge werden das internationale Recht und multilaterale Institutionen wie die Vereinten Nationen von den USA, China und Russland (aus je eigenen Gründen und mit je eigenen Absichten) untergraben.

Das Ergebnis ist laut Saxer, der ein Buch unter dem gleichnamigen Titel veröffentlicht hat, die "Wolfswelt", womit eine Welt gemeint ist "in der das Recht des Stärkeren über die Stärke des Rechts triumphiert."

Gegenbewegung von Asien bis Amerika

An einer solchen Welt haben die meisten anderen Staaten naturgemäß kein Interesse. Doch welche Gegenbewegungen zeichnen sich ab? Kleine-Brockhoff sieht drei konkrete Reaktionen, die jeweils von der geographischen Lage und dem strategischen Umfeld abhängen.

Japan, das in unmittelbarer Nähe zur aufstrebenden Macht China liegt und in Asien-Pazifik nur wenige gleichgesinnte Partner hat, habe keine Wahl, als zu versuchen die Zusammenarbeit mit den USA zu vertiefen.

Europa, das geographisch eine Einheit bildet und politisch verzahnt ist, setzte auf "Selbststärkung in ökonomischer und militärischer Hinsicht", so Kleine-Brockhoff. Es versuche dabei die USA in der Übergangsphase so lange wie möglich bei der Stange zu halten, um letztlich auf eigenen Beinen zu stehen.

Das dritte Modell - eine Art Gegenbündnis der Mittelmächte - habe Mark Carney auf seiner vielbeachteten Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2026 formuliert: "Die alte Ordnung kehrt nicht zurück. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie. Doch aus dem Bruch heraus können wir etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen. Das ist die Aufgabe der Mittelmächte."

Kanadas Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2026
Kanadas Premierminister Mark Carney rief die Mittelmächte bei seiner Rede in Davos zur Zusammenarbeit aufnull Sean Kilpatrick/The Canadian Press/AP Photo/picture alliance

Neuaushandlung in einer multipolaren Welt

Saxer, der ähnlich wir Carney argumentiert, betont als wesentlichen Aspekt des Aushandlungsprozesses, dass sich der Kreis erweitere: "Das Besondere an dieser historischen Zäsur liegt darin, dass erstmals seit Jahrhunderten nicht-westliche Mächte entscheidend mitbestimmen, wie die nächste Weltordnung gestaltet wird." Im Gegensatz zu früher wird "Ordnung nicht mehr Verwestlichung bedeuten", sagt Saxer.

Ordnungspolitische Konzepte werden Vorstellungen Chinas, wo Regeln vor allem dem Kollektiv und nicht in erster Linie dem Individuum dienen, ebenso berücksichtigen müssen wie Überzeugungen der muslimischen Welt, die auf der Gemeinschaft der Gläubigen beruhen. Allerdings gibt es auch innerhalb dieser Ordnungsvorstellungen wiederum Auseinandersetzungen, so die zwischen dem schiitischen und dem sunnitischen Islam.

Warum die USA eine neue Weltordnung wollen

Navigieren in der "Wolfswelt"

Um in dieser Welt zu bestehen, betont Saxer drei Aspekte, die über Carneys Idee hinausgehen:

  1. Erstens sollten auch kleinere Mächte wie beispielsweise Neuseeland, Norwegen oder Singapur eingeschlossen werden. Jeder, "der ein Problem proaktiv und konstruktiv" bearbeiten will, ist laut Saxer hilfreich.
  2. Zweitens sollte die Zusammenarbeit nicht als Allianz, sondern als "Partnerschaften der Mitte" begriffen werden, um jeder Blockbildung vorzubeugen.
  3. "Drittens kann die Bewältigung globaler Herausforderungen angesichts begrenzter Kapazitäten nicht allein auf Koalitionen gleichgesinnter Demokratien bauen. Partnerschaften in der Mitte müssen alle lösungsorientierten Staaten zusammenbringen, unabhängig von ihrer inneren Verfasstheit", so Saxer.

Helsinki 2.0

Dieser pragmatische Ansatz überwindet die wertebasierte Politik und die Suche nach gleichgesinnten Partnern (like-minded partners). An Stelle der Wertepartner treten Interessenspartner. Statt einem Neben- oder Gegeneinander von gleichgesinnten Partnern gibt es Kooperation in den Bereichen, wo die Interessen übereinstimmen, und keine, wo sie auseinandergehen. Freilich immer unter Wahrung einiger unverhandelbarer Prinzipien wie den Menschenrechten.

Um das zu erreichen, schwebt Saxer ein Art "Helsinki 2.0" vor. In den frühen 1970er Jahren haben sich während des Ost-West-Konfliktes die USA und die Sowjetunion unter Beteiligung europäischer Nato-Staaten und Staaten des Warschauer Pakts bei der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) auf eine Selbstverpflichtung geeinigt, die nicht den Status eines völkerrechtlichen Vertrags hatte. Diese auch als Helsinki-Erklärung bekanntgewordene Einigung regelte vor allem Sicherheitsfragen in Europa und kann auf die Formel "Universalismus ohne Einmischung" gebracht werden. Dieser Ansatz sei, so Saxer, jetzt wieder aktuell.

Leonid Breschnew unterzeichnet die Helsinki-Schlussakte am 1. August 1975
Leonid Breschnew (rechts) unterzeichnet die Helsinki-Schlussaktenull Vladimir Musaelyan/TASS/picture alliance

Nebeneinander verschiedener Ordnungen

Kleine-Brockhoff ist skeptisch, was die Stabilität solcher Konstellationen angeht, insbesondere, da es heute anders als damals an starken Ordnungskräften mangelt. "Jede Ordnung braucht Ordnungskräfte und ein Mindestmaß an Regel- und Regelbeachtung." Die fluide Vorstellung von Interessenpartnern, die etwa in der Klimapolitik kooperieren, aber in der Sicherheitspolitik gegeneinander arbeiten, bleibe letztlich volatil. Im Hinblick auf Carney sagt Kleine-Brockhoff: "Ich sehe die Gegenkräfte, aber nicht die Verbindung der Gegenkräfte." Die Mittelmächte seien letztlich zu unterschiedlich und hätten zu unterschiedliche Interessen.

Kleine-Brockhoff beobachtet stattdessen die Entstehung einer Multi-Ordnungswelt. Gemeint ist damit das "Nebeneinander von verschiedenen Ordnungsmodellen mit begrenzter Durchsetzungstiefe". Vorstellbar wäre etwa eine Ordnungseinheit gleichgesinnter Partner wie der EU mit Japan und Australien, deren Einfluss dann aber weitgehend auf sich selbst beschränkt bliebe.

Schlechte Zeiten für öffentliche Güter

In der Konsequenz erschwert die aktuelle Entwicklung die Bewahrung globaler öffentlicher Güter. Die Eindämmung des Klimawandels, das Management globaler Gesundheitsrisiken wie Pandemien, die Sicherung von Frieden werden immer schwieriger.

Kleine-Brockhoff befürchtet deswegen das Heraufziehen einer Ära der "unendlichen Trittbrettfahrerei". Statt gemeinsam an den globalen Herausforderungen zu arbeiten, werden einzelne Akteure verstärkt ihren eigenen Vorteil suchen.

Genau um das zu verhindern, sieht Saxer keine Alternative als die Zusammenarbeit von Interessenpartnern, die bereit sind, pragmatisch zu kooperieren. Der von ihm skizzierte transformative Realismus bietet seiner Ansicht nach die beste Möglichkeit, nach dem Ende der liberalen Ordnung verschiedene Ordnungsvorstellungen zu integrieren, um je spezifische globale Herausforderungen zu bearbeiten, ohne zurückzufallen in die Bildung von Blöcken.

G7-Gruppe macht der Ukraine neue Hoffnung

Die G7-Staaten haben der Ukraine ihre geschlossene Unterstützung zugesichert. Man stehe geeint hinter der Ukraine und unterstütze deren territoriale ​Unversehrtheit, teilen die Staats- und Regierungschefs der sieben großen westlichen Industrienationen ​in einer gemeinsamen Erklärung mit.

Sie haben sich zu einem Gipfeltreffen ​in dem französischen Ort Évian am Genfer See versammelt. Zur G7 gehören neben Frankreich, das derzeit den Vorsitz innehat, die USA, Deutschland, Großbritannien, Italien, Japan und Kanada - auch Vertreter der Europäischen Union sitzen immer mit am Tisch. 

Strafmaßnahmen im Öl-und Gassektor werden verschärft

Der Druck auf die russische Kriegswirtschaft soll erhöht werden. "In diesem Zusammenhang werden ‌wir unsere Sanktionen verstärken, darunter jene im Öl- ‌und ​Gassektor", heißt es in dem Dokument weiter.

G7-Gipfel 2026 | Emmanuel Macron und Wolodymyr Selenskyj gehen in Évian durch eine Parkanlage
Frankreichs Präsident Macron: Wir stehen fest an der Seite der Ukraine - hier mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj (l.) null Ludovic Marin/AFP

Zudem vereinbarten die Gipfelteilnehmer, die Lieferung von weitreichenden Waffen und Luftverteidigungskapazitäten an die Ukraine auszuweiten. Mit dem Ausbau der Unterstützung soll nach Angaben der G7-Gruppe die neue Dynamik unterstützt werden, die in den vergangenen Monaten durch ukrainische Fortschritte an der Front entstanden ist. Im Hinblick auf das geplante Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran wird von einem "richtigen Zeitpunkt" gesprochen.

Neben weiteren Waffen versprechen die G7-Staaten der Ukraine in der Erklärung auch zusätzliche Unterstützung, um den kommenden Winter zu bewältigen. Darüber hinaus sichern sie dem Land zu, die Vergabe von Lizenzen für eine Steigerung der militärischen Produktion zu prüfen.

Merz: Tag der Hoffnung für die Ukraine

Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich am Dienstag am Rande des Gipfels sehr zufrieden. Vor Journalisten sprach er von einem "Tag der Hoffnung" und sagte zur aktuellen Lage der Ukraine: "Das kann vielleicht erstmals eine Chance auf einen Frieden eröffnen." Merz blickte dabei auch auf das Auftreten von US-Präsident Donald Trump, und sagte, er habe diesen "sehr kooperativ gesehen".

Frankreich Evian 2026 | G7-Gipfel | Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump im Vier-Augen-Gespräch
Der ukrainische Präsident Selenskyj (l.) und US-Präsident Trump in Évian null Ukrainian Presidential Press Service/AFP

Trump rief Russland dazu auf, "diesen Krieg zu beenden". Das Land habe so viele Menschen verloren wie auch die Ukraine, sagte der US-Präsident. "Sowas gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr."

Macron: Moment des strategischen Erwachens

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete das Gipfeltreffen als "Moment des strategischen Erwachens". Gemeinsam hätten sich die USA, Kanada, Japan und die Europäer dazu entschlossen, der Ukraine zur Seite zu stehen.

G7-Gipfel 2026 | Friedrich Merz hat Donald Trump ein DFB-Trikot mit der Nr. 47 auf dem Rücken überreicht
Am Rande in Évian: Bundeskanzler Merz schenkt US-Präsident Trump zu dessen 80. Geburtstag ein DFB-Fußball-Trikot mit der Nr. 47 - Trump ist der 47. Präsident der Vereinigten Staaten null Michael Kappeler/dpa/picture alliance

G7-Staaten hoffen auf Frieden in der Golf-Region

In ihrer Erklärung geht die G7-Gruppe auch ausführlicher auf den Iran-Krieg ein. Die von Präsident Trump erzielte Vereinbarung, die am Freitag in der Schweiz von Vertretern Washingtons und Teherans unterzeichnet werden soll, könne "Frieden und Sicherheit für alle in der Region bringen", heißt es.

"Wir unterstützen die Umsetzung des Abkommens und sind bereit, dazu beizutragen", versichern die G7-Staaten weiter. In Bezug auf die Straße von Hormus am Persischen Golf bekräftigen sie, dass "das Recht auf ungehinderte und gebührenfreie Durchfahrt die Grundlage des internationalen Handels bildet".

"Iran darf niemals eine Atomwaffe erlangen"

Es seien nun Verhandlungen mit dem Ziel eines "umfassenden und weitreichenden" Folgeabkommens nötig, um "die von Iran in der Region und darüber hinaus ausgehenden Bedrohungen" anzugehen und "sicherzustellen, dass Iran niemals eine Atomwaffe erlangt", heißt es weiter. 

se/AR (dpa, rtr, ap, afp, ARD)

Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MESZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!  

Johann Wadephul: "Der Zusammenhalt Europas ist entscheidend"

Der deutsche Bundesaußenminister Johann Wadephul war schon vor seinem Amtsantritt ein Politiker, der sich viel dem transatlantischen Verhältnis widmete und dabei immer wieder auch nach Mittel- und Osteuropa blickte. Er gilt in der Bundesregierung als jemand, dem die Unterstützung der Ukraine ein besonderes Anliegen ist. Auch mit Polen verbindet ihn einiges. Er hat familiäre Wurzeln in der Gegend um Bydgoszcz (Bromberg). Mit dem polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski pflegt er ein enges und freundschaftliches Verhältnis.

Anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Verteidigungsabkommens sprach die DW mit Wadephul über all diese Themen.

Zum transatlantischen Verhältnis sagte der Außenminister, dass es "nicht mehr so einfach wie vorher" sei. Dennoch blieben die Vereinigten Staaten ein Partner. Was ihn vor allem umtreibe, so Wadephul, sei der Zusammenhalt Europas, den es zu bewahren gelte und der "von entscheidender Bedeutung" sei.

"Illusionslose" Diplomatie

Das deutsch-polnische Verteidigungsabkommen betone die gegenseitigen Beistandsverpflichtungen innerhalb der NATO. Wadephul formuliert dabei unmissverständlich: "Wir werden keine Sekunde zögern. Wenn das NATO-Territorium angegriffen wird, und es geht ja im Zweifel nur um Russland, dann werden deutsche Soldatinnen und Soldaten sofort jeden Zentimeter verteidigen."

Im Mittelpunkt der europäischen Sicherheitspolitik steht für Wadephul derzeit die Unterstützung der Ukraine. In seinem Dienstzimmer hängt nicht zufällig eine ukrainische Flagge. "Wir haben gemeinsam die Ukraine zu unterstützen", sagt der Außenminister.
Auch über den Aggressor Russland spricht Wadephul ungewöhnlich klar. Auf die Frage, ob womöglich der russische Präsident Wladimir Putin den längeren Atem besitze, antwortet er entschieden: "Auf keinen Fall. Wir werden immer den längeren Atem haben." Der russische Angriffskrieg habe Grundsätzliches verändert. "Letzte Illusionen über eine mögliche Verständigung mit Russland sind durch den Angriffskrieg zerstört worden." Auf Nachfrage schließt Wadephul diplomatische Bemühungen zwar nicht aus, allerdings müssten sie "illusionslos" geführt werden. Auf absehbare Zeit werde Europas Sicherheit nur gegen Russland organisiert werden können, betont Wadephul.

Johann Wadephul: "Wir werden jeden Zentimeter verteidigen"

Polen komme dabei eine Schlüsselrolle zu. Die gelegentliche Kritik aus Warschau, wichtige europäische Abstimmungen, etwa das E3-Format zur Unterstützung der Ukraine, fänden ohne ausreichende polnische Beteiligung statt, könne er nachvollziehen. "Wir könnten die Ukraine nicht unterstützen ohne Polen. Das E3-Format wird nicht ein einziges Komma setzen, ohne dass Polen nicht einverstanden ist."

Historische Verantwortung Deutschlands

Insgesamt seien die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen deutlich besser als häufig angenommen. "Wir sind auf Augenhöhe", betont Wadephul. Mehr noch: Polen sei für Deutschland und Europa von erheblichem Gewicht.

Gleichzeitig betont Wadephul die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber Polen. Denn: "Deutsche haben sehr viel Schuld auf sich geladen." Dass antideutsche Ressentiments in Polen immer wieder aufflammen, betrachtet der Außenminister mit Bedauern. "Das beschwert mich", sagt Wadephul. "Aber lasst uns doch jetzt die europäische Zukunft miteinander gestalten", ist sein Appell. Der Außenminister spricht sich allerdings auch klar dafür aus, die noch überlebenden Opfer der deutschen Verbrechen während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg zu entschädigen.

Für die Zukunft des deutsch-polnischen Verhältnisses wünscht sich Wadephul vor allem eines: Normalität. "Ehrlich gesagt, langweilige Normalität. Wenn wir da wären, dann ist alles gut", sagt er. Am Ende des Gesprächs wird Wadephul persönlich. Auf die Frage nach Polen als Reiseland antwortet er mit einem Lächeln. Dort laufe manches besser. Und er fügt hinzu: "Ehrlich gesagt, das Essen schmeckt mir in Polen meistens auch besser als in Deutschland."

Antisemitismus-Bericht: Eine Zyklon-B-Dose als Facebook-Post

Im Bundesland Hessen wird ein Rabbiner vor den Augen seiner Kinder gestoßen, das Handy wird ihm entrissen. Die Täter machen den jüdischen Gelehrten in Deutschland für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich. Ein vergleichsweise harmloser Vorfall, für die Betroffen dennoch erschreckend.

Auch online werden Jüdinnen und Juden in Deutschland beschimpft oder sogar mit Morddrohungen konfrontiert. Eine Jüdin erhielt auf der Plattform Facebook das Bild einer Zyklon-B-Dose geschickt. Zyklon B, das Gas, das die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern nutzten, um im Holocaust Juden und Jüdinnen und andere Verfolgte zu ermorden. Der Post endete mit dem zynischen Kommentar: "Noch auf Lager."

Insgesamt rund 8700 solcher oder ähnlicher Fälle von antisemitischem Hass haben die Meldestellen des Vereins RIAS allein im vergangenen Jahr gesammelt. RIAS ist die Abkürzung für den "Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus". Der Verein, 2018 in Berlin gegründet, erfasst Anfeindungen in Wort oder Tat gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland und Einzelpersonen oder Institutionen, die als jüdisch wahrgenommen werden, sowie andere nicht-jüdische Menschen. Er orientiert sich an der Antisemitismus-Definition der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA). Diese wird von vielen Wissenschaftlern als vage kritisiert, was die Abgrenzung zwischen legitimer Kritik am Staat Israel und Antisemitismus betrifft.

RIAS hat regionale Meldestellen in 11 der 16 Bundesländer. Jetzt hat der Verein seinen Bericht für Deutschland im Jahr 2025 vorgelegt. Repräsentativ sind die Angaben nicht, der Verein fungiert als Sammelstelle von Beschwerden und versucht, die Ergebnisse zu kategorisieren.

Für den Verein RIAS beginnt Antisemitismus vor der Strafbarkeit

Immer wieder gibt es Kritik an der Erfassung von Vorfällen durch die Organisation. Nicht jeder Vorfall ist strafrechtlich relevant, also formell eine Straftat. Julia Kopp, Projektleiterin bei RIAS Berlin, sagt, dass Antisemitismus nicht erst an einer bestimmten Schwelle wie der Strafbarkeit beginne. Nach ihrer Einschätzung näherten sich in Berlin die Gesamtzahlen von Polizei und RIAS mittlerweile an.

Kritik an der Arbeit von RIAS kam in der Vergangenheit auch von der internationalen Organisation "Diaspora Alliance" mit Sitz in Berlin. Sie warf dem vom deutschen Staat geförderten Verein vor, israelbezogenen Antisemitismus zu stark zu betonen und rechtsextreme Aktivitäten zu unterschätzen. RIAS hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.

Das bundesweite RIAS-Ergebnis für 2025: Die Zahl der gemeldeten Anfeindungen liegt ungefähr auf dem Niveau von 2024. Erkennbar ist aber, dass die Vorfälle stark zugenommen haben, seit die islamistische Gruppe Hamas und andere am 7. Oktober 2023 Israel überfielen, mehr als 1200 Israelis töteten und 251 Menschen als Geiseln verschleppten. Im darauf folgenden Krieg im Gaza-Streifen wurden mehr als 71.000 Menschen getötet, die meisten Zivilisten.

Entwicklung im Krieg im Nahen Osten hat kaum Auswirkungen

Dass auch manche Jüdinnen und Juden in Deutschland die aktuelle israelische Regierung kritisch sehen, kümmert die Absender von Hass-Botschaften offenbar wenig. Auch aktuelle Entwicklungen im Nahost-Konflikt, etwa die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Oktober vergangenen Jahres, spiegeln sich in Zahl, Zeitpunkt und Intensität der Angriffe so gut wie gar nicht wieder.

Josef Schuster: Große Sorgen unter deutschen Juden

2025 registrierte der RIAS-Report bundesweit vier Fälle extremer Gewalt, bei denen glücklicherweise niemand ums Leben kam. Am meisten Schlagzeilen machte der Messer-Angriff auf einen spanischen Besucher des Stelenfelds, dem Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, im Februar 2025. Der Mann aus Spanien konnte durch einen Notarzt gerettet werden, der Täter wurde im März diesen Jahres zu 13 Jahren Haft verurteilt. Der Verurteilte stammt aus Leipzig und hielt den Spanier für einen Juden.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von RIAS ordnen 68 Prozent aller Vorfälle dem auf Israel bezogenen Antisemitismus zu. Der Staat Israel als Heimstätte jüdischer Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg wird als Staat aller jüdischen Menschen weltweit verstanden. Aber längst nicht alle Jüdinnen und Juden weltweit sind Israelis und umgekehrt sind längst nicht alle Menschen mit israelischem Pass jüdischen Glaubens.

Darauf wies jetzt auch Josef Schuster hin, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er sagte im Interview mit der DW vor wenigen Tagen: "In Israel gibt es eine gar nicht so kleine christliche und auch muslimische Minderheit. Und Juden in Deutschland haben primär einen deutschen Pass."

Felix Klein: "Antisemitismus bedroht unsere Demokratie"

Alarmiert von den Zahlen im RIAS-Report zeigt sich auch Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.

Er sagte: "Der Jahresbericht von RIAS zeigt, Antisemitismus ist in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch." Er betont: "Antisemitismus bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden. Er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik."

Das Bild zeigt das Portrait eines Manns im dunklen Jackett mit Brille und grauen Haaren: den Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung Felix Klein
Felix Klein ist seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für Antisemitismus und für jüdisches Leben in Deutschlandnull Metodi Popow/dpa/picture alliance

Schuster berichtet von wachsender Sorge in jüdischen Gemeinden

Alarmierend sind nach dem RIAS-Bericht die Anfeindungen in den sozialen Medien. Ihre Zahl stieg von 1996 Fällen im Jahr 2024 auf 2314 Fälle im vergangenen Jahr. 43 Prozent aller offenen Bedrohungen ereignen sich den Angaben zufolge online. Das hat Auswirkungen auf die Angegriffenen.

So berichtet der Zentralrats-Vorsitzende Josef Schuster der DW, dass immer mehr Mitglieder der Gemeinde ihm von ihren Sorgen berichten würden: "Die Sorge, sich als Jude erkennbar auf der Straße zu zeigen, zum Beispiel dadurch, dass man eine Kippa trägt, oder dadurch, dass man zum Beispiel einen Davidstern als Schmuckstück trägt. Man muss aber auch hier sagen, und das ist mir auch wichtig, dass das eine Situation ist, die nicht überall im Bundesgebiet gleich ist. Sie ist allerdings besonders negativ, besonders besorgniserregend im großstädtischen Milieu."   

Vor allem in Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main und im Ruhrgebiet seien Aggressionen gegen Juden und Jüdinnen weitaus heftiger als in Regionen mit weniger Einwohnern, so Schuster.

Merz und die Welt: Streit, Nähe, neue Allianzen

US-Präsident Donald Trump, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und der britische Premierminister Keir Starmer: Sie sind wichtige außenpolitische Partner von Bundeskanzler Friedrich Merz. Doch die einzelnen Beziehungen haben sich sehr unterschiedlich entwickelt, die einen viel besser, andere schlechter als erwartet.

Emmanuel Macron: Sie finden einfach nicht zusammen

Mit FCAS ist Anfang Juni ein deutsch-französisches Prestigeprojekt gescheitert. Nach neun Jahren des Verhandelns haben Frankreich und Deutschland ihre Versuche, ein gemeinsames Kampfflugzeug als Nachfolger des Eurofighters zu bauen, beendet.

Modell des Kampfjets der nächsten Generation beim Pariser Luftfahrtsalon
Es bleibt bei einem Modell: das gemeinsame französisch-deutsche Kampfflugzeug FCAS, hier bei einer Luftfahrtausstellung 2023 im französischen Le Bourgetnull Geoffroy Van der Hasselt/AFP/Getty Images

"Symbolisch unterstreicht das Scheitern, dass die deutsch-französische Kooperation und der politische Wille zur stärkeren verteidigungspolitischen Integration der zwei größten Militärmächte Europas gescheitert ist", meint Linn Selle von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik gegenüber der DW. "Das ist ein sehr schlechtes Zeichen für europäische Zusammenarbeit."

Merz hatte sich als Oppositionsführer beklagt, sein Vorgänger, SPD-Kanzler Olaf Scholz, habe das Verhältnis zu Frankreich schleifen lassen, er werde es wiederbeleben. Doch viel ist aus seinem Anspruch nicht geworden, so Selle: "Bundeskanzler Merz ist sehr engagiert auf EU-Ebene und im deutsch-französischen Verhältnis gestartet. Mittlerweile haben sich die deutsch-französischen Beziehungen aber stark abgekühlt."

Merz und Macron stehen vor einer reich verzierten, offenen Tür
Merz besuchte Macron schon kurz nach der Bundestagswahl im Februar 2025, noch bevor er zum Kanzler gewählt war, doch auf die Geste scheint wenig Substanz gefolgt zu seinnull Sarah steck/Présidence de la République/dpa/picture alliance

In der Handels- und Finanzpolitik und bei den Planungen zum EU-Haushalt liegen ihre Vorstellungen oft weit auseinander. Selbst das Ende des FCAS-Projekts haben beide nicht gemeinsam verkündet, sondern Berlin hat Paris damit überrascht.

Giorgia Meloni: die rechte Pragmatikerin

Auch das könnte ein Symbol sein, ein gegenteiliges: Nach dem Scheitern von FCAS warb Lorenzo Mariani, der Chef des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo, um die Deutschen. Sie könnten "ein besonders wertvoller Partner" für das alternative britisch-italienisch-japanische Kampfflugzeugprojekt GCAP sein.

Merz und Meloni reden hinter vorgehaltener Hand
Hinter vorgehaltener Hand: Was Meloni und Merz bereden, steht nicht immer so in der Öffentlichkeit wie die Treffen zwischen Macron und Merznull Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Das Verhältnis zu Italien steht bei deutschen Politikern im Schatten der Beziehungen mit Frankreich. Das hatte in den letzten Jahren auch politische Gründe: Als 2022 Giorgia Meloni Chefin einer Rechtskoalition in Rom wurde, ging die damalige SPD-geführte Bundesregierung auf Distanz. Melonis Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) wird in Deutschland mal als rechtsextrem, mal als postfaschistisch, mindestens als rechtsnational bezeichnet. Die Partei galt - und gilt vielerorts noch - als das Pendant zur AfD in Deutschland: eine Kraft, mit der die meisten Parteien der Mitte nichts zu tun haben wollten. 

Doch spätestens mit der Kanzlerschaft von Friedrich Merz seit Mai 2025 hat sich das geändert. Weniger, weil Merz Melonis politische Positionen teilt, sondern weil sie sich als pragmatische Vermittlerin erwiesen hat. Das kam im Zollstreit zwischen der EU und den USA zum Tragen und ebenso im Konflikt um Trumps Grönland-Ambitionen.

Trump spricht, neben ihm hören Meloni und Merz zu
Giorgia Meloni ist politisch näher dran an Donald Trump, davon profitiert oft die ganze EUnull Ukraine Presidency/Bestimage/IMAGO

Abgesehen von Lösungsansätzen für die Krise mit Trump scheint die Regierungen in Berlin und Rom aber mehr zu verbinden. So wollen sie gemeinsam für mehr Wettbewerb und weniger Bürokratie in der EU sorgen. Dass Merz und Meloni hier zusammenfinden, ist für Linn Selle kein Zufall: "Italien und Deutschland sind sich wirtschaftlich und politisch sehr ähnlich: verhältnismäßig viel Industrie, eine Wirtschaftsstruktur, die geprägt ist durch KMUs (kleine und mittlere Unternehmen) und ein föderales Regierungssystem. Das prägt den Blick auf die Welt und schafft Nähe."

Dass Italien einmal für Deutschland eine Position wie Frankreich einnimmt, hält sie dennoch für unwahrscheinlich. Denn: "Die deutsch-französische Partnerschaft verfügt über eine institutionalisierte Nähe und eine Intensität des Austausches, die Deutschland mit keinem anderen Partner hat."

Donald Trump: keine Freundschaft trotz Schmeichelei

Friedrich Merz hat sich sehr viel Mühe mit Donald Trump gegeben. Ob es die US-Militäraktion in Venezuela, Trumps Grönland-Forderungen oder der von den USA und Israel begonnene Iran-Krieg war - jedesmal hat Merz mögliche Bedenken höchstens sehr zurückhaltend vorgebracht. Drei Besuche im Weißen Haus konnten nur unterstreichen, wie wichtig der deutsche Kanzler die Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten nimmt.

Trump hört Merz aufmerksam zu
Das enge Verhältnis ist erst einmal vorbei: Trump und Merz bei dessen Besuch im Weißen Haus wenige Tage nach Beginn des Iran-Kriegesnull Guido Bergmann/BPA/dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Eine entscheidende Motivation dafür war Merz' Sorge einer Bedrohung aus Russland, sagte der Politikwissenschaftler Johannes Varwick von der Universität Halle kürzlich der DW, "dass Merz der Überzeugung ganz offenkundig ist, dass man die Amerikaner an Bord halten muss, um einer russischen Aggression vorzubeugen".

Doch dann kam Merz' Kritik an einer in seinen Augen fehlenden Strategie im Iran-Krieg und die Bemerkung, der Iran habe die USA gedemütigt. Trump war außer sich, ließ seine Wut auf seiner Plattform Truth Social an Merz persönlich heraus: "Kein Wunder, dass es Deutschland wirtschaftlich und anderweitig so schlecht geht."

Tanker vor Anker
Die Straße von Hormus soll wieder für die Schiffahrt geöffnet werden, davon dürfte auch die deutsche Wirtschaft durch sinkende Ölpreise profitierennull Majid-Asgaripour/WANA/REUTERS

Johannes Varwick zieht daraus für Merz den Schluss: "Sich an einen solchen Präsidenten in diesen wichtigen Fragen weiter zu binden ist, glaube ich, fahrlässig."

Merz hatte schon vor der jüngsten Einigung zwischen dem Iran und den USA zugesagt, nach einem Friedensschluss werde Deutschland bereit sein, sich an einer Marinemission zur Sicherung der Straße von Hormus zu beteiligen. Auch dann dürfte keinesfalls sicher sein, dass es Trump besänftigen wird. 

Keir Starmer: Wiederannäherungsversuche an die EU

Die Briten sind seit Jahren raus aus der EU, auch zum Leidwesen von Friedrich Merz. Doch der Labour-Premier Keir Starmer versucht eine Wiederannäherung an die EU - und rennt damit beim deutschen Kanzler offene Türen ein.

Starmer und Merz stammen aus unterschiedlichen Parteienfamilien, Starmer aus der der SPD vergleichbaren Labour-Partei, Merz' CDU ist eher mit den britischen Konservativen vergleichbar. Trotzdem haben beide Regierungschefs ein vertrauensvolles und enges Arbeitsverhältnis aufgebaut, vor allem bei der Ukraine-Unterstützung.

Merz und Starmer halten Urkunden vor sich, dahinter Wadephul und Lammy
Merz und Starmer unterzeichneten im Juli 2025 einen deutsch-britischen Freundschaftsvertrag, der bilateral ein wenig den Brexit ausgleichen soll, hinter ihnen die Außenminister Johann Wadephul und sein damaliger britischer Amtskollege David Lammynull Michael Kappeler/dpa/picture alliance

Was verbindet die beiden? Linn Selle meint: "Starmer ist ebenso wie Merz ein Pragmatiker, beide eint die starke Unterstützung der Ukraine. Auch ist Merz stark angelsächsisch geprägt, hat den Brexit eng begleitet und möchte sicherlich auch politisch eine engere Bindung des Vereinigten Königreichs an die Europäische Union (auch mit Blick auf einen historischen engen Verbündeten, der das UK als EU-Mitglied für Deutschland war)."

Beide stehen allerdings auch unter enormem politischem Druck von rechts, Merz von der AfD, Starmer von Reform UK. In Großbritannien häufen sich Spekulationen, Starmer könne von einem innerparteilichen Rivalen abgelöst werden - wie es zeitweilig auch über Fredrich Merz verbreitet wurde.

Macron, Starmer und Merz im Dreiergespräch
Vor allem die Ukraine-Krise hat (von links) Macron, Starmer und Merz zusammengeführt, doch alle drei stehen heute politisch stark unter Drucknull Leon Neal/Getty/AP/dpa/picture alliance

Und noch etwas eint nicht nur den Konservativen Merz und den Labour-Politiker Starmer, sondern auch den Zentristen Macron, die Regierungschefs der drei wichtigsten europäischen Staaten: In allen drei Ländern liegen ihre Parteien in den Umfragen zum Teil deutlich hinter rechten Konkurrenzparteien zurück. In den USA und Italien sind solche Politiker bereits an der Macht. Im Umgang mit Trump und Meloni bekommt Merz bereits einen Eindruck davon, wie unterschiedlich sich dieser Trend politisch und stilistisch ausprägt – und was ihm davon künftig auch in Frankreich und Großbritannien begegnen könnte.

Letzter Atommüll aus britischem Sellafield in Deutschland

Das Spezialschiff "Pacific Grebe" hat am Dienstagmorgen am Elbehafen Brunsbüttel im nördlichen Bundesland Schleswig-Holstein festgemacht. An Bord: sieben Behälter mit strahlenden Abfall - sogenannte Castoren - aus der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield in Großbritannien.

Bei dem Atommüll handelt es sich um Überreste von Brennelementen, die vor 2005 aus deutschen Kernkraftwerken nach Sellafield gebracht worden waren. Dort wurden sie aufbereitet.

Deutschland hat sich dazu verpflichtet, diesen hochradioaktiven Atommüll wieder zurückzunehmen.

Geheime Route zum stillgelegten AKW Brokdorf 

Auf Spezial-LKW sollen die Castor-Behälter jetzt in das gut 15 Kilometer entfernte Zwischenlager am stillgelegten Atomkraftwerk Brokdorf transportiert werden. Dort befinden sich bereits 76 Behälter mit Atommüll.

Deutschland Brunsbüttel 2026 | Fünf Polizeifahrzeuge hintereinander auf einer Straße (16.06.2026)
Einsatzfahrzeuge der Polizei am Zugang zum Elbehafen von Brunsbüttel null Bodo Marks/dpa/picture alliance

Die genaue Route ist geheim. Einsatzkräfte haben zudem das Gelände im Hafen von Brunsbüttel abgeriegelt, wie eine Polizeisprecherin sagte. Atomkraftgegner und Aktivisten hatten im Vorfeld Mahnwachen und andere Proteste angekündigt.

"Atommüll per Lkw zu transportieren ist gefährlich"

Die Aktivisten kritisieren, dass hochradioaktiver Abfall auf der Straße transportiert wird. Dies sei mit Gefahren verbunden. Außerdem beklagen sie, dass es in Deutschland nach wie vor kein Konzept für die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll gibt.

Deutschland Brokdorf 2024 | Die Reaktokuppel und weitere Gebäude des stillgelegten Kernkraftwerk Brokdorf hinter einem sehr massiven Schutzzaun (14.12.2024)
Das stillgelegte AKW Brokdorf (Archivbild) null Georg Wendt/dpa/picture alliance

Bislang wird sämtlicher Atommüll in oberirdischen Zwischenlagern aufbewahrt. 16 solche Zwischenlager gibt es in mehreren Bundesländern in Deutschland.

Die Ladung der "Pacific Grebe" ist der letzte Castor-Transport von England nach Deutschland gewesen. Es ist auch der letzte radioaktive Abfall, der in Brokdorf ankommen soll.

Die Rückführung von deutschem Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague war bereits 2024 abgeschlossen worden.

se/AR (dpa, NDR)

Manifesta 16 Ruhr: Das Erbe der Nachkriegskirchen

Die 16. Ausgabe der Manifesta, der europäischen Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst und Stadtentwicklung, findet in diesem Jahr im Ruhrgebiet statt. Der Titel des Hauptprogramms lautet "Das ist keine Kirche": Hier gestalten internationale Künstlerinnen und Künstler Auftragsarbeiten für zwölf leerstehende Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. So inszeniert etwa Emil Walde in der Duisburger Liebfrauenkirche eine raumgreifende Installation aus alten, beschädigten Drahtglasfenstern des Duisburger Hauptbahnhofs, die in den Beichtstühlen der Kirche neu arrangiert werden. Und in St. Anna (Gelsenkirchen) ist eine Ausstellung mit Werken von unter anderem Ming Wong, Philipp Gufler und Cana Bilir-Meier zu sehen. Zum Programm gehört am selben Ort auch ein Treff für alle, die schon einmal in einer Kirche Basketball spielen wollten.

Kirchen ohne Funktion

Der Mitgliederschwund der katholischen und evangelischen Kirchen macht auch vor den Gemeinden des Ruhrgebiets, dem größten Ballungsraum Deutschlands, nicht Halt: Dutzende Gotteshäuser pro Jahr werden derzeit profaniert. Sie haben nach wenigen Jahrzehnten ihre eigentliche Funktion verloren, doch ihre Architektur ist noch immer ein Spiegel der Zeit, in der sie gebaut wurden.

Ein Backstein-Kirchenbau zwischen Bäumen. Eine Wand ist mit einem Graffitti besprüht.
Heute ein viel genutzter Treffpunkt von Anwohnern und Kunstszene: die St. Bonifatius-Kirche in Gelsenkirchen (Baujahr 1963)null Thomas Schmidtke/Funke Foto Services/IMAGO

Im Zweiten Weltkrieg war das westlich gelegene Ruhrgebiet immer wieder Ziel alliierter Bombenangriffe - nicht nur auf die dort ansässige Industrie, sondern auch auf die Innenstädte. Mit ihrer Zerstörung wollte man die Moral der Bürger schwächen. Die Schäden waren immens: Nach Kriegsende lagen ganze Stadtteile von Dortmund, Gelsenkirchen oder Bochum in Schutt und Asche, die meisten Innenstädte waren größtenteils zerstört oder schwer beschädigt. Auch die Kirchen waren nicht verschont geblieben. Zwar lag der Fokus beim Wiederaufbau vor allem darauf, möglichst schnell Wohnraum zu schaffen, doch auch Kirchen als Orte des Glaubens, des Trosts und der Begegnung waren wichtig.

Moderne Kirchenarchitektur als Aushängeschild der BRD

Hier konnte die junge Bundesrepublik (in der sozialistischen DDR wurden deutlich weniger Kirchen gebaut) auf eine große Zahl an Architekten zurückgreifen, die sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg vom Historismus verabschiedet und der Moderne zugewandt hatten. Angetrieben von gesellschaftlichen Umbrüchen und der verfassungsmäßigen Trennung von Kirche und Staat hatte sich damals eine hochexperimentelle Phase des sakralen Bauens entwickelt. Viele dieser Architekten machten sich nun wieder ans Werk - für das Land auch aus politischen Gründen ein Glücksfall: "Die Bundesrepublik konnte sich damit auch international als ein progressives, offenes, modernes Land präsentieren”, sagt Manuela Klauser, Kunsthistorikerin und Mitglied der Forschungsgruppe Sakralraumtransformation an der Uni Bonn. Gerade im eher konservativen Kontext der Kirche habe man sich auf eine Zeit vor dem NS-Regime berufen können, "in der Deutschland diese offene Ideen schon vertreten hat, lange bevor alle anderen Länder das getan haben." 

Deutschland Ruhrgebiet 1945 | US-Truppen überqueren die Ruhr auf einer Pontonbrücke
Als US-Truppen 1945 die Ruhr überquerten, trafen sie auf viele zerstörte Ortschaftennull akg-images/picture alliance

Und so rekonstruierten Architekten zerstörte oder beschädigte historische Kirchen, planten neue Gotteshäuser und ließen sie errichten. Etliche der katholischen hat Rudolf Schwarz (1897 - 1961)konzipiert. Er notierte dazu 1957: "Wir bauen augenblicklich fast nur Kirchen, es ist jedes Mal eine schwere und verzweifelte Arbeit. Man möchte meinen, allmählich könnten wir das, aber in Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt, es wird jedes Mal schwerer." Die hohe Dichte an Kirchen im Ruhrgebiet wurde von den Bischöfen ausdrücklich gewünscht, rund 1000 wurden gebaut. "Pantoffelkirchen" nannte man sie - erreichbar für alle Gemeindemitglieder in wenigen Minuten, zur Not auch in Pantoffeln, wenn man sonntags zu lange geschlafen hatte und schnell noch rechtzeitig zum Gottesdienst kommen wollte: "Die Kirche sollte das Herzstück ihres Lebens sein”, erklärt Manuela Klauser. "Dabei ging es nicht nur um den regelmäßigen Besuch Gottes, sondern ganz pragmatisch um soziale Angebote, die kleinere Einheiten von Nachbarschaften miteinander verknüpften, wie Stadtbibliotheken oder Senioren- und Kinderangebote."

Kirchen als Bausatz: Die Bartning-Notkirchen

Frisches Baumaterial war rar, was es dagegen im Überfluss gab, waren Schutt und Trümmersteine der Vorgängerbauten. Also griff man darauf zurück. So etwa bei der evangelischen Gethsemane-Kirche in Bochum, einer von 43 sogenannten Bartning-Notkirchen in Deutschland, benannt nach ihrem Architekten Otto Bartning (1883 - 1959). Er war wie Rudolf Schwarz einer der bedeutenden Vertreter des modernen Kirchenbaus in der Weimarer Republik und nach 1945. Das Besondere an den Bartning-Notkirchen: Sie wurden als Bausatz geliefert.

Innenansicht einer gut gefüllten Kirche, im Gang zwischen den Bänken liegt ein roter Teppich.
Eine Bartning-Notkirche: die Gethsemane-Kirche in Bochum. Hier finden noch Gottesdienste stattnull Olaf Ziegler/Funke Foto Services/IMAGO

Ein in Serie gefertigtes hölzernes Tragwerk bildete zusammen mit der Dachkonstruktion das Grundgerüst, und die Gemeinde vor Ort ergänzte dann Fundament und Mauerwerk. Das Material für die Mauerausfachungen und Umfassungsmauern konnte sie selbst bestimmen und den Bau nach eigenen Vorstellungen weiterentwickeln und ergänzen. Damit habe das Notkirchen-Programm damals nicht nur architektonisch, sondern auch menschlich eine wichtige Funktion erfüllt, sagt Manuela Klauser: "Die Menschen wurden nicht durch eine fertige Architektur entmündigt, sondern sie wurden eingeladen, daran mitzuwirken. Durch dieses Gemeinschaftserlebnis des Bauens wurde auch die Gemeinde selbst gestärkt." 

Auf Augenhöhe mit den Menschen

Für Pomp und Pracht waren weder Geld noch Zeit da, es traf auch nicht den damaligen Zeitgeist in Deutschland. Man wollte dem einschüchternden Monumentalismus der NS-Zeit etwas entgegensetzen. Mit einem klassischen Präsentationsbau aus vergangenen Jahrhunderten, der mit seiner Schönheit Gott ehren soll, haben diese Kirchen sehr wenig gemein, manche wirken heute auffallend schmucklos. "Diese Kirchen wurden für neu entstehende Siedlungen entworfen, wo es auch darum ging, Menschen zur neuen demokratischen Idee hinzuführen und auf Augenhöhe mit ihnen zu bauen, mit Materialien, die sie aus ihrem Alltag kannten", erklärt Manuela Klauser. "Und die ästhetische Leere der Bauten war theologisch untermauert: Sie sollte den Menschen die Möglichkeit geben, sie mit eigener Spiritualität zu füllen." Doch gerade diese Schmucklosigkeit mache viele Menschen heute im Alltag hilflos. 

Außenansicht eines T-förmigen Kirchenbaus mit Stahlbetonskelett.
St. Antonius in Essen wurde von Rudolf Schwarz entworfen und 1959 fertiggestelltnull Dennis Strassmeier/Funke Foto Services/IMAGO

"Ein Wesenszug heutiger Kirchbauplanung ist zweifellos der Gedanke: Wir bauen nicht für die Ewigkeit (...), wie es vielfach die Absicht früherer Jahrhunderte war", heißt es 1963 in einem Artikel des evangelischen Sonntagsblatts "Der Weg". "Moderne Kirchbauer bauen Kirchen für den Menschen von heute. Das Morgen, nicht das Übermorgen wird dabei berücksichtigt."

Im Übermorgen angekommen stellt sich jetzt vielerorts die Frage, was mit diesen Kirchen geschehen soll. Die Manifesta will mit ihrem Programm Menschen einladen, gemeinsam Antworten darauf zu finden. Dazu hat in der Programmsparte "16+"eine Jury im Vorfeld 16 Projekte ausgewählt, die in zehn Ruhrgebietsstädten realisiert werden. Darunter "Catch the Light - Build Bridges" in der Christuskirche Herne, die mit dem experimentellen Tanztheater des Pottporus Young Ensemble zum interkulturellen Treffpunkt werden soll, oder "Go(o)d Kitchen: Gemeinsam Bauen und Kochen" in der Kirche Heilige Familie, seit 2007 Ausgabeort der Oberhausener Tafel. Hier soll mit Bau- und Kochworkshops für Jugendliche ein Raum für Lernen und Begegnung entstehen. 

Die Manifesta 16 Ruhr läuft vom 21. Juni bis 04. Oktober. Der Eintritt ist frei.

Bayreuth: Gedenkveranstaltung soll nun doch stattfinden

Die Leiterin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, habe Michel Friedman um Entschuldigung gebeten und ihn erneut zu den Festspielen eingeladen, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") am Donnerstag. Die Bayreuther Festspiele bestätigten dies gegenüber der DW. Nach einiger Überlegung habe er zugesagt, sagte der Publizist und ehemalige Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden auf Anfrage der "SZ".

"Ich nehme ihre persönliche Bitte um Entschuldigung gerne an. Wenn sich jemand bewegt, sollte man sich mitbewegen", ergänzte Friedman zur Begründung. Er finde Wagners "Worte des Bedauerns an mich ernsthaft und glaubwürdig".

Eine Frau mit blonden Haaren (Katharina Wagner) vor einem Mikrofon.
Festspielleiterin Katharina Wagnernull Armin Weigel/dpa/picture alliance

Festspielleiterin Katharina Wagner bat zunächst per Telefon für die "Fehleinschätzungen" der Festspiele und die "fatalen Nachrichten" um Entschuldigung. Sie sicherte Friedman zudem später in einem Brief zu, die Veranstaltung wie ursprünglich geplant abhalten zu wollen. Es sei ihr wichtig, "der schrecklichen Dinge zu gedenken, mit denen die Festspielgeschichte fatal verknüpft ist".

Anlässlich des 150-jährigen Bestehens hatte die Leitung für die Festspieleröffnung am 26. Juli ein Gedenkkonzert geplant. Dazu sollte Friedman über Antisemitismus, den Komponisten Richard Wagner und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Bayreuther Festspiele sprechen. Doch die Matinee wurde vor wenigen Tagen abgesagt: Zusätzlich zur Eröffnungsoper "Rienzi“ mit zahlreichen prominenten Gästen könne man sie wegen des Sicherheitsaufwandes nicht stattfinden lassen, so die Begründung der Festspielleitung.

Friedman reagierte empört. Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen zu streichen, sei "in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord“, hatte der Publizist der "Süddeutschen Zeitung" dazu gesagt. Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, sei durch die Absage ad absurdum geführt.

Porträt von Michel Friedman in dunkler Kleidung.
Michel Friedman wird nun doch in Bayreuth sprechennull Bernd Wüstneck/dpa/picture alliance

Doch es gab Indizien, die die offizielle Begründung der Absage zweifelhaft erschienen ließen. So hatten sowohl das Polizeipräsidium Oberfranken als auch die Stadt Bayreuth gegenüber der DW verneint, in Sicherheitsüberlegungen involviert gewesen zu sein. Auch war der Vorverkauf für die Veranstaltung noch nicht gestartet; zudem gab der für das Konzert vorgesehene Dirigent Christian Thielemann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bekannt, er habe schon frühzeitig aus Termingründen absagen müssen.

Michel Friedman sagte dazu gegenüber der DW: "Das Ganze ist für mich eine Fata Morgana. Ich weiß nicht, was dahintersteckt, aber ich glaube, es wurde alles abgesagt und der einzige, den sie dabei vergessen haben, bin ich." Nun soll die Gedenkveranstaltung also doch stattfinden, allerdings mit einem anderen Dirigenten.

ka/ses (mit epd)

Warum die Welt plötzlich "Du bist gut genug" singt

Die deutsche Sprache ist nicht gerade bekannt dafür, globale TikTok-Hits hervorzubringen. Umso erstaunlicher ist der Erfolg von "Gut genug", einer Kollaboration der Berliner Produzenten KITSCHKRIEG, des Indie-Duos Blumengarten und der Rapperin Shirin David. Millionen Menschen auf der ganzen Welt verwenden den Titel inzwischen für ihre Videos. Das Kuriose daran: Viele von ihnen verstehen kein einziges Wort Deutsch.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – funktioniert der Song. Die zentrale Zeile ist eingängig, bleibt im Ohr und ist leicht mitzusingen. Sänger Rayan von Blumengarten singt sehr hoch und emotional, gleichzeitig transportieren Melodie und Stimme eine Botschaft, die auch ohne Sprachkenntnisse verständlich wirkt. Es geht um Trost, Zuspruch und die Sehnsucht, einfach akzeptiert zu werden. Gefühle, die überall auf der Welt verstanden werden.

"Doobie Scoot Canoe"

Wie bei vielen viralen Hits hat sich der Song längst von seinem eigentlichen Kontext gelöst. In den sozialen Netzwerken wird die Zeile nicht nur ernsthaft verwendet, sondern auch humorvoll verfremdet. Besonders im englischsprachigen Raum hören viele Nutzer statt "Du bist gut genug" etwas, das sich für Englisch sprechende Menschen eher nach "Doobie Scoot Canoe" anhört. Das macht zwar keinen Sinn, klingt aber trotzdem lustig - auch weil "doobie" im Englischen ein umgangssprachlicher Begriff für einen Cannabis-Joint ist.

Der Song bedient also mehrere Ebenen: Wer Trost sucht, kann ihn darin finden. Wer ein lustiges Meme zum Kichern und zum Teilen braucht, ebenfalls.

Vier Personen auf einer Bühne.
"KITSCHKRIEG" gehören zu den einflussreichsten Produzenten in Deutschland in den Genres Hip-Hop, Pop, R&B und elektronische Musiknull Ralf Müller/Photopress Müller/IMAGO

Funfact: Die Deutschen können andere Sprachen auch ziemlich falsch verstehen und jede Menge Spaß dabei haben. So wurde aus der Zeile "I've got the power" aus dem 1990er Hit "The Power" der Musikgruppe Snap! kurzerhand "Agathe Bauer".

Algorithmen machen die Hits

Dass ausgerechnet ein deutschsprachiger Titel weltweit Aufmerksamkeit bekommt, hat auch mit den Algorithmen sozialer Netzwerke zu tun. Früher blieben Songs in Landessprachen eher nationale Hits. Wer international erfolgreich werden wollte, musste meist auf Englisch singen. Die Lieder wurden durch Radio und Fernsehen bekannt.

Die Algorithmen von Instagram, TikTok und Youtube aber funktionieren anders. Sie fragen nicht: In welcher Sprache ist der Song? Sondern: Wie reagieren die Nutzenden darauf?

Wenn viele Menschen ein Video bis zum Ende anschauen, es liken, kommentieren, teilen oder selbst mit demselben Sound neue Videos erstellen, stuft der Algorithmus den Inhalt als interessant ein. Dann wird er immer mehr Menschen in ihre Timelines gespielt – unabhängig von deren Herkunft oder Sprache. Musik muss nicht verstanden werden, um zu funktionieren. Das war schon bei italienischen Popklassikern, koreanischem K-Pop oder spanischen Sommerhits so. Und das gelingt nun "Gut genug".

Welcher Part ist besser?

Inzwischen reden alle über den Song, auch wenn er sich in den Charts nur zögerlich bemerkbar machte. Auch das ehemalige deutsche Topmodel Heidi Klum äußerte sich öffentlich zu dem Song. Mit ihrem Kommentar "I love only his part" ("Ich mag nur seinen Part") löste sie prompt Diskussionen aus. War es eine Spitze gegen die Rapperin Shirin David - oder war es nur "Geschmacksache", weil der Gesangspart des Blumengarten-Sängers sie so berührt hat?

Ein Sänger steht auf der Bühne und singt in ein Mikrofon.
Rayan Djima von Blumengarten hat eine berührende Stimmenull Uwe Ernst/Funke Foto Services/IMAGO

Die Dynamik im Netz zeigt immer wieder, welche Wirkung einzelne Aussagen entfalten können. Vielleicht hat Klum als Macherin der Show "Germany's Next Top Model", in der über Schönheit und Talent gerichtet wird, mit ihrer Bemerkung einen empfindlichen Nerv getroffen. In einer Zeit, in der viele das Gefühl haben, immer erfolgreicher und attraktiver sein zu müssen, thematisiert Shirin David in ihrem Rap-Part genau diesen Druck: das ständige bewertet werden und die Schwierigkeit, zu sich selbst zu stehen.

Eine Frau posiert mit Sonnenbrille und schwarzem Designerkleid.
Shirin David ist in Deutschland ein Popstarnull Alexis Jumeau/ABACAPRESS/IMAGO

Gerade diese musikalische Kombination aus Selbstzweifeln und einem Refrain, der immer wieder "Du bist gut genug" wiederholt, dürfte ein entscheidender Teil des Erfolgs sein. Das Lied transportiert ein Gefühl, das weit über Sprachgrenzen hinweg verstanden wird. So reisen vier einfache deutsche Wörter um die Welt und erinnern viele Menschen an etwas, das sie hoffentlich längst wissen: Du bist gut genug.

Streit um KI-Einsatz in deutschen Medien

"KI ist auch für unsere Redaktion ein Werkzeug, das uns hilft, einzelne redaktionelle Arbeitsschritte zu vereinfachen und auch zu verbessern. Sie ist aber definitiv kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf." Diese Sätze standen am Wochenende im Tagesspiegel.

"Ich habe einen Riesenfehler gemacht"

Im selben Text begründet die Chefredaktion eine drastische Entscheidung: Ihr bekanntester Kommentator darf "bis auf Weiteres" nicht mehr für die 1946 in Berlin gegründete Zeitung schreiben: Stephan-Andreas Casdorff, ehemaliger Herausgeber und Chefredakteur des Blattes, hat Meinungstexte durch eine Künstliche Intelligenz verfassen lassen.

Der 67-Jährige ist sich der Dimension seines Fehltritts bewusst: "Ich habe einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir. Dafür bitte ich von ganzem Herzen um Entschuldigung. Für die Texte habe ich KI genutzt. Das hätte ich kenntlich machen müssen und sie deswegen nicht publizieren dürfen."

Ministerpräsident Mario Voigt im Zwielicht

Die Chefredaktion hat mehrere im Internet veröffentlichte Casdorff-Artikel von der Seite entfernt: "Wir haben uns entschieden, die entsprechenden Texte bis zum Abschluss der genauen Prüfung vorerst offline zu nehmen", lautet die Begründung.    

Fake-Nachrichtenreporter — was ist noch wahr?

Der Fall Casdorff hat in Deutschland eine teilweise hitzige Debatte über Künstliche Intelligenz im Journalismus zusätzlich befeuert. Wenige Tage vorher war bekannt geworden, dass ein als Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt gekennzeichneter Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ebenfalls mit Hilfe von KI kreiert worden war. Die FAZ hat davon ihren Angaben zufolge erst nachträglich erfahren.

"Es geht hier um den Kern von journalistischer Arbeit"

Die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Vera Katzenberger von der Universität Leipzig hält den Fall Casdorff für besonders gravierend: Er schlage so große Wellen, weil er das Vertrauen in den Journalismus erschüttere, schreibt die Juniorprofessorin für Digitalen Journalismus auf eine Anfrage der Deutschen Welle.

Vera Katzenberger, Junior-Professorin für Digital-Journalismus an der Universität Leipzig lächelt mit geöffnetem Mund. Ihre kurzen, brauen Haare sind leicht von rechts nach links gescheitelt. Unter einer dunklen Weste trägt sie eine helle Bluse und eine filigrane Kette mit einer kleinen Brosche.
Journalismus-Professorin Vera Katzenberger hält Meinungstexte, die mit KI geschrieben werden, für gefährlich null Björn Seitz

"Es geht hier ja nicht um Unterstützung beim Brainstorming oder der Recherche, es geht hier um den Kern von journalistischer Arbeit", betont Katzenberger. Leserinnen und Leser kauften oder abonnierten eine Zeitung auch wegen der Expertise oder den Perspektiven von bestimmten Autorinnen und Autoren. "Wenn dann Meinungstexte von KI generiert werden, ohne dass dieser Einsatz offengelegt wird, kann das Publikum das als Täuschung empfinden."

Wenn KI die Meinungsbildung beeinflusst

Die Journalismus-Expertin findet Casdorffs KI-unterstützte Meinungstexte sogar gefährlich, denn Kommentare hätten in demokratischen Debatten eine ganz besondere Funktion: "Sie bieten uns Orientierung in einer immer komplexeren Welt und unterstützen uns bei unserer Meinungsbildung. Wenn Kommentare von der KI generiert werden, greift sie ganz direkt in die öffentliche Meinungsbildung ein."

KI - Fluch oder Segen?

Künstliche Intelligenz habe keine Werte, keine politische Haltung, kein Verantwortungsgefühl, ergänzt Katzenberger. Sie könne dem Fall aber auch Positives abgewinnen: "Er zeigt nämlich, dass Redaktionen ihre eigenen Richtlinien sehr ernst nehmen und Verstöße harte Konsequenzen haben."

Casdorff hat gegen redaktionelle KI-Richtlinien verstoßen

Die Tagesspiegel-Chefredaktion begründete den zunächst vorläufigen Verzicht auf Texte von Casdorff mit dessen eindeutigem Verstoß gegen redaktionelle Richtlinien, die intern klar kommuniziert und für alle verbindlich seien. "Die journalistische Urteilsbildung, die Gewichtung von Informationen, die analytische Einordnung und die sprachliche Gestaltung müssen immer in der Verantwortung der Autorinnen und Autoren liegen."

Stephan-Andreas Casdorff, Jahrgang 1959, steht mit gefalteten Händen vor einer blauen Wand und hält eine Rede. Seine blonden Haare sind von rechts nach links gescheitelt, seine Brille ist rahmenlos. Unter einem dunklen Jackett trägt Casdorff ein weißes Hemd und hellgraue Krawatte.
"Ich habe einen Riesenfehler gemacht", bedauert Tagesspiegel-Autor Stephan-Andreas Casdorff die nicht gekennzeichnete Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) für mehrere seiner Texte null Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopress/picture alliance

Den gleichen Anspruch hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den offenbar von KI generierten Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten von ihrer Seite genommen hat. Aus Sicht der Medienwissenschaftlerin hat dieser Fall jedoch zwei Seiten: "Wer einen Text schreibt oder einen Gastbeitrag einreicht, sollte offenlegen, ob und wie KI eingesetzt wurde", meint Katzenberger.

Springer-Chef Döpfner attackiert die FAZ

"Gleichzeitig dürfen Redaktionen sich nicht allein auf die Angaben der Autorinnen und Autoren verlassen." KI verändere die Arbeitsprozesse im Journalismus gerade grundlegend. Redaktionen müssten jetzt ihre Prüfmechanismen anpassen und klare Regeln etablieren: "Welche Formen der Unterstützung sind zulässig? Wann besteht Kennzeichnungspflicht? Welche Eigenleistung wird eigentlich erwartet?" 

Nobelpreisträger Geoffrey Hinton warnt vor Gefahren durch KI

In der deutschen Medienbranche gibt es aber auch Stimmen, die überhaupt kein Problem mit KI-gestützten Texten ohne entsprechende Kennzeichnung haben. Mathias Döpfner, Chef des einflussreichen Springer-Konzerns, kritisierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung wegen der Löschung des künstlich erstellen Gastbeitrags von Thüringens Ministerpräsident mit einem Mix aus Ironie und Sarkasmus.

Natürliche Intelligenz auf dem Rückzug?

Er beauftragte seiner Darstellung zufolge eine KI, die FAZ auf polemische Art und Weise ins Visier zu nehmen. Die Künstliche Intelligenz wirft der Zeitung in Döpfners Namen vor, moderne Technologien abzulehnen. Demnach handelt es sich um den "verzweifelten Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten". Die FAZ antwortete auf ihre Art ironisch: Döpfner komme "mit natürlicher Intelligenz offenbar nicht weiter".

Springer-Chef Mathias Döpfner, Jahrgang 1963, stützt seinen Kopf mit der rechten Hand ab. Sein Gesichtsausdruck ist nachdenklich. Er hat volle, blondes Haar, das von links nach rechts gescheitelt ist. Er ist mit einem dunkelblauen Jackett und einem schwarzem Rollkragenpullover bekleidet.
Springer-Chef Mathias Döpfner hat grundsätzlich keine Probleme damit, wenn journalistische Texte mit Hilfe von KI entstehennull Peter Hartenfelser/IMAGO

Der Deutsche Presserat, die freiwillige Selbstkotrolle der Printmedien und deren Online-Portale, hat im Jahr 2024 seinen Pressekodex erweitert. Demnach liege die Verantwortung für alle redaktionellen Beiträge unabhängig von der Art und Weise der Erstellung uneingeschränkt bei den Redaktionen: "Diese Verantwortung gilt auch für künstlich generierte Inhalte."

Deutscher Presserat gegen Kennzeichnungspflicht

Trotzdem hält der Presserat eine Kennzeichnungspflicht bei KI-generierten Texten für verzichtbar. Begründung: Für die ethische Bewertung von Beschwerden spiele es keine Rolle, wer mit welchen Hilfsmitteln einen Beitrag erstellt habe. Allerdings gibt es Fälle, die auch aus Sicht des Presserats schwerwiegende Verstöße gegen die Sorgfaltspflicht und Wahrhaftigkeit sein können.

Der fatale Erfolg viraler KI-Videos

So wurde das Online-Portal Business Insider aus Döpfners Springer-Verlag im März öffentlich für den angeblichen Erfahrungsbericht einer Mutter mit Kleinkind im Home Office gerügt. Tatsächlich war der Text einer namentlich genannten Autorin von künstlicher Intelligenz erfunden worden. Die Redaktion löschte den Text nach der vom Presserat veröffentlichten Rüge.

Ersetzt KI menschliches Denken?

Die Leipziger Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Vera Katzenberger sieht unter dem Eindruck eklatanter Verstöße gegen redaktionelle KI-Richtlinien dringenden Handlungsbedarf. Für viele Journalistinnen und Journalisten sei die Benutzung von KI inzwischen so selbstverständlich wie eine Suchmaschine oder eine Rechtschreibprüfung. "Die Grenze zwischen zulässiger Unterstützung und kennzeichnungspflichtiger Autorenschaft von KI wird dadurch unscharf", beschreibt sie gegenüber der DW ihre Wahrnehmung.

Besserung verspricht sich die Journalismus-Expertin von regelmäßigen Schulungen und offenen Diskussionen über Grenzfälle beim KI-Einsatz. Ihren Studierenden an der Uni Leipzig rät Katzenberger, KI als Werkzeug zu verstehen und nicht als Ersatz für ihre eigenen journalistischen Fähigkeiten. "Denn es besteht immer auch die Gefahr, dass der eigene Kompetenzgewinn auf der Strecke bleibt, wenn KI die eigene Denkarbeit übernimmt."

"KI ist gekommen, um zu bleiben"

Medien empfiehlt die Digital-Expertin, offen und transparent mit Fehlern umzugehen: "Vertrauen entsteht und schwindet nicht wegen eines einzelnen Vorfalls." Und es lasse sich nicht dadurch zurückgewinnen, dass Redaktionen jetzt komplett auf KI verzichten. Das wäre illusorisch. "KI ist gekommen, um zu bleiben."

Nach Sturmschäden: Verhüllte Pont Neuf in Paris ist eröffnet

Sturm und Hagel hatten die ursprüngliche Eröffnung des begehbaren Kunstwerks am 6. Juni 2026 zunächst verhindert. Nach umfangreichen Reparaturen ist "La Caverne du Pont-Neuf" (Die Höhle von Pont Neuf), eine Installation des französischen Künstlers JR, nun bis zum 28. Juni für Besucherinnen und Besucher zugänglich. Er hat die berühmte Brücke Pont Neuf in Paris in eine Höhlenlandschaft verwandelt – als Hommage an das Werk "The Pont Neuf Wrapped" des verstorbenen Künstlerduos Christo und Jeanne-Claude.

Die Installation bildet einen begehbaren Tunnel und bedeckt einen etwa 120 Meter langen Abschnitt der Brücke mit Bildern schroffer Felsen. Die "Höhle" besteht aus 80 luftgefüllten Stoffbögen.

Was sollte man in Paris alles gesehen haben?

Inspiriert wurde JR von den Steinbrüchen des Pariser Beckens, aus denen einst das Baumaterial für die Brücke gewonnen wurde. Die Pont Neuf, 1607 fertiggestellt, besteht aus Lutetischem Kalkstein – auch bekannt als "Pariser Stein" – und war die erste Brücke der Stadt, die nicht aus Holz gebaut wurde.

Der Straßenkünstler JR, der häufig mit fotografischen Motiven arbeitet, setzt auf den Kontrast zwischen der rauen Anmutung des Rohmaterials und der Eleganz der "Stadt des Lichts", wie Paris gerne genannt wird. 

Ein Wahrzeichen als Kunstobjekt

Im September 1985 verhüllten Christo und Jeanne-Claude dieselbe Brücke mit ihrem Werk "The Pont Neuf Wrapped". Dafür verwendeten sie 41.800 Quadratmeter goldfarbenen Polyamidstoff und 13 Kilometer Seil. Wie bei vielen ihrer Projekte gingen dem Werk jahrelange politische Verhandlungen und technische Planungen voraus.

Die Reaktionen der Presse waren damals gemischt und häufig kritisch. Einige Kommentatoren in Frankreich bezeichneten das Projekt als verschwenderisch und einem historischen Denkmal unangemessen. Auch die grundsätzliche Idee, eine so bedeutende Brücke zu verhüllen, wurde infrage gestellt.

Trotz aller Kritik zog die Installation schließlich Millionen Menschen an. Selbst skeptische Stimmen in den französischen Medien erkannten an, wie sehr das Kunstwerk den Blick auf die Brücke und die Stadt veränderte: Das sonst beiläufige Überqueren wurde durch die temporäre Verwandlung des Bauwerks zu einem besonderen, beinahe sinnlichen Erlebnis.

Im Laufe seiner Karriere  - Jeanne-Claude starb 2009, Christo 2020 - verwandelte das Künstlerduo zahlreiche bekannte Wahrzeichen: 1995 verhüllten sie den Berliner Reichstag, den Sitz des deutschen Parlaments, mit silbrig schimmerndem Stoff. 2005 realisierten sie mit "The Gates" eine temporäre Installation im New Yorker Central Park, für die sie mehr als 7500 torartige Rahmen entlang der Wege aufstellten, von denen safranfarbene Stoffbahnen herabhingen. 2021 wurde der Pariser Arc de Triomphe posthum verhüllt.

Der Künstler JR, ein Mann mit schwarzem Hut und Sonnenbrille.
JR - meist mit Sonnenbrille. Sein Pseudonym leitet sich von seinem Vornamen Jean-René abnull Thomas Padilla/AP Photo/picture alliance

 "Ich bewundere das Vermächtnis von Christo und Jeanne-Claude und teile ihre Ansicht, dass es die Aufgabe der Kunst ist, uns zum Nachdenken anzuregen und das Vertraute in Frage zu stellen", erklärte JR in einer Pressemitteilung. "Die Debatte, die ein öffentliches Kunstprojekt auslösen kann, ist ebenso wertvoll wie seine Umsetzung."

JR - bekannt für große Formate

Dank ihrer enormen Größe wird die Installation von zahlreichen Aussichtspunkten in der Stadt zu sehen sein – sowohl vom Seineufer als auch vom Wasser aus. In einem Interview mit "The Guardian" bezeichnete JR das Werk als "das Herausforderndste", was er je umgesetzt habe. 

Der 43‑jährige Künstler ist bekannt für groß angelegte öffentliche Installationen, die Fotografie und architektonische Wahrzeichen verbinden. Für sein Projekt "Women Are Heroes" brachte er großformatige Porträts von Frauen auf Gebäuden und Dächern in verschiedenen Teilen der Welt an. Später folgte das "Inside Out Project" - eine globale Initiative, bei der Menschen Porträts einreichen, die anschließend im öffentlichen Raum gezeigt werden. Für viel Aufmerksamkeit sorgte 2021 seine optische Täuschung, bei der die Spitze der ägyptischen Cheops‑Pyramide scheinbar "verschwand".

Zu seinen bekanntesten Arbeiten aber zählt "Giants (Kikito)" von 2017: ein großformatiges Bild eines Kleinkindes, das über die Grenzmauer zwischen Mexiko und den USA blickt.

Großbritannien London 2021 | Ausstellung "JR: Chronicles" in der Saatchi Gallery
JRs "Giants (Kikito)" von 2017null Wiktor Szymanowicz/NurPhoto/IMAGO

Auch in Paris hat JR mehrfach gearbeitet. Zum 30‑jährigen Jubiläum der Louvre‑Pyramide schuf er 2019 eine Installation aus Papierstreifen, die dem Bauwerk zusätzliche Tiefe verlieh und es wie aus einem Steinbruch aufsteigen ließ. Rund 400 Freiwillige befestigten dafür mehr als 2.000 jeweils etwa zehn Meter lange Papierstreifen. Bereits 2016 hatte JR die Glaspyramide des Louvre mit bedrucktem Papier beklebt und sie so optisch verschwinden lassen.

"Eine symbolische Überquerung"

Das Innere von "La Caverne du Pont‑Neuf" ist während der gesamten Laufzeit der Installation rund um die Uhr kostenlos zugänglich. Der Durchgang wird von einer Klanginstallation des ehemaligen Daft‑Punk‑Mitglieds Thomas Bangalter untermalt. 

"Es wird eine symbolische Überquerung sein, ein Schritt ins Unbekannte, eine Reise ins eigene Innere", so JR. "Ich habe die Überquerung von La Caverne als ein Erlebnis konzipiert, bei dem Fülle und Leere im Gleichgewicht stehen."

Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck

Bachfest in Leipzig: Mut zum Dialog

Von der Musik Johann Sebastin Bachs den Dialog lernen? Für Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und Präsident des Europäischen Städtetags, wäre das eine Idealvorstellung. In seiner Ansprache zur Eröffnung des Leipziger Bachfests 2026 sprach er von der schnelllebigen Zeit, in der vieles gleichzeitig geschehe. "Die Welt ist voller Stimmen, die aber nicht wirklich miteinander reden", betonte Jung.

Blick durch das Mittelschiff der Kirche auf die Orgelempore mit dem Thomanerchor
Die Marienvesper durch die Jahrhunderte: Eine spannende Herausforderung für den Thomanerchor null Jens Schlüter Photography

Bachs Musik ist polyphon, das heißt, verschiedene Stimmen haben eigene Melodien, die gleichberechtigt erklingen. Mal wechseln sie sich ab in einer Art Frage-Antwort-Spiel, mal folgen sie in Abständen einander - wie in einer Fuge - oder sie gehen ihre eigenen melodischen Wege, um dann am Ende wieder zusammenzufinden. "An Bachs Werken kann man sehen, wie Stimmen miteinander umgehen sollten", betonte Jung und äußerte die Hoffnung, dass Bachs Melodieführung ein Vorbild sein könnte für politische Debatten und Auseinandersetzungen.

Ein Dialog der Generationen

Traditionell wird das Leipziger Bachfest mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester in der Leipziger Thomaskirche unter der Leitung von Andreas Reize eröffnet. Zum Motto "Im Dialog" hatte Thomaskantor Reize eine außergewöhnliche Marienvesper zusammengestellt. Bei Marienfesten ist die Marienvesper das liturgische abendliche Stundengebet mit einer bestimmten Abfolge von Hymnen und Psalmen.

Diese Hymnen und Psalmen aus der Bibel haben viele Komponisten zu eigenen Werken inspiriert. Am bekanntesten ist die Marienvesper von Claudio Monteverdi (1567-1643). Daraus waren einige Teile im Eröffnungskonzert zu hören. "Ich habe dann gesucht, welcher Komponist der neueren Generation einen Psalm vertont hat, der zur Marienvesper passt", erläuterte Andreas Reize.

Bachfest 2026 | Thomaskantor Andreas Reize dirigiert Eröffnungskonzert in der Thomaskirche
Thomaskantor Andreas Reize konnte seine Jungs mit Claudio Monteverdi und Vytautas Miškinis begeisternnull Jens Schlüter/Bachfest

Die Wahl fiel unter anderen auf die Motette "Let him kiss me" des Schweden Jan Sandström und auf den litauischen Komponisten Vytautas Miškinis. Sein "Laudate pueri, Dominum" haben die Jungen des Thomanerchores besonders einfühlsam mit zarten schwebenden Stimmen vorgetragen. "Das ist bewusst ein Dialog mit einer ganz andere Klangsprache der heutigen Zeit, eine Klangmalerei des 21. Jahrhunderts", sagte Reize im Gespräch mit der DW. Das Publikum war begeistert.

Dialog der Interpreten und Instrumente

Einer der Schwerpunkte des Bachfestes, das regelmäßig über 70.000 Besucher nach Leipzig lockt, ist in diesem Jahr das Jubiläum "300 Jahre Bach Clavier-Übungen". Diese Übungen schrieb Johann Sebastian Bach 1726 für musikbegeisterte Kenner, für "Liebhaber der Music, zu Gemüths-Ergötzung".

Michael Maul an der Kanzel in der Thomaskirche zur Eröffnung des Leipziger Bachfestes
Für Bachfest-Intendant Michael Maul ist Bachs Musik "hochdemokratisch"null Jens Schlüter Photography

Sir András Schiff und Mahan Esfahani widmen sich dem Zyklus in mehreren Konzerten. Den Beginn machte der ungarische Star-Pianist Schiff. Wie nicht anders zu erwarten, spielte er meisterhaft konzentriert und präzise Bachs Partiten - eine Abfolge von stilisierten Tänzen - auf modernen Klavierflügeln. Der iranisch-amerikanische Cembalist Mahan Esfahani interpretierte Bachs Partiten I im Nachtkonzert auf dem Cembalo in ganz anderer, aber hoch durchdachter Art und Weise.

Bach mit anderen Ohren hören

Esfahani ist Artist in Residence des Bachfests und gibt insgesamt sieben Konzerte mit Bachs Musik, aber auch mit zeitgenössischem Repertoire. Und das auf einem Instrument, das viele Menschen in die Barockzeit verorten. "Alle Leute sagen, das Cembalo ist doch nur für alte Musik, aber das stimmt nicht. Das Cembalo ist so vielseitig, man kann alles darauf spielen", sagte er im DW-Interview. Johann Sebastian Bachs Werk steht für ihn allerdings im Mittelpunkt. Derzeit spielt er sämtliche Klavierwerke von Bach beim Label Hyperion für Cembalo und Clavichord ein.

Cambalist Mahan Esfahani spielt am Cembalo. Blick in das offene Instrument, an dessen Ende er sitzt.
Mahan Esfahani beherrscht sein Tasteninstrument in allen Lagennull Alex Kozobolis

Durch besondere Akzente und Pauseneffekte beim Spiel hauchte Esfahani den Partiten von Johann Sebastian Bach im Konzert neues Leben ein und zauberte dem Publikum immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Über den Wechsel der hohen und tiefen Register hat er kleine Frage-Antwort-Spiel eingebaut. "Was mich an ihm sehr fasziniert, ist, dass er wirklich tief in die Werke hineinblickt und sich ganz intensiv mit den Stücken, der Entstehung und der Struktur auseinandersetzt", sagt Bachfest-Intendant Michael Maul.

Die Deutsche Welle hat das Konzert als Medienpartnerin des Bachfestes mitgeschnitten. Es wird in absehbarer Zeit auf dem Youtube Kanal DW Classical Music zu hören sein.

Michael Maul erklärt: "Wer war Bach?"

Skulptur einer Sexpuppe als Symbol der Kunstfreiheit

Der Abguss aus grüner Bronze bildet den Torso einer japanischen Sexpuppe nach und bietet sich Betrachtern in anzüglicher Pose dar. Die Skulptur von Alexandra Bircken mit dem Titel "Eva" konfrontiert die Besucher mit Fragen zu Körper, Geschlecht, Sexualität und der Objektifizierung von Frauen.

Die Tatsache, dass ein intimes Thema im formellen Rahmen eines Staatspalastes, in diesem Fall dem Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten, ausgestellt wird, erzeugt Spannung und wirft Fragen zur Darstellung und Kontrolle von Körpern in der Gesellschaft auf. "Eva" hat bereits medial Aufsehen erregt, ist aber nur eines von vielen zeitgenössischen Kunstwerken, die vom 13. bis 28. Juni im Schloss Bellevue zu sehen sind.

Deutschland Berlin 2026 | Kunstausstellung in Schloss Bellevue mit Installation von Alexandra Bircken
"Eva" von Alexandra Bircken ist Teil der Ausstellung "Freiraum Kunst"null Thomas Brinkmann

"Wir brauchen Kunst," sagte Bundespräsident und Schirmherr Frank-Walter Steinmeier bei einer Pressebegehung der Schau. "Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Und eine Kunst ohne Freiheit verliert ihre gesellschaftliche Relevanz." Die Kunstfreiheit ist im deutschen Grundgesetz verankert.

Ausstellung zu Steinmeiers Abschied aus Bellevue

Die Ausstellung sei ihm wichtig, weil die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft inmitten der aktuellen schwierigen Debatten etwas in den Hintergrund zu geraten scheine, sagte Steinmeier. "Das schmerzt die Kulturschaffenden, aber das schmerzt auch jemanden wie mich, den Literatur, Theater, Film und vor allem Jazz sein Leben lang begleiten."

Die von der Akademie der Künste organisierte Pop-Up-Ausstellung markiert auch Steinmeiers Abschied vom Schloss Bellevue. Das Berliner Gebäude wurde im Vorfeld seiner bevorstehenden Schließung weitgehend geräumt. Es soll nun acht Jahre lang renoviert werden. Da Steinmeiers zweite und letzte Amtszeit im kommenden Jahr endet, wird er nicht mehr in die Residenz zurückkehren und für den Rest der Zeit in einem Ausweichquartier in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs residieren.

Ein Mensch fotografiert mit einem Smartphone ein Gemälde.
"Im Büro des Bundespräsidenten" von Christopher Lehmpfuhl, derzeit im Schloss Bellevue zu sehennull Markus Schreiber/AP Photo/picture alliance

Kunst als Denkanstoß

Jetzt residiert also kurzzeitig zeitgenössische Kunst im Bellevue. Christian Awes großformatige Installation mit dem Wort "Freiraum" auf dem Dach des Palastes weist als übergreifendes Statement zur künstlerischen Freiheit den Weg zur Ausstellung. Drinnen sind Video- und Audioinstallationen, Fotografien sowie traditionelle Ölgemälde zu sehen. Sie sollen zum Nachdenken über Demokratie, Repräsentation, Macht und das öffentliche Leben anregen.

Auf dem Dach eines Palasts ist "FREIRAU" zu lesen, vor dem "U" ist ein Mensch zu sehen.
Der Schriftzug "Freiraum" von Christian Awe wird auf dem Dach des Bellevue installiertnull Markus Schreiber/AP Photo/picture alliance

Im Foyer hört man ein sich ständig wiederholendes "Hallo". Es stammt aus einer Performance des Künstlers Jochen Gerz aus dem Jahr 1972 mit dem Titel "Rufen bis zur Erschöpfung". In dieser Performance rief der Künstler wiederholt sein "Hallo" ins Leere, bis seine Stimme versagte. Das Werk lässt sich als Kommentar zu den Grenzen des sich Gehörverschaffens interpretieren, insbesondere in einer Zeit, in der soziale Medien das ständige Streben nach Aufmerksamkeit fördern. In einem demokratischen Kontext wächst die Frustration, wenn die Rufe der Bürger ungehört bleiben, und dies kann zu einem Gefühl gesellschaftlicher Erschöpfung führen.

Ein Gemälde des Streetart-Künstlers El Bocho am Eingang mit dem Titel "Die Bundespräsidentin" zeigt eine junge Frau als repräsentatives Staatsoberhaupt Deutschlands.

"SOS" aus dem Amtssitz des Bundespräsidenten

Steinmeier selbst ist auch permanent anwesend - als Miniatur. Die Künstlerin Karin Sander hat mit dem 3-D-Drucker eine Skulptur des Präsidenten im Maßstab 1:5 geschaffen. 36 Zentimeter hoch, steht sie auf einem Sockel im Langhanssaal, dort, wo sonst zum Beispiel die Neujahrsempfänge stattfinden.

Nachts wird eine Lichtinstallation des Künstlers Bjørn Melhus für die Dauer der Ausstellung jede Nacht drei Stunden lang durch die Fenster des Obergeschosses mit Lichtsignalen den international bekannten Morse-Hilferuf SOS senden. "Das kann man natürlich so interpretieren, wie man möchte", sagte der Vizepräsident der Akademie der Künste, Anh-Linh Ngo.

Ein Mann (Frank-Walter Steinmeier) unscharf vor einer Collage.
Frank-Walter Steinmeier vor der Collage "Hard String" von Monica Bonvicininull Markus Schreiber/AP Photo/picture alliance

Die Ausstellung umfasst zudem Werke bekannter Künstlerinnen und Künstler wie Katharina Grosse, Wolfgang Tillmans und Monica Bonvicini.

Schloss Bellevue ist seit 1994 erster Amtssitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Das 1786 im Berliner Tiergarten errichtete klassizistische Gebäude gehört zu den ältesten erhaltenen Schlossbauten der Stadt. Normalerweise ist es für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglich, weshalb die Ausstellung auch als seltene Gelegenheit gilt, einen Blick ins Innere zu werfen.

Derzeit sind alle 35.000 Gratistickets vergriffen, schon kurz nach der Freischaltung im Mai war das Interesse so groß, dass der Server kurzzeitig unter dem Ansturm zusammenbrach. Es können aber aufgrund von Stornierungen noch kurzfristig Kontingente frei werden, schreibt die Akademie der Künste auf ihrer Website.

Meta sammelt überall Daten: Ist das legal?

Wer in den sozialen Medien unterwegs ist, der weiß, dass seine Daten gesammelt, analysiert und weitergegeben werden - vor allem für personalisierte Werbung. Meta geht allerdings noch einen Schritt weiter und sammelt sogar solche Daten, die gar nicht von den eigenen Seiten stammen.

"Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Geschäft und ein Mitarbeiter steckt Ihnen unbemerkt ein Mikro an die Schulter, das dann draußen Ihre Gespräche und Bewegungen aufzeichnet - beim Arzt, im Büro oder privat im Schlafzimmer," sagt Daniela Holzinger, Obfrau des Verbraucherschutzvereins (VSV). "Das ist Internet 2026 - fast jeden Klick, jede Suche, jeden Kauf im Internet kann der Meta-Konzern mitlesen, selbst gegen Ihren ausdrücklichen Willen."

Business Tools als Meta-Spione

Was im echten Leben Entsetzen auslösen würde, fällt im Internet kaum auf. Schon seit Jahren belauschen solche virtuellen Mikrofone Internetnutzende. Das Ganze funktioniert über sogenannte Business Tools.

Meta weiß alles - Datenschutzverstoß vor Gericht

Das sind für Internetnutzende unsichtbare Programme, die Meta anderen Unternehmen zur Verfügung stellt, sowohl Betreibern von Onlineseiten als auch Entwicklern von Apps. Das Versprechen: Mit diesen Business Tools kann die Werbung bei Meta optimiert werden. Dank der Tools sehen Werbetreibende, inwieweit ihre Werbung bei Facebook oder Instagram erfolgreich war und können ihre Werbestrategien entsprechend anpassen.

Ein ausführliches Interview dazu finden Sie in unserem Podcast: Wirtschaft im Gespräch.

Dabei seien die Business Tools so konzipiert, dass sie schlicht nicht umgangen werden können, sagt Max Baumeister. "Also auch wenn Sie Informatik studiert haben und sich die größte Mühe geben, ist das einfach nicht möglich." Baumeister ist Geschäftsführer der BK Baumeister & Kollegen Verbraucherkanzlei, die sowohl Einzelklagen als auch Sammelklagen gegen Meta wegen Verstößen gegen das Datenschutzrecht führt.

Deutschland Symbolbild Alkoholismus
Wer heute auf Webseiten für trockene Alkoholiker surft, könnte morgen personalisierte Werbung für Whisky erhaltennull U. J. Alexander/imago images

Betroffen seien alle Internetnutzerinnen und -nutzer, unabhängig davon, ob sie Meta-Nutzende sind oder nicht, sagt Baumeister. Es nütze also nichts, seinen Account bei Instagram oder Facebook zu löschen.

Ein Großteil der Internetseiten betroffen

Inzwischen findet man diese Business Tools auf unzähligen Seiten. Dazu gehören sowohl reichweitenstarke Nachrichten- und Shoppingportale als auch Dating- und Erotikwebseiten. "Schätzungen gehen davon aus, dass diese bei mindestens 30 bis 40 Prozent der Webseiten weltweit und auf der überwiegenden Mehrzahl der meistbesuchten 100 Webseiten in Deutschland zum Einsatz kommen", stellte das für Zivilsachen zuständige Landgericht Berlin II fest. 

Jeder Click, jede Eingabe auf Meta-fremden Seiten landet so am Ende bei Meta, wird dort gespeichert, analysiert und weitergegeben - wohin, ist nicht bekannt: Namen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Hobbys, Familienstand, politische Gesinnung, psychische Probleme, sexuelle Neigungen - die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

"Jeder Nutzer ist für Meta zu jeder Zeit individuell erkennbar, sobald er sich auf den Dritt-Webseiten bewegt oder eine App benutzt hat, auch wenn er sich nicht über den Account von Instagram und Facebook angemeldet hat", heißt es in einem Urteil des Landgerichts Leipzig. 

Meta wollte auf Anfrage der DW zu den Klagen und Vorwürfen, gegen Datenschutzrechte zu verstoßen, keine Stellung nehmen .

Erfolgsaussichten der Klagen

Inzwischen sind zahlreiche Menschen aufgewacht und wehren sich gegen das virtuelle Mikrofon. "In Deutsch­land rollt auf Meta nun eine gewaltige Schaden­ersatz­welle zu. Bis Anfang März 2026 hätten sich knapp 91.500 Facebook- und/oder Instagram-Nutzende der Sammelklage des Verbraucherschutzvereins angeschlossen, berichtet Stiftung Warentest. Weitere 300.000 Menschen hätten über meta-klage.de Rechts­anwälte beauftragt, Schaden­ersatz für sie anzu­melden. Allein in Deutschland haben etwa 50 Millionen Menschen ein Konto bei Meta und könnten sich insofern der Verbandsklage anschließen. 

USA Justiz l Cambridge Analytica Facebook - Skandal wegen Datenmissbrauch l Logo
Das Unternehmen Cambridge Analytica soll 2016 mit maßgeschneiderter Wahlwerbung auf Basis von Facebook-Daten Donald Trump zur Macht verholfen habennull Omar Maqrues/ZUMA Wire/imago images

Von den ersten Gerichtsverfahren habe die Verbrauchskanzlei Baumeister etwa 90 Prozent verloren, sagt Baumeister, "weil der Streit einfach sehr kompliziert ist und Großkonzerne sehr erfolgreich damit sind, mit langen, sehr komplexen Schriftsätzen die Lust der Gerichte spürbar zu minimieren, sich mit den Sachen zu beschäftigen." Mittlerweile haben sich aber neun der 22 deutschen Oberlandesgerichte mit der Klage beschäftigt und den Klagenden Recht gegeben. Die Landgerichte würden sich der OLG-Rechtsprechung anpassen, so Baumeister.

"Die Gerichte in Deutsch­land haben Meta inzwischen in rund 1000 Fällen mit über­zeugenden Begründungen bis zu 10.000 Euro Schaden­ersatz und fast immer auch zur Unterlassung der Daten­speicherung und zur Löschung verurteilt," sagt Stiftung Warentest.

Möglicher Schadensersatz schwankt stark je nach Gericht

Dabei ist die Höhe des zugesprochenen Schadenersatzes nicht einheitlich. Das Landgericht Mainz und das Landgericht Ellwangen haben jeweils einen Schadensersatz von 10.000 Euro zugesprochen. Das Oberlandesgericht Dresden hat am 3. Februar 2026 in vier parallelen Verfahren geurteilt: Meta muss 1500 Euro Schadensersatz pro Klagenden zahlen. Das Oberlandesgericht München fand im Dezember 2025 nur 750 Euro Schadensersatz gerechtfertigt. 

Deutschland Bundesgerichtshof in Karlsruhe
2027 wird eine Entscheidung des BGH in Sachen Meta erwartet. Oberlandesgerichte (etwa die OLGs in Dresden, Naumburg, München, Jena und Hamm) haben den Klagenden bereits Recht gegebennull picture-alliance/dpa/C. Schmidt

Noch sind die Urteile nicht rechtskräftig. Nun ist der Bundes­gerichts­hof in Karls­ruhe (BGH) als höchstes deutsches Zivilge­richt an der Reihe. Er wird voraussichtlich im kommenden Jahr ein Urteil fällen, nach dem sich dann die untergeordneten Gerichte richten werden.

Ausstrahlungswirkung auf andere EU-Länder erhofft

Es sind vor allem deutsche Internetnutzende, die den Klageweg bestreiten, um sich gegen Metas Datensammeln zu wehren. Ähnliche Klagen gegen Meta gibt es auch in Österreich. Trotzdem könnte die Entscheidung des BGH auch über die deutschen Grenzen hinaus wirken. Denn "der BGH als oberstes Gericht im größten europäischen Land mit den meisten Einwohnern hat auch großen Einfluss auf andere europäische Gesetzgebung und Rechtsprechung", meint Baumeister.

Im für die Klagenden besten Fall bekommen sie vom BGH einen Schadensersatz zugesprochen und Meta wird verpflichtet, ihre Daten nicht mehr zu sammeln.

Allerdings sei es kompliziert einen Unterlassungsantrag gegen einen im Ausland sitzenden Gegner zu vollstrecken, sagt Baumeister. Meta mit Sitz in Irland verdiene in Europa ungefähr 50 Milliarden Euro pro Jahr - also fast eine Milliarde Euro pro Woche. Daher vermutet Baumeister: "Meta schiebt die Sache raus und weiß, solange es keine wirksamen Mittel gibt, die die Überwachung tatsächlich beenden, verdient Meta eine Milliarde pro Woche und macht eben so lange weiter, bis es nicht mehr geht. Das ist die Strategie von Meta, ganz einfach."

"Mitverantwortliche" könnten auch zur Verantwortung gezogen werden

Ein Urteil des BGH könnte allerdings auch Wirkung auf diejenigen haben, die die Business-Tools auf ihrer Seite integrieren. Auch wenn bisher nur Meta verklagt wurde - in Sicherheit wiegen sollten sie sich nicht, denn ohne sie wäre ein so groß angelegtes Datensammeln durch Meta gar nicht möglich.

Wie gefährlich ist Big Tech?

"Der EuGH hat schon festgestellt, dass diese gemeinsame Verantwortung besteht zwischen Webseitenbetreibern und Meta," so Baumeister. Unter diesen Mitverantwortlichen seien sehr viele mittelständische Unternehmen, die Strafzahlungen viel mehr treffen würden als Meta. Wenn sie nicht mehr mitmachen, funktioniert das System nicht mehr.

 

Was tut Europa gegen wachsende Verluste durch Onlinebetrug?

Laut einer in dieser Woche veröffentlichten wegweisenden Studie zu Onlinebetrug in Europa waren 75 Prozent der Erwachsenen im vergangenen Jahr Ziel eines Betrugsversuchs. Obwohl 71 Prozent der Befragten sich zutrauten, Betrugsversuche zu erkennen, traten acht Prozent der Betroffenen mit den Betrügern in Kontakt. Unter den Eltern sagten 16 Prozent, dass ihre Kinder von Betrügern kontaktiert worden seien.

In den europäischen Ländern, die in der Studie untersucht wurden, wurden in den vergangenen zwölf Monaten Verluste von etwa 50 Milliarden Euro (57,7 Milliarden US-Dollar) verzeichnet, so die Studie der Global Anti-Scam Alliance (GASA), einer gemeinnützigen Organisation, für die rund 22.000 Menschen in 15 europäischen Ländern befragt wurden.

Von den Teilnehmenden, die mit einem Betrugsversuch konfrontiert waren, erlitten 22 Prozent einen finanziellen Schaden oder Datenverlust, nur 39 Prozent davon meldeten den Vorfall jedoch den Behörden. Die finanziellen Verluste beliefen sich im Schnitt auf 2369 Euro (2735 US-Dollar), wobei die höchsten durchschnittlichen Verluste in der Schweiz, Dänemark und Belgien verzeichnet wurden. Für Deutschland schätzt GASA die Verluste in den vergangenen zwölf Monaten auf etwa 10,6 Milliarden Euro.

Etwa 35 Prozent der Befragten, die ihren Verlust meldeten, erhielten von der Organisation, bei der sie diesen gemeldet hatten, ihr Geld zurückerstattet.

"Betrugsversuche werden meist durch gewohnheitsmäßiges Handeln, wie das Ignorieren unaufgefordert eingehender E-Mails, vereitelt, nicht durch gezielte Maßnahmen", heißt es im GASA-Bericht.

"Der Hälfte der Opfer wird erst nach einem Eingreifen von außen oder nachdem sie Geld verloren haben, bewusst, dass sie betrogen wurden", heißt es weiter.

Die Betrugsfabriken Südostasiens

Der GASA-Bericht enthält keine Angaben dazu, wie viele europäische Opfer von Südostasien aus kontaktiert werden - der Region, die in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Knotenpunkt für Internetbetrug geworden ist.

Im Jahr 2024 schätzte das United States Institute of Peace den Wert der Onlinebetrugsbranche in Kambodscha auf nahezu 11 Milliarden Euro (12,7 Milliarden US-Dollar) pro Jahr, etwa die Hälfte des offiziellen BIPs des Landes. Zusammen mit Betrugsfabriken in Myanmar und Laos könnten diese Verbrechersyndikate über 37,9 Milliarden Euro erwirtschaften.

Im April 2025 ging das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) davon aus, dass die großangelegten Betrugsfabriken jährlich nahezu 34 Milliarden Euro Gewinn erzielen.

Kambodschas Scam-Industrie

Die Betrugsindustrie war nicht der einzige Faktor in der tödlichen Grenzkrise zwischen Thailand und Kambodscha, die 2025 ausbrach. Dennoch hat Bangkok die Betrugsfabriken hinter der Grenze wiederholt als Bedrohung für die nationale Sicherheit eingestuft. Auch die Behörden in Thailand begründen Grenzkontrollen und Unterbrechungen von Versorgungswegen mit dem Ziel, illegale Betrugsfabriken in Kambodscha zu zerschlagen.

Viele der Onlinebetrugsnetzwerke in der Region scheinen von kriminellen chinesischen Banden geführt zu werden, doch angesichts der steigenden Summen, um die auch chinesische Staatsbürger betrogen werden, hat die Bekämpfung dieser Netzwerke mittlerweile auch für Peking Priorität.

In Myanmar übt China erheblichen Druck auf die verschiedenen Akteure im Bürgerkrieg aus, gegen die Betrugsfabriken vorzugehen. Analysten warnen jedoch, dass Razzien die Netzwerke oft lediglich vertreiben, sie aber nicht zerschlagen.

Außerdem übt Peking Druck auf Kambodscha aus, in China geborene Betrüger, darunter auch Chen Zi, auszuliefern, um sie in China vor Gericht zu stellen.

Europa hinkt den USA hinterher

Washington hat bereits deutlich mehr Schritte zur Bekämpfung des Problems unternommen als Brüssel. Im vergangenen Oktober verhängte das US-Finanzministerium gemeinsam mit Großbritannien Sanktionen gegen 146 Personen und Organisationen mit Verbindungen zur in Kambodscha ansässigen Prince Group, einem der größten Mischkonzerne des Landes, der von Washington als grenzübergreifende kriminelle Vereinigung eingestuft wird.

Myanmar, Soldaten präsentieren konfiszierte Starlink-Panele
Trotz Razzien in Myanmar und Kambodscha haben Betrugsnetzwerke in Südostasien Europa weiter im Visiernull The Myanmar Military True News Information Team/AP/dpa/picture alliance

Im selben Monat klagte das US-Justizministerium Chen Zhi, den Vorsitzenden der Prince Group und früheren Berater des kambodschanischen Premierministers, wegen des mutmaßlichen Einsatzes von Zwangsarbeitenden in den Betrugsfabriken an, und stellte eigenen Angaben zufolge den bislang größten Antrag auf Beschlagnahme, bei dem es um Bitcoin im Wert von rund 15 Milliarden US-Dollar geht.

Desweiteren ergriff Washington Maßnahmen gegen die in Kambodscha ansässige Huione Group, einen weiteren großen Mischkonzern, und verhängte Sanktionen gegen Senatoren und Industriemagnate, die der herrschenden Hun-Familie nahe stehen.

Mutmaßliche Betrugszentrum‑Mitarbeiter und Opfer aus China sind von hinten zu sehen wie sie an einem thailändischem Grenzposten an einer Reihe von geparkten Bussen entlang laufen
Tausende Personen wurden in die Region geschleust, um in den Betrugszentren zu arbeitennull AFP

Die EU dagegen hat bislang erst einmal wegen Onlinebetrugs Sanktionen gegen südostasiatische Unternehmen verhängt. Im Oktober 2024 tat der Rat der EU dies gegen drei mit der Thit Linn Myaing Group in Myanmar in Verbindung stehende Einzelpersonen.

"Im Vergleich mit den USA, China und dem Vereinigten Königreich engagiert sich die EU weniger sichtbar im Kampf gegen das Betrugsökosystem in Südostasien", sagte Brian D. Hanley, Leiter der Abteilung Asia-Pacific bei GASA zur DW. "Leider werden diese Netzwerke als regionales Problem betrachtet, nicht als Problem für die globale Sicherheit."

"Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung. Kompetenzen sind über verschiedene EU-Institutionen und Mitgliedländer verteilt", bedauert er. "Doch die Folgen für Europas Bürger sind real und werden größer. Der aktuelle Umgang damit wird dem Ausmaß der Bedrohung nicht gerecht."

Packt Brüssel das Problem an?

Am 21. April organisierte die EU gemeinsam mit Thailand und den ASEAN-Staaten das ASEAN Regional Seminar on Online Scams Fighting, ein Seminar zur Bekämpfung von Onlinebetrug, in Bangkok, an dem Vertreter von Strafverfolgungsbehörden, Regulierungsbehörden, Finanzbehörden, zivilgesellschaftlichen Gruppen und internationalen Organisationen teilnahmen.

"Betrugsmaschen im Internet entwickeln sich schnell. Doch unsere Zusammenarbeit kann sich schneller entwickeln", wurde Luisa Ragher, EU-Botschafterin in Thailand, nach der Veranstaltung zitiert.

In einer gemeinsamen Erklärung nach dem 25. ASEAN-EU-Ministertreffen in Brunei einige Tage später wurde wiederholt auf Onlinebetrug und Betrugszentren in Südostasien Bezug genommen. "Wir wissen, wie wichtig es ist, die Zusammenarbeit bei neuen Sicherheitsherausforderungen wie Cyberbedrohungen, Onlinebetrug und damit verbundenen Straftaten ebenso wie bei der Bekämpfung von Desinformationen und Falschinformationen zu vertiefen", heißt es in der Erklärung.

Im März sagte Magnus Brunner, EU-Kommissar für Inneres und Migration, auf dem Global Fraud Summit 2026 in Wien, die Europäische Kommission wolle vor dem Sommer 2026 einen EU-Aktionsplan zur Bekämpfung von Digitalbetrug vorlegen.

Scam-Fabriken: Zwangsarbeit in Myanmar

Für viele Beobachter ist dies ein Hinweis darauf, dass Brüssel beginnt, Onlinebetrug nicht länger nur als Verbrauchertäuschung einzustufen, sondern als organisiertes Verbrechen und Menschenhandel.

Ein Grund dafür, warum europäische Länder sich nicht so aktiv bei der Bekämpfung des Onlinebetrugsproblems in Südostasien beteiligen, könnte sein, dass Informationen über europäische Opfer fehlen, meint Jason Tower, leitender Experte bei der Global Initiative Against Transnational Organized Crime, gegenüber der DW.

"Länder wie Deutschland und Frankreich beginnen zunehmend Ressourcen in die Aufklärung der Öffentlichkeit zu stecken", sagt Tower. "Es gibt jedoch eine große Lücke, denn die EU hat noch nicht damit begonnen, die verschiedenen zur Verfügung stehenden Instrumente wie Sanktionen und strenge Regulierungsmaßnahmen gegen Fintech- und Social-Media-Unternehmen, die von Kriminellen zu Betrugszwecken genutzt werden, einzusetzen."

Der Bericht von GASA könnte dabei helfen. Für Tower muss der nächste Schritt darin bestehen, die Sensibilisierung der Öffentlichkeit mit härteren Maßnahmen zu verbinden: mehr Daten zu Opfern, größerer Druck auf Plattformen und Zahlungssysteme sowie besser koordinierte nationale Maßnahmen in ganz Europa.

Die Erfahrungen anderer Länder, die Ziel von Betrugsmaschen sind, zeigten, dass es immer wichtiger werde, dass diese Maßnahmen auf nationaler Ebene Fahrt aufnehmen, betont Tower.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

E-Autos boomen weltweit – schneller als erwartet

Weltweit wächst der Markt für E-Autos deutlich schneller als erwartet. Innerhalb von nur sechs Jahren hat sich der Absatz verzehnfacht: Im Jahr 2025 wurden weltweit rund 21 Millionen Elektro‑PKW verkauft. 

  • 2019: weltweit sind nur 1 Prozent der verkauften Neuwagen E-PKW
  • 2025: sind es schon 25 Prozent 
  • Mai 2026: 63 % der Neuwagen in China sind E-Autos.
  • Von 1,4 Milliarden PKW weltweit fahren etwa 85 Millionen elektrisch

Vor allem China und Europa treiben den Boom. Aber auch Lateinamerika und anderswo werden immer mehr E-Autos verkauft. 

China führt bei E-Mobilität 

China ist der größte Automarkt der Welt, elektrische Antriebe werden dort seit Jahren gefördert. Das Land investiert seit Jahren in Zukunftstechnologien wie Solar- und Windkraft und in Batterietechnik, den Schlüsselbaustein für die Elektromobilität.

Dank Spitzenforschung und Massenfertigung werden die Batterien für E-PKW immer billiger, sie kosten heute nur noch ein Viertel des Preises vor zehn Jahren. 

China Yantai 2025: Viele Elektrofahrzeuge stehen auf einem großen Parkplatz an Ladesäulen unter einem Dach mit Solarmodulen und laden Strom.
E-Auto Boom in China: Viele Ladestationen, niedrige E-Auto-Preise und günstiger Strom null CFOTO/picture alliance

In China kosten E-Autos schon seit 2024 weniger als Diesel oder Benzin PKW. Zudem baut der Staat die Ladeinfrastruktur stark aus, und Strom ist dort sehr günstig. 2015 lag der Anteil von E-PKW bei den Neuverkäufen in China bei nur einem Prozent, im Mai 2026 waren es schon 63 Prozent. 

Elektroautos: reine Stromer und Hybride mit Zusatzantrieb 

Alle E-Autos werden mit einem Elektromotor angetrieben und per Stromkabel geladen. Neben rein elektrisch betriebenen Fahrzeugen gibt es verschiedene Hybridformen, die einen zusätzlichen Benzin oder Dieselmotor mit dem E-Antrieb kombinieren: 

  • Battery Electric Vehicles (BEV)
    Rund zwei Drittel der Elektroautos weltweit gehören zu dieser Kategorie. Sie fahren ausschließlich mit Strom, der in einer Batterie gespeichert wird. Geladen werden sie per Kabel an Ladesäulen oder Steckdosen.
  • Plug-in-Hybride (PHEV)
    Etwa ein Drittel der elektrifizierten Fahrzeuge sind Hybride. Plug-in-Hybride verfügen sowohl über einen Elektromotor als auch über einen klassischen Benzinmotor. Beide Antriebe können die Räder direkt antreiben.
  • Extended Range Electric Vehicles (EREV)
    Bei dieser Bauart werden die Räder ausschließlich elektrisch angetrieben. Der Verbrennungsmotor arbeitet nur als Generator: Ist die Batterie leer, erzeugt er Strom für den Elektromotor und erhöht so die Reichweite des Fahrzeugs.

Dann gibt es noch sogenannte HEV (Hybrid Electric Vehicle), die in internationalen Statistiken nicht zu den E-Autos gerechnet werden. Sie fahren mit Benzin oder Diesel. Zusätzlich haben sie lediglich einen sehr kleinen Elektromotor ohne Stecker. Der Strom dafür wird aus der selbst erzeugten Bremsenergie gewonnen. Das senkt den Spritverbrauch auf sehr kurzen Strecken ein wenig. 

EU: Jeder dritte Neuwagen fährt elektrisch

2018 lag in der Europäischen Union der Anteil von E-PKW bei den Neuzulassungen bei nur einem Prozent. Im April 2026 war dort schon fast jeder dritte Neuwagen ein E-Auto. Besonders weit ist die E-Mobilität in Nordeuropa. In Norwegen fahren inzwischen fast alle neu verkauften Autos elektrisch (99 %), in Dänemark sind es 82 Prozent und in Schweden 65 Prozent. Die Regierungen fördern schon seit langem klimafreundliche Mobilität, die Ladeinfrastruktur ist schon sehr gut und wird weiter ausgebaut.

In Großbritannien waren im Mai 2026 etwa 40 Prozent der neuen PKW E-Autos, in Deutschland 37 Prozent und in Frankreich 34 Prozent. In den drei Ländern stieg der Absatz von E-Autos im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund 30 Prozent.

USA: Stagnierender Markt für E-Autos 

In den USA stagniert in den letzten Jahren der Markt für Elektroautos. Zwischen 2023 und 2025 lag der Anteil von E‑PKW bei den Neuzulassungen bei nur zehn Prozent, im April 2026 sogar bei unter sechs Prozent. Steuererleichterungen für den Kauf von E-Neuwagen endeten dort letztes Jahr. 

Die vom US Unternehmen Tesla hergestellten Model Y und Model 3 sind die am besten verkauften E-Autos der Welt. Danach finden vor allem chinesische Modelle besonders viele Käufer.  

Weltweit werden die meisten E-Fahrzeuge in China gebaut (71 %), danach folgen Europa (17 %) vor den USA (5 %). In Südkorea und Japan werden jeweils zwei Prozent der E-Autos produziert, in Indien ein Prozent. 

E-Boom zieht in Asien und Lateinamerika an 

In vielen Staaten, auch in Entwicklungs- und Schwellenländern, liegt der Anteil von E-PKW bei den verkauften Neuwagen deutlich höher als in den USA.

Laut Ranking der internationalen Energieagentur (IEA) sind einige asiatische Länder schon sehr weit: Zum Beispiel Nepal mit 68 Prozent E-PKW bei den Neuzulassungen im Jahr 2025, gefolgt von Singapur (63 %), Vietnam (41 %) und Thailand (23 %). In der Türkei waren es im vergangenen Jahr 22 Prozent.

Auch in Lateinamerika steigt der Absatz von E-PKW stark: Innerhalb von nur zwei Jahren haben sich die Verkaufszahlen verdreifacht. Den höchsten Anteil von E-PKW bei den Neuverkäufen hatte im ersten Quartal 2026 Uruguay mit 31 Prozent, gefolgt von Costa Rica (16 %), Kolumbien (15 %) und Brasilien (10 %). Im US-Nachbarland Mexiko waren es sechs Prozent. 

Äthiopien: afrikanischer E-Pionier 

In Afrika setzt besonders Äthiopien auf E-Autos. Als erstes Land der Welt ist dort seit 2024 die Einfuhr von neuen und gebrauchten Autos mit Verbrennungsmotor verboten. Seitdem hat sich die Zahl von E-Fahrzeugen fast vervierfacht, inzwischen sind es über 100.000.  

Der Strom in Äthiopien kommt zu 96 Prozent aus der preiswerten Wasserkraft. Das macht das Fahren mit E-Autos rund achtmal günstiger als mit Benzinern. Die Regierung will durch den vermehrten Umstieg auf E-Mobilität den heimischen Strom nutzen und hohe Importkosten für Erdöl sparen. 

Ein Mann am Bildschirm einer Ladesäule in Addis Abeba. Rechts mehrere Fahrzeuge, im Hintergrund Hochhäuser.
Fahren mit Strom ist in Äthiopien sehr viel günstiger als mit Benzin. Ladestation in der Hauptstadt Addis Abeba null DW

E-Autos werden preiswerter als Verbrenner

Die Kaufpreise für E-Fahrzeuge waren bisher meist höher als für Verbrenner. 2025 waren sie in den USA laut IEA rund 27 Prozent teurer, in Deutschland 19 Prozent, in Brasilien und Türkei elf Prozent.

Doch die Preise sinken schnell. In China gibt es neue E-PKW schon für unter 10.000 Euro. Dort waren E-Neuwagen 2025 im Schnitt 20 Prozent billiger als neue Verbrenner.

In Europa kosten die meisten E-Autos noch über 20.000 Euro. Jetzt kommen auch dort mehr günstige E-PKW auf den Markt und staatliche Zuschüsse senken die Preise für Käufer.

Mehr Reichweite mit starken Batterien und schnellen Ladesäulen

Früher schafften E-Autos der Oberklasse mit einer Batterieladung maximal 500 Kilometer. Dabei waren die Möglichkeiten für schnelles Nachladen meist begrenzt. 

Ein Mann schließt ein Ladekabel an einen E-LKW an. Rechts die Ladesäule mit 300 KW und links im Bild der E-LKW. Es ist die erste Ladestation (Juli 2022) von ARAL. Hier können LKW und PKW mit einer Leistung von 300 KW geladen werden.  Inzwischen werden immer mehr Ladestationen mit einer Leistung von 500 KW und sogar 1000 KW errichtet. Das ist vor allem für den E-Fernverkehr wichtig.
An modernen Schnellladestationen werden E-LKW schon innerhalb von 45 Minuten voll geladen null ARAL

Heute haben einige E-PKW schon über 800 Kilometer Reichweite. Die Ladeinfrastruktur wird weiter ausgebaut, und es gibt auch immer mehr Schnellladestationen. Ein Premiummodell von BYD schafft es laut Hersteller bei einem sogenannten "Flash Charger" in 10 Minuten Ladezeit Strom für weitere 700 km bereitzustellen. Gängige Schnelladestationen etwa an Tankstellen laden je nach Modell in etwa 20 Minuten genug Strom für 300 km Reichweite. Eine Wallbox zu Hause braucht dafür mehrere Stunden.    

E-Autos fahren effizienter und günstiger

Elektrische Motoren sind deutlich effizienter als Benzin- oder Dieselantrieb, weil sie den Strom direkt in Bewegungsenergie umsetzen. Dabei wird 80 Prozent der Energie genutzt, 20 Prozent gehen als Abwärme verloren. Bei Benzinmotoren ist es umgekehrt: Beim Verbrennen des Kraftstoffs gehen 80 Prozent der Energie verloren, nur 20 Prozent können für den Antrieb genutzt werden, bei Dieselmotoren sind es etwa 40 Prozent. 

Ein E-PKW verbraucht darum weniger: ca. 15 Kilowattstunden (kWh) Energie pro 100 Kilometer. Bei einem vergleichbaren Verbrenner sind es 50 kWh, das entspricht rund 6 Litern Benzin.

Das Laden von Fahrzeugen zu Hause ist in der Regel am günstigsten. In Europa und den USA waren es 2024 über 40 Prozent weniger Kosten im Vergleich zur Tankstelle, im weltweiten Schnitt sogar 60 Prozent weniger.

Das Laden an öffentlichen Schnellladestationen ist zwar deutlich teurer. Trotzdem ist weltweit elektrisches Fahren auch ohne eigene Stromtankstelle zu Hause etwa 15 Prozent günstiger als das Fahren mit Verbrennern.

Der Irankrieg verstärkt den Trend zu E-Autos

Hohe Ölpreise durch den Irankrieg und sinkende Kosten für Batterien werden den Absatz von E-Fahrzeugen weiter beschleunigen, das prognostiziert die internationale Energieagentur IEA.

Die IEA schätzt, dass 2026 rund 23 Millionen Elektroautos verkauft werden, fast 30 Prozent aller Neuwagen weltweit, Tendenz weiter steigend. Laut Electric Vehicle Outlook von Bloomberg New Energy Finance könnte 2030 der Anteil von E-Autos bei den weltweiten Neuwagenverkäufen bei 38 Prozent liegen und 2035 bei 52 Prozent. 

Afrikanischer E-Truck Marke Eigenbau

Hitzewellen: Sind Deutschlands Krankenhäuser vorbereitet?

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist gut aufgestellt: Es gibt viele alte Bäume auf dem Gelände, einen Park gegenüber und an einigen Gebäuden rankt wilder Wein oder Efeu die Fassaden empor.

Das alles hilft gegen Hitze. Die Bäume kühlen ihre Umgebung durch ihren Schatten, und weil sie der Luft durch die Verdunstung von Wasser Wärme entziehen. Auch Pflanzen an Gebäudefassaden wirken kühlend und sie halten warme Sonnenstrahlen vom Mauerwerk fern.

Deutschland Hamburg 2023 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf | Denkmalgeschütztes Erikahaus
Ein alter Baumbestand sorgt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf für natürliche Beschattung. Als die ersten Gebäude der Klinik gebaut wurden, gab viel weniger lange Hitzephasen in Deutschlandnull UKE

"Unter den Bäumen wurden Bänke aufgestellt, damit mobile Patientinnen und Patienten, Besucher und Mitarbeitende dort im Schatten verweilen können", erzählt Frank Dzukowski, Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit des UKE. Vor drei Jahren hat das Hamburger Klinikum einen umfassenden Hitzeschutzplan aufgestellt. Als die Klinik vor über 100 Jahren gebaut wurde, waren die Sommer in Hamburg im Schnitt noch kühler. 

Klarer Trend zu mehr Hitzetagen in Deutschland

Durch den menschengemachten Klimawandel erwärmt sich Europa besonders schnell und auch in Deutschland gibt es immer mehr Hitzetage mit mehr als 30 Grad Celsius. In den 1950er Jahren gab es in den meisten Sommern davon nur wenige, knapp acht Hitzetage machten ein Jahr zu einem Rekordhitzejahr, bis zu den 1980er Jahren waren es zehn. In den 2000ern waren es 19 und im vergangenen Jahrzehnt zählte ein Rekordhitzejahr mehr als 20 Tage mit über 30 Grad.

Große Hitze ist eine Gefahr für unseren Körper. Vor allem Hitzewellen wirken sich belastend aus. Von ihnen spricht man, wenn die Temperaturen an mehreren Tagen in Folge auf 30 Grad oder mehr steigen und in der Nacht nicht unter 20 Grad fallen.

Wie Hitzewellen unserem Körper schaden 

Sind wir Hitze zu stark ausgesetzt, kann sie das körpereigene Kühlsystem überlasten – mit Folgen wie Hautausschlägen, Wadenkrämpfen oder Schwellungen in den Beinen. Vor allem unser Herz-Kreislauf-System wird durch Hitze sehr belastet, mögliche Folgen sind Schwindel, Kopfschmerzen, Erschöpfung, bis hin zum Tod durch einen Hitzschlag.

Steigende Temperaturen können in Verbindung mit vermehrter Feuchtigkeit auch zu mehr Hautinfektionen führen und die Wundheilung beeinträchtigen – vor allem, wenn sich mit dem Klimawandel auch das Vorkommen von Bakterien verändert. Hitze kann zudem die Wirkung bestimmter Medikamente verstärken oder abschwächen.

Besonders gefährlich sind hohe Temperaturen generell für Menschen ab 65 Jahren, Menschen mit Vorerkrankungen, schwangere Frauen sowie Säuglinge und Kleinkinder.

Hitze sorgt für volle Krankenhäuser

Allein in den beiden Hitzesommern 2018 und 2019 starben in Deutschland rund 15.500 Menschen an den Folgen der Hitzebelastung. Modellrechnungen für Deutschland sagen voraus, dass es bis Mitte des Jahrhunderts mehr als 5000 zusätzliche Hitzetote pro Jahr geben könnte.

Fakt schon jetzt: Je mehr Hitzetage es gibt, desto mehr Menschen müssen im Krankenhaus behandelt werden. Neben direkten Folgen von Hitze gibt es an heißen Tagen auch mehr Unfälle und Rettungseinsätze.

Aber: Ist man dann im Krankenhaus ausreichend vor Hitze geschützt?

2024 fragte das Deutsche Krankenhausinstitut insgesamt bei 289 Kliniken nach, ob sie mehr oder gezieltere Maßnahmen gegen Hitze ergriffen hätten als im Vorjahr. 60 Prozent sagten nein.

Deutsche Kliniken noch nicht genug auf Hitze vorbereitet

Der Hauptgrund, der besseren Hitzeschutz in Krankenhäusern verhindert: fehlendes Geld, das sagten 96 Prozent aller Befragten. Auch der hohe bürokratische Aufwand schreckt viele Kliniken ab, mehr für den Hitzeschutz zu tun. "Vielfach haben sie momentan angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Lage auch andere Prioritäten", heißt es in dem Bericht.

Und an dieser Situation hat sich laut Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) auch 2026 nicht viel geändert. Der gemeinnützige Verein vertritt als Dachorganisation die Interessen der Kliniken in Deutschland.

Die Bundesländer kämen schon seit Jahrzehnten nicht mehr ihrer Pflicht nach, die tatsächlich anfallenden Investitionskosten der Krankenhäuser zu refinanzieren, kritisiert der DKG- Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß.

"In der Praxis heißt das dann oft, dass die Kliniken das wenige Geld eher in die direkte Versorgung investieren und zum Beispiel Geräte anschaffen oder dringend notwendige Reparaturen finanzieren, als eine Klimaanlage nachzurüsten." Die Klinken müssten zusehen, wie sie für Kühlung sorgen könnten, ohne dabei zu viel Geld auszugeben.

Krankenhäuser: Mehr Geld für Hitzeschutz nötig

Tatsächlich existieren bereits viele Ratschlägen zum Umgang mit Hitze, die auch kostengünstige Hitzeschutzmaßnahmen aufzählen: etwa leichte Dienstkleidung, dünne Bettdecken, hitzeangepasstes Essen oder das Aufstellen von Trinkwasserspendern.

Aber: "Um ein Krankenhaus, seine Patientinnen und Patienten und seine Beschäftigten in Hitzeperioden wirklich wirksam zu schützen - dafür benötigt es Investitionen", so Gaß. Von der Politik fordert die DKG deswegen ein mehrjähriges Klima-Investitionsprogramm in Höhe von 31 Milliarden Euro. Ein Teil dieses Geldes soll dann in den Hitzeschutz fließen.

Vor dem Eingang des Hauptgebäudes des Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf sitzen Menschen an einem Sommertag auf Bänken
Sonnenschutz vor den Fenstern hilft, das Hauptgebäude des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf kühler zu halten. In vielen Stationen gibt es keine Klimaanlagen null Axel Kirchhof/UKE Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf

Die meisten deutschen Krankenhäuser wurden gebaut, als Hitzeperioden noch eine Ausnahme waren, daher haben sie meist keine Klimaanlagen.

Auch im Universitätsklinikum Hamburg gibt es Klimatisierung nur in speziellen Bereichen, wie auf Intensivstationen und in Operationssälen, wie Frank Dzukowski berichtet. Am Hauptgebäude, wo sich rund die Hälfte aller Patientenbetten befänden, sei außen ein Sonnenschutz angebracht. "Wo das nicht geht, kann man innenliegende Verschattungselemente oder Sonnenschutzfolien anbringen, um das Eintreten der Wärme und auch der Sonneneinstrahlung zu reduzieren."

Besonders kranke oder schwache Patienten würden, wenn möglich, in Zimmern untergebracht, die sich nicht so schnell aufheizten. Personalräume könnten durch nächtliches Lüften etwas abkühlen. 

Wichtig für einen Hitzeschutzplan sei es, nicht nur die einzelnen Maßnahmen, sondern auch die Verantwortlichkeiten festzulegen und die konkreten Erfahrungen auszuwerten, sagt Dzukowski.

Charité Hitzeschutz-Pläne: medizinische Versorgung ermöglichen

An der Charité-Klinik in Berlin spielte man das Thema "Hitzeschutz unter Extrembedingungen" durch – und entwickelte erste Pläne dazu. Die Frage: Kann die Klinik die medizinische Versorgung auch in einer langen Hitzekrise aufrechterhalten? Das dafür angenommene Szenario: Es herrschen mehrere Wochen Rekord-Temperaturen von über 40 Grad, begleitet von Tropennächten ohne Abkühlung.

Auch die meisten Stationen der Charité sind nicht mit Klimaanlagen ausgestattet. Deswegen erstellte die Klinik eine "Heat-Map", teilte also das Gebäude anhand der Raumtemperaturen auf: Wo liegen Räume, die sich schnell erhitzen und Risikobereiche sind, und wo sind kühle Rückzugsorte, in denen sich Mitarbeitende wie Patientinnen und Patienten von der Hitze zeitweise erholen könnten.

Ein Rettungswagen steht in der Zufahrt zur zentralen Notaufnahme des Campus Charité Mitte in Berlin
Die Notaufnahme der Berliner Charité: In einer langen Phase von Extremhitze droht Überlastung null imago images/Andreas Gora

In krisenhaften Hitzewellen würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Notaufnahme überlastet, so die Charité. Zusätzlich müsse man mit Personalengpässen rechnen, weil Mitarbeitende selbst krank werden könnten oder sich um ihre Familien kümmern müssten, wenn Schulen oder Pflegeheime wegen der Hitze schließen. Helfen könnten hier angepasste Dienstpläne, bestimmte Tätigkeiten auszulagern sowie Operationen und ambulante Behandlungen zu verschieben.

Das Fazit des Krisenstabs der Charité: Krankenhäuser müssen besser für Extremhitze vorbereitet werden. Denn Stand jetzt könnten Kliniken die medizinische Versorgung in einer Hitzekrise nicht ausreichend gewährleisten. Dafür müsse die Politik die Rahmenbedingungen schaffen und die klimaresiliente Sanierung der Krankenhäuser gezielt fördern.

KI: Europa im Schatten der USA

Der Zugang zu KI-Modellen ist nicht nur eine Frage von wirtschaftlicher Autonomie sondern auch eine Frage der inneren und äußeren Sicherheit von Staaten. Das hat ein Ereignis vom 13. Juni 2026 einmal mehr deutlich gemacht.

Das US-Unternehmen Anthropic hatte mitgeteilt, auf Anordnung der Regierung allen Ausländern den Zugang zur Top-Software Fable 5 und Mythos 5 mit Künstlicher Intelligenz zu verweigern - unter Verweis auf die nationale Sicherheit. Diese KI-Modelle gelten als besonders geeignet, Sicherheitslücken in Software aufzuspüren

Nach Ansicht von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt müsse auch Deutschland jetzt dringend seinen Rückstand bei Künstlicher Intelligenz aufholen. In der gegenwärtigen Situation müsse man technologische Innovationen mitgestalten. Sonst könne es passieren, "dass man sehr schnell zu den Opfern gehört", zitierte ihn die Nachrichtenagentur dpa.

Erste Antworten

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) teilte der DW auf Anfrage mit, das bereits Bemühungen in dieser Hinsicht vereinbart worden sind: "Das DFKI und sein französischer Partner Inria (eine staatliche Forschungseinrichtung für Informatik und Automatisierung) werden am 18.6. in Beisein von Forschungsministerin Bär und ihrem französischen Kollegen Baptiste eine Vereinbarung zur Gründung eines deutsch-französischen KI-Zentrums unterzeichnen."

EU: Digitale Souveränität

Anschließend, so DFKI-Sprecher Andreas Schepers, werden ab Juli 2026 Büros an den jeweiligen Standorten in Deutschland und Frankreich eingerichtet und im vierten Quartal werde der operative Betrieb der Project Factory aufgenommen.

Ein Akteur aus Frankreich hat bereits seinen Hut in den Ring geworfen: die Mistral AI, ein französisches Softwareunternehmen, das sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt und in Europa führend im Bereich großer Sprachmodelle ist.

Für hiesige Verhältnisse ist Mistral ein Schwergewicht: Im September 2025 hatte Bloomberg berichtet, Mistral AI habe eine Investition in Höhe von zwei Milliarden Euro erhalten, wodurch es nun mit 12 Milliarden Euro bewertet wird. Vorher hatte das niederländische Unternehmen ASML, der weltweit größte Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie, elf Prozent von Mistral erworben.

Warum Autarkie wichtig ist

"Europa muss eigene leistungsfähige KI-Angebote entwickeln, um wettbewerbsfähig und handlungsfähig zu bleiben", teilte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder der DW mit. Eine notwendige Selbständigkeit erklärt er so: "Ein Land ist digital souverän, wenn es über substanzielle eigene Fähigkeiten in Schlüsseltechnologien verfügt und selbst entscheiden kann, aus welchen Ländern es jene Technologien bezieht, die es nicht selbst entwickelt."

Der fatale Erfolg viraler KI-Videos

Die Bundesrergierung sieht das offenbar auch. Sie hat am 11. Februar beschlossen, eine europäische KI-Verordnung umzusetzen. In einer Pressemitteilung seines Ministeriums kündigte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger an, "eine schlanke KI-Aufsicht mit klarem Blick auf die Bedarfe der Wirtschaft" zu schaffen. Er versprach, keine neue "Behörde mit Wasserkopf" einzuführen. So werde "für einen sicheren KI-Einsatz, stärkeres Wachstum und Innovationskraft unserer Unternehmen" gesorgt.

Was Deutschland beisteuert

Wird derzeit von möglichen europäischen Champions gesprochen, fällt immer der Name des französischen Aufsteigers Mistral. Doch Lennart Kuhn von der Öffentlichkeitsarbeit der DFKI nennt auch hochinnovative Unternehmen aus Deutschland, etwa "Black Forest Labs, Langdock, Codesphere und Aleph Alpha, NOXTUA oder Neura Robotics."

Was tun gegen Cyber-Angriffe?

Auch Bitkom-Chef Rohleder betont die hiesigen Kompetenzen: "In Deutschland arbeiten zahlreiche Unternehmen am Aufbau eigener KI-Angebote. Dazu gehören Basismodelle für Maschinen- oder Tabellendaten und KI-Anwendungsmodelle zum Beispiel in der Medizin oder der Bildung."

12 Milliarden: viel oder wenig?

Zum Aufbau neuer Strukturen braucht es Zeit, gemeinsame Anstrengungen und vor allem viel guten Willen auf allen Seiten. Aber auch Geld. Da war die Nachricht, dass Bloomberg Mistral inzwischen mit 12 Milliarden Euro bewertet, höchst willkommen. Doch was ist diese Summe wirklich wert angesichts des Geldes, das in der Branche weltweit umgesetzt wird?

Bernhard Rohleder sagt ganz entschieden: "Mit 12 Milliarden Euro lässt sich viel machen." Doch es gehe nicht nur um Geld. Ebenso wichtig sei, "ob es gelingt, Talente anzuziehen und ob die Rahmenbedingungen stimmen. Die KI-Unternehmen brauchen weniger Regulierung und einen Staat, der als Ankerkunde neue Technologien in die Anwendung bringt und ihre Skalierung unterstützt."

Smarter Sport: Erfolgreicher mit KI? — Shift

"Die entscheidende Frage ist nicht, ob Mistral die USA kurzfristig überholen kann", schrieb Lennart Kuhn. Der Erfolg von KI-Modellen werde nicht nur über eine finanzielle Bewertung eines Wettbewerbers entschieden. Wichtiger seien "Datensouveränität, regulatorische Konformität, Transparenz und die Kontrolle über die Infrastruktur. In diesen Bereichen kann ein europäischer Anbieter wie Mistral durchaus Wettbewerbsvorteile entwickeln."

Europa ist noch nicht abgehängt

Will Deutschland, will Europa nicht abgehängt werden, wird die Zeit knapp. Zu einer echten Alternative zu den USA, so die DFKI, brauche es vier Dinge: "Deutlich mehr Wachstumskapital, massive Investitionen in souveräne Rechenzentren, Energieversorgung und Chip-Infrastruktur, einen europäischen Binnenmarkt, der schneller skaliert, weniger fragmentiert und einheitlicher reguliert ist, und viertens eine stärkere Nachfrage nach europäischen Lösungen durch Unternehmen und öffentliche Einrichtungen."

Könnten sich die europäische Unternehmen wie die angebahnte deutsch-französische Initiative erfolgreich etablieren, würde Bernhard Rohleder von der Bitkom recht behalten: "Europäische KI-Anbieter müssen und können eine Alternative zu den globalen Playern der KI werden."

Kann Künstliche Intelligenz die Umwelt retten?

Abkühlung: Wie Städte der Hitze trotzen

Städte heizen sich bei Hitze besonders auf. An immer mehr Tagen werden die Wege heiß wie Herdplatten und der Schlaf bei Nachthitze zur Qual. 

Dicht bebaute Städte mit viel Asphalt, versiegelten Flächen und wenig Grün bilden Hitzeinseln. Diese können 10 bis 15 Grad Celsius heißer sein als die umliegenden ländlichen Gebiete. Diese zusätzliche Hitze belastet die städtische Infrastruktur und schädigt die Gesundheit. Jährlich sterben laut UN fast eine halbe Million Menschen an den Folgen.

Den durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verstärkten  Klimawandel bringen Wissenschaftler mit häufigeren, intensiveren und früher einsetzenden Hitzewellen in Verbindung. Städte sollen jedoch lebenswert bleiben. Bei den vorbereitenden UN-Klimaverhandlungen in Bonn tauschen sich kommunale Experten über Strategien zur Anpassung und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit derzeit aus. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten.

"Hitze ist ein stiller Killer, aber kein unvermeidbarer", sagt Hans Kluge, Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation für Europa bei der Vorstellung aktualisierter Leitlinien zu Hitzeschutzmaßnahmen in Bonn. "Wir haben die Mittel. Jetzt müssen wir sie nutzen."

"Die Natur der Wärme hat sich verändert"

"Heute ist Hitze nicht mehr nur ein lokales Klimaphänomen. Sie ist zu einer Herausforderung für die Stadt, die öffentliche Gesundheit, die Wirtschaft und die sozio-ökologische Situation geworden", sagt Leonardo Madeira Martins, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stadt Teresina im Nordosten Brasiliens.

Die dicht besiedelte tropische Stadt mit 870.000 Einwohnern ist für ihre Grünflächen bekannt, sagt Martins. Trotzdem steigt die Temperatur mittlerweile häufig über 40 °C. Dies beeinträchtigt die "städtische Mobilität, die Schlafqualität, die Produktivität und das allgemeine Wohlbefinden", schreibt er in einer E-Mail.

Gastgeber der nächsten UN-Klimakonferenz (COP31) ist Antalya in der Türkei. Ebenfalls wird hier eine Veränderung des Sommerwetters festgestellt.

"Antalya ist eine Mittelmeerstadt, in der die Sommer schon immer heiß waren. Doch die Art der Hitze hat sich verändert", sagt Melike Kireccibasi, Klimaexpertin der Stadtverwaltung. Hitzewellen beginnen früher, dauern länger und es gibt sie häufiger, erklärt sie. Dieser Trend könne sich bis zur Mitte des Jahrhunderts deutlich verstärken, insbesondere im dicht besiedelten Stadtzentrum.

"Dies setzt unsere Bevölkerung – die mittlerweile 2,6 Millionen übersteigt – sowie unser Gesundheitssystem, unsere Energie- und Wasserversorgung und die Millionen von Besuchern, die wir jeden Sommer empfangen, zunehmend unter Druck."

Kinder, ältere und kranke Menschen sind besonders gefährdet

Wohnungen, Arbeitsplätze und andere Gebäude können Menschen während Hitzeperioden zwar schützen, doch auch diese Möglichkeiten haben ihre Grenzen. Wenn extreme Temperaturen bis in die Nacht anhalten, fällt es Bewohnern überhitzter Gebäude schwer, sich abzukühlen. Besonders für gefährdete Gruppen wie Kinder sowie ältere und kranke Menschen ist das riskant.

Laut Kireccibasi sollen die Gebäude in Antalya angepasst werden und die Bewohner unterstützt werden mit der Hitze zu leben. Dazu gehörten Klimaanlagen, aber auch Maßnahmen, um "den Kühlbedarf unserer Gebäude von vornherein zu senken". Eine von der EU geförderte Analyse der Hitzerisiken im Stadtgebiet, die auf Satellitendaten und Klimaprognosen basiert, hat genau jene Bewohner identifiziert, die am stärksten von den steigenden Temperaturen betroffen sind.

Die Strategie der Stadt sieht eine bessere Gebäudegestaltung vor, die für mehr Schatten sorgt, Oberflächen bevorzugt, die Wärme reflektieren oder durch Dachbegrünung die Hitze abhält. Zu den weiteren Lösungen zählen öffentliche Trinkwasserstellen und eine gesteigerte Energieeffizienz. "Auf diese Weise kann Kühlung kostengünstiger, leichter zugänglich und klimafreundlicher werden", sagt Kireccibasi.

Solaranlage über einer großen Terrasse zwischen Häusern in Conjunto (Fortaleza, Brasilien)
Solarmodule im brasilianischen Fortaleza helfen doppelt: Sie erzeugen den günstigsten Strom und mindern die Hitze durch Verschattungnull Joaquim Melo/Divulgação

Strukturelle Einschränkungen und soziale Ungleichheit verschärfen die Hitzeproblematik in Brasilien zusätzlich. "In einer Stadt mit mittlerem Einkommen wie Teresina haben nicht alle Familien durchgehend Klimaanlagen", erklärt Martins. Dies stelle eine Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar, "insbesondere bei sozial benachteiligten Personen und in Randgebieten, wo viele Häuser schlecht belüftet sind, unzureichende Dächer haben und es nur wenige Bäume gibt."

Ein von den Vereinten Nationen unterstütztes Forschungsprojekt zeigt, wie sich extreme Hitze auf die Gesundheit schwangerer Frauen und ihrer Babys auswirkt – vor allem in benachteiligten Vierteln. Laut Martins halfen die Ergebnisse der Stadt, eine Strategie zu entwickeln, die den Zugang zu Informationen und Ressourcen umfasst, um besser mit Hitze während der Schwangerschaft umgehen zu können.

Teresina setzt sich für den Erhalt und die Erweiterung seiner städtischen Wälder, Feuchtgebiete und Grünzüge ein. Durch die Verdunstung der Pflanzen kühlt die Stadt ab. Auch schattige Parks und verschattete öffentliche Plätze sind Teil dieses Konzepts.

Eine weitere brasilianische Metropole, Fortaleza, hat ein Netzwerk aus zehn Wetterstationen in Betrieb genommen, das Echtzeitdaten zu Temperatur, UV-Index und Luftfeuchtigkeit in denjenigen Gebieten der Küstenstadt liefert, die am stärksten von städtischer Hitze betroffen sind.

"Indem wir diese Informationen der Öffentlichkeit transparent zugänglich machen, wollen wir ein gemeinsames Verständnis für die mit extremer Hitze verbundenen Risiken fördern und die gemeinschaftliche Entwicklung von Lösungen zu deren Bewältigung anregen", erklärt Bürgermeister Evandro Leitao in einer E-Mail.

Bildung für ein Leben trotz Hitze

Bis 2028 sollen in Fortaleza alle öffentlichen Schulen mit Klimaanlagen ausgestattet werden und ein Teil davon mit Solarenergie betrieben werden. Die Stadt möchte außerdem die kahlen Schulhöfe wieder begrünen. "Wir wissen, dass sich hohe Temperaturen unmittelbar auf das Wohlbefinden, die Konzentration und den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler auswirken", erklärt Leitao.

Auch im kenianischen County Kilifi, nordöstlich von Mombasa, spielen Schulen eine zentrale Rolle bei den Kühlungsmaßnahmen. Um der massiven Abholzung entgegenzuwirken, vermitteln staatlich geförderte Arbeitsgruppen an Internaten und Colleges den Schülern und Studierenden wie man Schattenspender pflanzt und pflegt.

Kenia Kilifi 2025 | Schüler auf dem Heimweg von der Schule
In Kilifi (Kenia) lernen Schüler, Bäume zu pflanzen und zu pflegennull Philippe Lissac/Godong/picture alliance

"Wenn sie nach Hause zurückkehren, pflanzen sie Bäume auf ihren Grundstücken", sagt Wilfred Kenga Baya, Energiedirektor des Landkreises. "Wir erziehen eine Generation mit Wissen zum Umweltschutz und zur Hitzeminderung."

In den abgelegeneren Gebieten von Kilifi gab es früher keine zuverlässige Stromversorgung und damit keine zuverlässige Möglichkeit der Hitze zu entkommen. Als Reaktion darauf hat der Bezirk die Installation dezentraler Solaranlagen priorisiert, erklärt Baya. Diese lieferten nun zuverlässigen Strom in die lokalen Mikronetze und trügen dazu bei, wichtige Einrichtungen zu kühlen wie Gesundheitszentren, Schulen und Haushalte.

"Die Nutzung erneuerbarer Energien hat in den letzten Jahren wirklich zugenommen", sagt Baya und weist darauf hin, dass die Menschen im gesamten Landkreis mit 1,5 Millionen Einwohnern begonnen haben, solarbetrieben Ventilatoren und Kochgeräte zu nutzen, statt Geräte mit fossilen Brennstoffen zu betreiben.

"Diese Mikronetze gewährleisten, dass lebenswichtige Dienstleistungen ohne Abhängigkeit von anfälligen Fernstromleitungen aufrechterhalten werden können."

Adaptiert von Gero Rueter. Redaktion: Sarah Steffen

Wie Städte ihre Bewohner vor Klimarisiken schützen können

UNICEF: Klimawandel trifft viele Kinder besonders hart

Fast jedes zweite Kind weltweit ist nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF von mindestens drei Klimarisiken gleichzeitig betroffen. Das geht aus dem neuen Kinder-Klimarisiken-Bericht (Children's Climate Risk Report 2026) der UN-Organisation hervor. Demnach gefährden mögliche Folgen des Klimawandels die Gesundheit, die Bildung oder sogar das Überleben von insgesamt rund 1,1 Milliarden Kindern. Nahezu jedes Kind der Welt sei zumindest einer Klimagefahr ausgesetzt, heißt es.

Der Bericht stellt die Verletzlichkeit von Kindern gegenüber den acht häufigsten Klimagefahren dar:

  • Dürren
  • Extreme Hitze (über 35 Grad Celsius)
  • Hitzewellen
  • Brände
  • Überschwemmungen an Küsten
  • Überschwemmungen an Flüssen
  • Sand- und Staubstürme
  • Tropenstürme


Ein Klimarisiko-Atlas mit hochauflösenden Daten zeigt, wo auf der Welt welche Klimarisiken wie intensiv auftreten. Abgebildet wird auch, inwieweit wichtige Versorgungssysteme für Kinder betroffen sind.

USA New York | Catherine Russell vor dem UN-Sicherheitsrat (30.10.2023)
Die US-Amerikanerin Catherine Russell steht seit 2022 an der Spitze von UNICEF (Archivbild)null Eduardo Munoz Alvarez/AP Photo/picture alliance

Die Analyse könne Regierungen und Entscheidungsträgern helfen, besser zu planen und in widerstandsfähige Versorgungsstrukturen zu investieren, erläuterte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. "Wenn wir die Gesundheits- und Bildungssysteme stärken und die Infrastruktur unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Kindern verbessern, schützen wir sie vor den heutigen Klimagefahren und tragen dazu bei, ihre Zukunft zu sichern."

Multiple Gefahren

Am häufigsten treten Dürren, extreme Hitze und Hitzewellen im Verbund auf. Fast 300 Millionen Kinder leben laut UNICEF in entsprechenden Risikogebieten. Mit der zweithäufigsten Kombination aus Dürren, extremer Hitze und tropischen Stürmen sind den Angaben zufolge weltweit mehr als 115 Millionen Kinder konfrontiert. Heikel sei die Situation insbesondere in BangladeschMyanmar und Pakistan in Asien sowie in der Sahelzone in Afrika.

Kinder leiden stärker unter den Folgen des Klimawandels als Erwachsene, wie auch im UNICEF-Bericht betont wird. Sie sind körperlich empfindlicher und anfälliger für Krankheiten, da sich ihre Körper schneller erhitzen und sie weniger effizient schwitzen. Außerdem benötigen sie mehr Nahrung und Wasser pro Kilogramm Körpergewicht. Bei extremen Wetterereignissen sind ihre Überlebenschancen geringer.

Sahelzone Klimawandel l Mütter mit ihren Kindern holen Wasser in Goudebou, Burkina Faso
Burkina Faso: Mütter mit ihren Kindern holen Wasser in der trockenen Sahelzone (2021)null Olympia de Maismont/AFP

Risiken auch in Europa

In Deutschland und anderen europäischen Staaten haben Kinder eine im globalen Vergleich sehr gute Grundversorgung, etwa in den Bereichen Gesundheit, Zugang zu Wasser und sozialer Absicherung. Dennoch erleben nach UNICEF-Erkenntnissen auch hierzulande 97,5 Prozent der Kinder mindestens eine Klimagefahr.

"Kinder und Jugendliche sind am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich, doch die Auswirkungen treffen ihre Generation und die folgenden besonders hart", sagte der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, Christian Schneider.

 

Deutschland Berlin | PK BMZ und Unicef | Christian Schneider Geschäftsführer UNICEF Deutschland (23.02.2024)
Christian Schneider: "Kinder gehören ins Zentrum aller Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen" (Archivbild)null Ute Grabowsky/photothek/IMAGO

An die Bundesregierung in Berlin richtete Schneider einen Appell: "Auch Deutschland muss seinen Beitrag leisten - beim Klimaschutz ebenso wie bei der Unterstützung besonders betroffener Länder."

wa/AR (kna, dpa, afp, epd)

Steht uns der extremste El Niño seit 140 Jahren bevor?

Im Pazifik entwickelt sich ein möglicherweise extremer El Niño, ein Wetterphänomen, das in den kommenden Wochen die Wetterverhältnisse weltweit beeinflussen könnte. Meteorologen warnen, dass es sich um den stärksten je registrierten El Niño handeln könnte.

Das Phänomen habe "echtes Potenzial, sich zum stärksten El-Niño-Ereignis der vergangenen 140 Jahre" zu entwickeln, sagt Paul Roundy, Professor für Atmosphären- und Umweltwissenschaften an der State University of New York (Albany).

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) geht davon aus, dass sich schon bald El-Niño-Wetterbedingungen bemerkbar machen werden, die bis mindestens in den Winter hinein anhalten. Je nach Stärke und Dauer des Wetterphänomens könnte dies in zahlreichen Regionen zu Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Unterbrechungen der Lebensmittel- und Wasserversorgung führen.

"Die Welt muss das als die dringende Klimawarnung betrachten, die es ist", mahnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres. "El-Niño-Wetterbedingungen werden wie ein Brandbeschleuniger in einer sich erwärmenden Welt wirken."

Was ist El Niño? 

El Niño ist ein natürlich auftretendes Klimamuster, das sich alle zwei bis sieben Jahre wiederholt. Eingeläutet wird es von schwächer werdenden Passatwinden über dem tropischen Pazifik. Dadurch sammelt sich im Pazifischen Ozean warmes Wasser an.

Diese Erwärmung vollzieht sich nur in einer Region und die erwärmte Fläche ist in etwa so groß wie die Vereinigten Staaten von Amerika, die Auswirkungen sind jedoch rund um den Globus spürbar.

"Die Veränderung der tropischen Atmosphäre kann auch die weiter entfernte Atmosphäre in den mittleren Breitengraden verändern", sagt Gavin Schmidt, Leiter des NASA Goddard Institute for Space Studies zur DW. "Darum betrifft es auch uns, obwohl wir uns potentiell Abertausende von Meilen entfernt befinden."

Es wird eine globale Kettenreaktion in Gang gesetzt, bei der El Niño "der erste atmosphärische Dominostein ist, der fällt", erläutert er.

Welche Auswirkungen auf das Klima sind zu erwarten?

Die von El Niño ausgelösten Reaktionen können sich von Region zu Region stark unterscheiden. An manchen Orten kann es zu Dürren kommen, während andere von Überschwemmungen betroffen werden. 

Manche Regionen in Zentralamerika, Asien, Afrika und Australien werden während der El-Niño-Jahre heißer und trockener. Die daraus resultierende Wasserknappheit kann sich auf die Landwirtschaft, Stromerzeugung durch Wasserkraft und Trinkwasservorräte auswirken. Die Behörden von Honduras gehen davon aus, dass schwere Dürren etwa 75 Kommunen des Landes betreffen könnten. Für die Hauptstadt Tegucigalpa wurde bereits der Wassernotstand ausgerufen.

Anderen Weltregionen droht das Gegenteil. Entlang Teilen der südamerikanischen Pazifikküste kann El Niño zu sintflutartigen Regenfällen und verheerenden Überschwemmungen führen. 

Stab zur Wasserstandsmarkierung steckt in rissiger Erde
Im Jahr 2024 ließ El Niño die Wasservorräte in Kolumbiens Hauptstadt Bogota bedrohlich sinkennull Fernando Vergara/picture alliance/dpa

Auch wenn Regenfälle längst aufgehört haben oder Wasserreservoirs ausgetrocknet sind, können die Folgen noch lange spürbar sein. El Niño wird mit Ernteausfällen und wirtschaftlichen Verlusten in Billionenhöhe in Verbindung gebracht. Während des El Niño 2015/2016 waren Millionen von Menschen weltweit wegen schlechter Ernten auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Auch Waldbrände werden zu einer immer größeren Bedrohung. Wissenschaftler warnen vor einem erhöhten Risiko für extreme Hitze und Dürre, die Waldbrände in Australien, Kanada, den Vereinigten Staaten und im Amazonas-Regenwald begünstigen.

Stürme, Korallen und die Hurrikansaison

Auch bei der Entstehung tropischer Stürme spielt El Niño  eine wichtige Rolle. Wissenschaftler rechnen damit, dass die diesjährige Hurrikansaison im Atlantik in diesem Jahr weniger stark ausfallen wird als sonst. Das Wetterphänomen verstärkt in der Regel die Windscherung über dem Atlantik, was die Bildung und Verstärkung von Stürmen schwieriger macht.

"Im mittleren und östlichen tropischen Pazifik beginnen die Gewässer, sich zu erwärmen", erläutert Atmosphärenwissenschaftler Brian Tang. "Wenn sich ein El Niño entwickelt, insbesondere während der Hurrikansaison, wird die Bildung von Wolken, Gewitter, Niederschlägen und tropischen Tiefs im Atlantik in der Regel unterdrückt."

Weniger Stürme bedeuten jedoch nicht zwingend weniger Gefahr. Hat ein Sturm die Stärke eines Hurrikans erreicht, ist er nur noch schwer zu unterdrücken - was bedeutet, dass die Hurrikans, die sich tatsächlich entwickeln, immer noch katastrophale Schäden anrichten können.

Im Pazifik hat El Niño gewöhnlich den gegenteiligen Effekt. Hier führt das Phänomen zur Entstehung von mehr Stürmen, die stärker werden.

Auch die Ökosysteme der Meere geraten unter Druck. Die durch El Niño verursachten höheren Wassertemperaturen können eine Korallenbleiche auslösen und Riffe, die durch den wiederholten Hitzestress aufgrund des Klimawandels bereits geschwächt sind, weiter belasten.

Auch für Landwirte sind die Folgen spürbar. In Indien berichteten Mangobauern von drastischen Ernterückgängen, nachdem ungewöhnliche Wetterbedingungen die Blüte und Fruchtentwicklung beeinträchtigt hatten. Angebot und Einkünfte der Erzeuger gingen entsprechend zurück.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf El Niño aus? 

Wissenschaftlern zufolge gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass der Klimawandel El Niño selbst verstärkt, doch er kann seine Auswirkungen potenzieren.

"Mit dem Klimawandel kann sich eine schwere, durch El Niño verursachte Dürre in eine extreme, durch El Niño verursachte Dürre verwandeln", betont Michael McPhaden, leitender Wissenschaftler an der National Oceanic and Atmospheric Administration, der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten.

Mädchen steht vor einem Auto, das von Schlammmassen mitgerissen wurde
Durch El Niño verstärkte sintflutartige Regenfälle und Sturzfluten forderten 2024 während der Regenzeit in Kenia 120 Todesopfernull LUIS TATO/AFP

Wärmere Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf und erhöht so das Risiko extremer Niederschläge und Überschwemmungen. Höhere Temperaturen können zudem Dürren verschärfen, da die Böden schneller austrocknen.

Da sich die Temperaturen weltweit bereits einem Rekordhoch nähern, könnte das El-Niño-Phänomen die globalen Temperaturen leicht auf neue Rekordwerte treiben.

Wie kann sich die Welt auf diesen El Niño vorbereiten? 

Das El-Niño-Phänomen hat den Vorteil, dass es sich langsam aufbaut und schon im Vorfeld über Monate beobachtet werden kann. Wissenschaftler behalten die Temperaturen der Ozeane und die Witterungsverhältnisse im Blick und geben Regierungen und Gemeinschaften so Zeit, sich auf das Phänomen vorzubereiten.

Prognosen geben den Behörden die Möglichkeit, Maßnahmen zum Schutz der Ernten zu ergreifen, den Hochwasserschutz zu verbessern und Frühwarnsysteme zu optimieren.

"Wir wissen, wo es ungewöhnlich nass oder trocken wird", sagt McPhaden. "Dank langfristiger Wettervorhersagen besteht ausreichend Zeit, Strategien zur Schadensbegrenzung zu entwickeln, um einige der schlimmsten Folgen zu verhindern."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

Ab Juli zwölf Euro Eintritt für den Kölner Dom

Der Kölner Dom wird für Besucher ab dem 1. Juli zwölf Euro Eintritt kosten. Damit sollen die gestiegenen Kosten für Pflege, Schutz und laufenden Betrieb des Doms gedeckt werden, wie das Domkapitel auf einer Pressekonferenz mitteilte.

Nur an bestimmten Tagen soll der Dom für alle kostenfrei zugänglich sein: vom 6. Januar (Fest der Heiligen Drei Könige) bis zum darauffolgenden Sonntag; am 1. Mai (Tag der Arbeit) und am 3. Oktober (Tag der Deutschen Einheit) sowie zur Dreikönigswallfahrt Ende September.

Mehr als 600 Jahre Bauzeit

Grundsätzlich müssen Gottesdienstbesucher, Betende und Mitglieder des Zentral-Dombau-Vereins kein Geld zahlen, wenn sie die gotische Kathedrale betreten wollen, deren Entstehung sich über 600 Jahre erstreckte. Doch wie wird zwischen Touristen, die nur zur Besichtigung kommen, und Menschen, die zum Beten kommen, unterschieden?

Deutschland Köln 2026 | Dompropst Guido Assmann und Domrendant Clemens van de Ven sehen einander lächelnd an
"Verlässliche und nachhaltige Finanzierung": Dompropst Guido Assmann (links, neben Domrendant Clemens van de Ven)null Benjamin Westhoff/dpa/picture alliance

Das Domkapitel erklärte, man werde zwei verschiedene Eingänge anbieten: Über den Nordeingang beim Hauptbahnhof können Menschen nach wie vor einen kleinen Bereich des Doms gratis zum Beten betreten. Für den westlichen Haupteingang brauche man das Ticket, mit dem man den gesamten Dom besichtigen kann. Ob Menschen am Nordeingang tatsächlich beten wollen, werde man allerdings nicht überprüfen, teilte das Domkapitel mit.

99 Prozent der Besucher sind Touristen

Laut Dompropst Guido Assmann machen Touristen etwa 99 Prozent der Dom-Besucher aus. "Neben kritischen Stimmen haben uns auch zahlreiche verständnisvolle Rückmeldungen erreicht, die deutlich machen: Vielen Menschen ist bewusst, dass der Erhalt und Unterhalt des Doms eine verlässliche und nachhaltige Finanzierung benötigen."

Deutschland Köln 2026 | Gotische Fassade des Kölner Doms unter blauem Himmel
Erst 1880 eingeweiht: Die im hochgotischen Stil vollendete Kathedrale ist mit 157,22 Metern die vierthöchste Kirche der Welt (Archivbild)null Michael Claushallmann/imageBROKER/picture alliance

Prominente Befürworter des Eintrittspreises sind etwa Maler Gerhard Richter oder TV-Moderator Guido Cantz. Andere Prominente wie der Komiker Hape Kerkeling, die Feministin Alice Schwarzer oder Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach sprachen sich gegen einen Eintrittspreis aus.

"Alltag im Dom beruhigen"

Man erwarte, "dass die neue Regelung den Alltag im Dom spürbar beruhigen wird", so Assmann. Die Besichtigungsgebühr könne dazu beitragen, den Dom wieder stärker als Gotteshaus und sakralen Raum erfahrbar zu machen.

Deutschland Köln 2020 | Innenraum des Kölner Doms, Blick auf Langhaus und Hochchor
Langhaus und Hochchor: Bisher war der 120 Meter messende Innenraum kostenfrei zugänglich (Archivbild)null Federico Gambarini/dpa/picture alliance

Bislang war der große Innenraum des Doms stets kostenlos zugänglich, Eintritt wurde aber bereits für die Schatzkammer oder für den Aufstieg zur Aussichtsplattform verlangt (acht Euro). Ausgenommen von den neuen Ticketpreisen sind Kinder bis 13 Jahre. Das gelte auch für die Turmbesteigung sowie die Schatzkammer, für die sie vorher zahlen mussten.

Menschen mit Schwerbehinderung haben ebenfalls freien Eintritt. Ermäßigungen (halber Preis) gelten für Schüler und deren Begleitpersonen, für Studenten, Auszubildende und Menschen mit Sozialpässen in Nordrhein-Westfalen.

"Reserven auf absehbare Zeit aufgebraucht"

Das Domkapitel teilte mit, seit 2019 sei sechs Jahre in Folge ein Minus verzeichnet worden. Zunächst habe man das noch mit Rücklagen auffangen können. Inzwischen seien die Reserven "auf absehbare Zeit aufgebraucht", sagte Domrendant Clemens van de Ven.

Deutschland Köln 2026 | Warteschlange vor einem Eingang des Kölner Doms
Zweierlei Eingänge: Über das Nordportal sollen Gläubige ohne Eintritt zum Nordquerhaus gelangen; am Westportal wartet die Kassenull Benjamin Westhoff/dpa/picture alliance

Dass eine Eintrittsgebühr - in damals noch nicht bezifferter Höhe - für das bekannteste katholische Kirchengebäude Deutschlands kommen soll, wurde Anfang März angekündigt. Die Nachricht hatte in Köln eine heftige Debatte ausgelöst.

Befürworter verweisen darauf, dass in anderen bekannten Sakralbauten ebenfalls Eintritt fällig wird. Das ist teilweise richtig. So kostet ein Erwachsenen-Ticket für die St. Paul's Cathedral in London 27 Pfund (31 Euro), für Westminster Abbey gar 31 Pfund (35 Euro).

Sagrada Familia: 26 Euro - Notre-Dame: Eintritt frei

Ein Standardticket für die Sagrada Familia in der spanischen Metropole Barcelona schlägt mit 26 Euro zu Buche. Auch in Deutschland wird in mehreren Kirchen ein Obolus verlangt: Für eine Besichtigung des Berliner Doms zahlt man 15 Euro, für die Sebaldus-Kirche in Nürnberg fünf Euro.

Deutschland Köln 2012 | Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner am Richter-Fenster
"Eintritt muss unter zehn Euro bleiben": Die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner neben den von Gerhard Richter gestalteten Domfestern (Archivbild)null Oliver Berg/dpa/picture alliance

Es gibt allerdings auch prominente Gegenbeispiele. So ist der Besuch von Notre-Dame in Paris kostenlos, obwohl die Kathedrale nach dem verheerenden Feuer von 2019 für Hunderte Millionen Euro restauriert werden musste. Ebenso ist der Besuch des Petersdoms in Rom für jedermann frei.

Gegner der neuen Gebühr in Köln fürchten, der Dom könnte seine Funktion als das für alle zugängliche Herz der Stadt einbüßen, sobald der Besuch nicht mehr kostenfrei ist. Die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die heute den Zentral-Dombau-Verein leitet, hatte vor der Bekanntgabe des Preises betont, es sei wichtig, dass der Eintritt unter zehn Euro bleibe. Nun sind es zwölf.

jj/gri (dpa, afp, epd, kna)

Nachtzüge: zwischen Romantik und Realität

An Gleis 13 des Berliner Hauptbahnhofs soll an diesem Freitagabend gleich der Nightjet nach Zürich einfahren. Anne, Juri und rund ein Dutzend andere Demonstranten stehen in Plüschpyjamas bereit - allerdings nicht, um einzusteigen. Zeitgleich mit den Berlinern stehen heute Aktivist*innen auf den Bahnhöfen von zwölf europäischen Hauptstädten von Lissabon bis Helsinki. Sie fordern: Mehr Nachtzüge, die europäische Städte verbinden.

Mehrere Männer und Frauen im Pyrama und Bademandel demonstrieren für ein größeres Nachtzugnetz. Sie tragen Schilder auf denen auf englisch steht "mehr Nachtzüge= mehr Europa", "Mehr Züge. weniger Flugzeuge", "Bringt Nachtzüge zurück", und "Lasst Nachtzüge auf der Schiene."
Mit Schlafmasken und Kuscheltieren stehen diese Zugfans in Amsterdamer Centraal, dem Hauptbahnhof der Niederländischen Hauptstadt, um mit Passanten über Nachtzüge ins Gespräch zu kommen.null Back on Track & Stay Grounded

"Ich möchte nicht mehr fliegen, weil ich weiß, welchen Schaden das anrichtet, möchte aber trotzdem gerne reisen," sagt eine Demonstrantin in weiß-blau gestreiften Morgenmantel. "Man schläft wunderbar, weil man ständig hin- und hergeschaukelt wird," schwärmt Annes Tochter. Und Juri schätzt, dass Zugfahren viel weniger Mühe macht als das Fliegen: Zum Flughafen fahren, Check-in, warten, im Flugzeug eingeengt sitzen - alles umständlich, findet er. "Beim Nachtzug steige ich einer Stadt ein, schlafe, steige in der anderen Stadt wieder aus."

Die Faszination der Nachtzüge ist nicht neu. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren sie sehr beliebt. Doch als in den 80er Jahren das Fliegen immer günstiger wurde und überall in Europa Autobahnen gebaut wurden, blieben die Fahrgäste weg. Heute werden in Mitteleuropa kaum noch Verbindungen angeboten.

Rückzug der Staatsbahnen: warum Verbindungen verschwinden

Das gilt vor allem für staatliche Betreiber. Erst 2023 hatten die Österreichischen Staatsbahnen (ÖBB) die beliebte Strecken von Paris nach Berlin und Wien nach der Pandemie wieder aufgenommen. Doch nach nur zwei Jahren wurde den Betrieb wieder eingestellt, weil Frankreich die staatlichen Subventionen kürzte. Die Strecke wurde von European Sleeper übernommen und hält auch in Brüssel.

Auch die schwedische Staatsbahn stieg kürzlich aus der erst 2022 Leben gerufenen Verbindung Berlin-Stockholm aus. Künftig übernehmen die Privatunternehmen European Sleeper und der amerikanische Konzern RDC die Strecken, aber nur noch an einzelnen Tagen. 

Mehrere Männer und Frauen stehen vor einem Blauen Zug, sie halten ein Schild auf dem steht "Nachtzüge für Europa".
Im Dezember 2023 wurde der neue Nachtzug von Berlin nach Paris feierlich eingeweiht - und 2025 gleich wieder eingestellt.null Ales Zapotocky/CTK/picture alliance

"Dass es in Europa heute überhaupt noch Nachtzüge gibt, liegt an Idealisten wie European Sleeper”, sagt Dr. Felix Berschin. Das belgisch-niederländische Unternehmen finanziert sich maßgeblich durch groß angelegte Crowdfunding-Kampagnen. Berschin hat den Nachtzugverkehr in Europa für das Bundesverkehrsministerium untersucht.

Das Ergebnis: Für die Betreiber rechnen sich Nachtzüge mit Schlafwagen meist nicht, weil die Kosten hoch sind. Denn durch Nachtzuschläge steigen die Personalkosten, und in Schlafwagen finden viel weniger Fahrgäste Platz als in einem gewöhnlichen Zugabteil. So passen etwa in einen ICE 4 der Deutschen Bahn bis zu 918 Menschen, in den Nightjet der ÖBB nur 254, beim Nachtzug der Staatsbahn in Finnland sind es maximal 500. 

Zumindest das Platzproblem will einer der Demonstrierenden an Gleis 13 lösen: Anton Dubrau, Gründer des Berliner Start-Ups Luna Rail. Seit 2024 tüftelt er an Einzelkabinen, die Komfort und Privatsphäre für Reisende mit einer besseren Auslastung der Züge vereinen sollen. 

Einzelkabinen für mehr Privatsphäre und Kapazität

Auf dem Gelände der Technischen Universität Berlin steht der Prototyp. Die Kabine ähnelt einem normalen Zugsitzplatz, mit Tisch, separater Ablagefläche, Regal, Kleiderhaken und Stauraum fürs Handgepäck. Per Knopfdruck lässt sich die Lehne des Sitzes herunterfahren und in ein Bett verwandeln. Tagsüber kann der Sitz als Arbeitsplatz genutzt werden, WLAN ist auch vorgesehen. So wären die Einzelkabinen auch tagsüber beispielswiese für Geschäftsleute attraktiv. Bisher werden Schlafwagen wegen der begrenzten Kapazität meist nur nachts eingesetzt.

Der Prototyp einer Schlafkabine, mit kleinem Tisch und einem Sitz, der violett bezogen ist.
So soll in der 2. Klasse die Einzelkabine des Berliner Start-Ups Luna Rail aussehen. Nachts ein Liegesitz, tagsüber ein privater Arbeitsplatz null Luna Rail

Solche Einzelkabinen bieten mehr Privatsphäre, und sie wären trotzdem für viele bezahlbar, hofft der Start-up Gründer. "Wir versuchen, so viele Leute wie möglich auf kleinen Platz zu bekommen,” erklärt Dubrau. 60 Kabinen sollen in einen Waggon passen – ineinander gestapelt, auf zwei Etagen. Dafür müssten keine neuen Züge gebaut, sondern ausrangierte ICs neu ausgestattet werden. Ein Nachtzug mit der maximalen Länge von 14 Waggons könnte damit bis zu 700 Fahrgäste transportieren, so Dubrau.

Der Preis entscheidet

Je mehr Fahrgäste, desto billiger könnten die Tickets sein. Der Preis ist laut einer schwedischen Studie von 2023 das wichtigste Kriterium bei der Wahl des Verkehrsmittels. Bisher sind Nachtzüge vergleichsweise teuer, könnten aber durch die eingesparte Hotelübernachtung konkurrenzfähig werden. 

Eine Strecke von 1000 Kilometern, wie etwa von Paris nach Berlin, kostet mit der aktuellen Verbindung von European Sleeper 180 € im 5er-Liegeabteil, 440 € im Privatabteil. Dubrau zielt auf 100€ Tickets für eine 2.-Klasse Privatkabine. Die 1. Klasse könnte 150€ kosten. 

 "Wir möchten Preise wie in der Luftfahrt, aber dennoch genug Komfort bieten, so dass Menschen bereit sind, zum Zug zu wechseln." Wenn der Preis vergleichbar wäre, wären laut der Erhebung des Verkehrsministeriums rund ein Drittel der Reisenden zum Umstieg bereit.

Ökologisch unschlagbar: der Zug

Im Vergleich zum Zug stößt ein Flugzeug pro Passagier und zurückgelegtem Kilometer knapp sechsmal so viel Treibhausgase aus, so die Internationale Energiebehörde. Züge können Energie darüber hinaus effizienter nutzen und wie ein E-Auto beim Bremsen Strom erzeugen.

Alles gute Argumente für Start-Up Gründer Dubrau. Bis 2030 könnten seine Schlafkabinen auf der Schiene sein, schätzt er. Bis dahin will die EU-Kommission den Anteil der Eisenbahn-Fahrgäste in Europa verdoppeln, bis 2050 sogar verdreifachen.

Auf einem Zug ist der berliner Funkturm zu sehen, daneben steht auf Französisch: "Paris, Wien, Berlin - Erleben Sie Europa in neuem Licht." Paris 2023 | Zug am Gare de l'Est
Vom Eiffelturm an den Berliner Funkturm und zum Wiener Stephansdom: Per Zug geht das nicht mehr täglich über Nacht. null Michael Evers/dpa/picture alliance

Was Dubrau nicht beeinflussen kann, sind die vielen Baustellen auf dem Weg dahin. "Man kann nicht mit festen Zeiten kalkulieren," sagt Dr. Felix Berschin, der für das Unternehmen European Sleeper die Fahrpläne für den Nachtzug der Strecke Prag-Brüssel erstellt. "Trassen und Startplätze in Bahnhöfen sind nicht verfügbar und es gibt unlogische Regularien."

Ein weiterer Knackpunkt sei das hohe Risiko, in neue Waggons zu investieren. Berschin fordert deshalb eine Standardisierung der Abteilwagen in ganz Europa, damit sie in großer Stückzahl beschafft werden könnten. Finanziert werden könnte das über die Green Rail-Initiative der Europäischen Investitionsbank.

Damit der Nachtzug künftig eine größere Rolle für die Verkehrswende spielen kann, müsste europaweit geplant werden, fordert Berschin. "Er war immer ein europäisches Produkt." Das findet auch Anne, die an Gleis 13 dem abfahrenden Nachtzug hinterherwinkt. Für sie ist diese Art zu Reisen ein Teil Völkerverständigung: "Ich nehme gerne das Damenabteil - eigentlich, weil ich dachte, dass Frauen weniger schnarchen als Männer,” sagt sie lächelnd. Aber ich treffe da immer tolle Frauen aus allen Generationen, die fantastische Geschichten zu erzählen haben."

Ivorer Elye Wahi darf nun doch gegen Deutschland spielen

Fußball-Nationalspieler Elye Wahi von der Elfenbeinküste darf nun doch nach Kanada einreisen und im WM-Spiel der Elfenbeinküste gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auflaufen. Wie der ivorische Verband mitteilte, liegen nun "die notwendigen Genehmigungen für seine Einreise nach Kanada vor".

Wahi werde "nach Kanada reisen und wie gewohnt an der Weltmeisterschaft teilnehmen", hieß es in einer Mitteilung. Der Verband freue sich "über dieses positive Ergebnis und dankt allen Beteiligten, die zur Lösung dieses Problems beigetragen haben."

Mögliche Manipulationsvorwürfe

Unklar ist weiter, ob mögliche Manipulationsvorwürfe gegen Wahi der Grund für die verweigerte Einreise waren. Man habe beim Verband zwar "Kenntnis von den verschiedenen Artikeln und Informationen genommen", die über den Nationalspieler veröffentlicht worden seien, hieß es.

Allerdings: "Bis zum heutigen Tag liegen dem Verband keine gerichtlichen oder behördlichen Verfahren vor, die ihn betreffen." Wahi bleibe daher ein wichtiger Bestandteil des Nationalteams.

Von Eintracht Frankfurt on OGC Nizza verliehen

Wahi war 2025 von Eintracht Frankfurt verpflichtet worden und hatte einen Fünfjahresvertrag bis Sommer 2030 erhalten. Allerdings konnte er in seiner ersten Saison in der Fußball-Bundesliga nicht immer überzeugen.

Im Januar wurde er daher an den französischen Erstligisten OGC Nizza verliehen. Dort soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, der dafür gesorgt hatte, dass Wahi vor seiner WM-Reise offenbar in Frankreich zeitweise in Polizeigewahrsam kam.

Die Staatsanwaltschaft Marseille bestätigte der Deutschen Presse-Agentur (dpa), dass ein 23 Jahre alter Fußballer am 29. Mai wegen Manipulationsverdachts festgenommen wurde. Zunächst hatte "The Athletic" über den Fall berichtet.

Es sei dabei um den Verdacht auf "bandenmäßigen Betrug, bandenmäßige Korruption im Sport, Hehlerei und Geldwäsche" gegangen, erklärte die Staatsanwaltschaft auf eine Anfrage zu Wahi, allerdings ohne dessen Namen zu nennen oder zu bestätigen. Nach der Vernehmung sei der Spieler aber wieder auf freiem Fuß, die Ermittlungen liefen weiter.

Absichtliche Gelbe Karte?

Der konkrete Vorwurf gegen Wahi soll laut "The Athletic" darin bestehen, dass er im französischen Erstliga-Spiel am 17. Mai gegen den FC Metz absichtlich eine Gelbe Karte kassiert habe.

Die französische Liga teilte mit, dass ihr mit Blick auf das Spiel untypische Vorgänge bei internationalen Sportwetten gemeldet worden seien. Ungewöhnlich viel sei auf eine Verwarnung von Wahi gesetzt worden. Die Liga schaltete daraufhin die französische Justiz ein.

Wahi konnte mit seinem Nationalteam in die USA reisen. Beim 1:0-Sieg gegen Ecuador stand der Angreifer in der Startelf.

Baerbock: "DFB-Team Vorbild für Kinder in Deutschland"

Annalena Baerbock liebt Fußball und unterstützt die deutschen Nationalteams bei großen Turnieren. Im vergangenen Jahr fieberte sie mit den DFB-Frauen bei der Europameisterschaft in der Schweiz mit, in diesem Jahr drückt sie bei der Fußball-WM dem DFB-Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann die Daumen.

Und sie ist nah dran, denn seit 2025 ist Baerbock Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit Sitz in New York.

Im Rahmen der Preisverleihung im "German House of Soccer" zum "Deutschen Fußballbotschafter", wo der frühere Nationalspieler und Weltmeister von 2014, Thomas Müller sowie Torhüterin Ann-Katrin Berger ausgezeichnet wurden, lobte Baerbock die Vorbildfunktion der DFB-Elf.

Müller wurde mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Als erfolgreichster deutscher Titelsammler und aktueller Spieler der Vancouver Whitecaps prägt er mit seiner lockeren, sympathischen Art das internationale Bild des deutschen Fußballs weit über den Platz hinaus. Berger bekam den Preis in der Spielerkategorie. Die Torhüterin von Gotham City FC steht für Kampfgeist und Willensstärke. 

Was ist ein "echter" Deutscher?

Baerbock eröffnete den Abend und freute sich über die Entwicklung der DFB-Elf in den letzten Jahren. "Heute haben wir eine große Vielfalt in der Mannschaft, die eine neue Generation von deutschen Spielern symbolisiert", sagt Baerbock im Interview mit der Deutschen Welle (DW).

"Das war nicht immer so. Als ich gerade mit der Schule fertig war, hatten wir mit Gerald Asamoah einen der ersten in Afrika geborenen Spieler in der deutschen Nationalmannschaft." Die 45-Jährige erinnert sich an Diskussionen um die Personalie Asamoah.

Der frühere Angreifer debütierte unter Bundestrainer Rudi Völler am 29. Mai 2001 gegen die Slowakei. Seine Nominierung stieß in großen Teilen der Gesellschaft auf Zustimmung, es gab allerdings auch rassistische Beleidigungen. Zudem entwickelte sich eine Diskussion darüber, was ein "echter" Deutscher sei, da Asamoah in Ghana geboren wurde und mit zwölf Jahren nach Deutschland gekommen war.

Der Stürmer nahm an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 teil und ebnete damit den Weg für nachfolgende Spieler mit afrikanischen Wurzeln, wie Jerome Boateng, Jonathan Tah, Antonio Rüdiger oder auch Felix Nmecha.

In der aktuellen WM-Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann haben elf von 26 Spielern einen Migrationshintergrund - eine Diskussion wie damals bei Asamoah gibt es jedoch nicht.

Allerdings bezeichnen einige Politiker der AfD und Teile ihrer Anhänger die DFB-Elf als "Regenbogenmannschaft" und kritisieren damit den Einsatz für mehr Vielfalt und Anti-Diskriminierung.

Teamgeist wichtiger als Superstars

"Das zeigt, wie wichtig Anti-Rassismus-Kampagnen sind", sagt Baerbock. "Ein Team repräsentiert immer auch die Gesellschaft." Diese Mannschaft untereiche das, setze ein wichtiges Zeichen für Kinder in Deutschland und zeige: "Du kannst es überall schaffen. Sport - und gerade der Fußball - vereint die Menschen. Auf dem Platz sind alle gleich, egal wo du herkommst, was deine Eltern verdienen, oder welche Sprache du sprichst. Was zählt ist, dass du triffst und ein Teamplayer bist", so Baerbock.

Die ehemalige Außenministerin Deutschlands hofft auch aus diesem Grund, dass das DFB-Team bei dieser WM weit kommt.

"Wir sind zwar nicht das Team, wo die meisten drauf wetten, aber wir haben einen tollen Teamspirit", so Baerbock. "Manchmal ist es wichtiger, das beste Team zu haben und nicht die meisten Superstars."

Joshua Kimmich, der Unvollendete

Joshua Kimmich ist gut gelaunt. Und dass, obwohl der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an seinem freien Tag in Winston-Salem schönere Dinge auf seinem Zettel gehabt haben dürfte, als an der offiziellen DFB-Pressekonferenz teilzunehmen.

Doch die letzten Wochen und vor allem der Auftaktsieg gegen Curaçao, stimmten den 31-Jährigen positiv. Denn vor allem neben dem Platz wächst das Team immer mehr zusammen.

"Man bewertet die Stimmung immer positiv, wenn man ein Spiel gewinnt", sagt der Nationalspieler. "Aber ich habe sie auch schon vor dem ersten Spiel positiv bewertet. Es ist nicht jeden Tag Friede, Freude, Eierkuchen, aber es ist wichtig, dass wir uns alle gut verstehen, um an dem Ziel zu arbeiten."

Zehn Spiele in Folge habe die Nationalmannschaft mittlerweile gewonnen, was Kimmich das Gefühl verleiht auf dem richtigen Weg zu sein. Auf dem vermeintlich richtigen Weg wähnte sich das DFB-Team auch bei den vergangenen Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Katar (2022), doch bei beiden Turnieren bog die Nationalmannschaft früh falsch ab und schied bereits in der Vorrunde aus.

Kimmich steht vor seiner WM-Premiere

Bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada soll es nun endlich wieder anders laufen. Und durch den deutlichen 7:1-Sieg gegen Curaçao ist das Team um Kapitän Kimmich zuversichtlich, es dieses Mal besser hinzubekommen.

"Es war ein überzeugender Sieg", resümiert er. "Wir haben sehr wenig zugelassen und hätten auch noch mehr Tore machen können. Wir haben es bei den ersten Spielen anderer Teams gesehen, dass es nicht selbstverständlich ist, gegen schwächere Gegner zu gewinnen."

Durch den neuen Modus mit 48 Mannschaften ist Deutschland schon jetzt so gut wie sicher in der nächsten Runde - Kimmich hat also gute Chancen sein erstes K.o.-Spiel bei einer WM spielen zu können.

Joshua Kimmich (l.) und Bundestrainer Julian Nagelsmann (r.) stehen beim Training nebeneinander und unterhalten sich
Joshua Kimmich (l.) ist auf dem Spielfeld der verlängerte Arm von Bundestrainer Julian Nagelsmannnull Alexander Hassenstein/Getty Images/AFP

Der 31-Jährige führt bei seiner dritten WM die Nationalmannschaft erstmals als Kapitän an. Für Sportdirektor Rudi Völler genau die richtige Wahl. "Jo Kimmich ist der Fahnenträger für uns alle." Er sei einer, der voranginge und ein "Vorbild" für die Kollegen.

Nationalteam ist "eine Familie"

Kimmich ist einer der erfolgreichsten Fußballer in Deutschland und hat mit dem FC Bayern München bereits alles gewonnen, doch seine Karriere in der Nationalelf ist mehr von Rückschlägen als von Erfolgen geprägt. Dementsprechend versucht er alles, um dieses Mal mehr zu erreichen. Und macht Abstriche.

Auf dem Spielfeld bearbeitet er die rechte Abwehrseite, obwohl er lieber im Mittelfeld spielen würde. Und neben dem Platz geht er als Kapitän voran und versucht alle Teamkollegen einzubinden und mitzunehmen. Der vierfache Familienvater betrachtet eben auch die Nationalelf als "eine Familie" - und die will gepflegt werden.

Kimmich glaubt an das aktuelle Mehrgenerationenteam, angefangen vom 40-jährigen Neuer bis hin zum halb so alten Neuling Assan Ouedraogo. "Wir haben eine neue Mannschaft, wir haben neue Voraussetzungen", weiß der "Familienvorstand". Er habe das Gefühl, dass nach Jahren der vielen Umbrüche und Rückschläge wieder eine echte "hungrige" Einheit zusammenwachse.

Kimmich: "Das gute Gefühl entsteht auf dem Platz"

Besonders die Mischung von unterschiedlichen Charakteren, die Bundestrainer Julian Nagelsmann für sein Projekt "WM-Titel" ausgewählt hat, scheint gut zusammen zu passen.

"Wir haben außer Manu [Manuel Neuer, Anm.d.R.] nur Spieler dabei, die mit der Nationalmannschaft noch nichts gewonnen haben", erklärt der Kapitän. Und "die haben diesen Hunger, diesen Antrieb, etwas Besonderes zu schaffen. Die Jungs haben Lust auf Fußball."

Joshua Kimmich (2.v.l.) lacht beim Training der DFB-Elf in Winston-Salem.
Gute Laune beim Training der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Winston-Salemnull Alexander Hassenstein/Getty Images/AFP

Wenn die Trainingseinheiten vorbei sind, beschäftigen sich die Nationalspieler in kleinen Gruppen. "Manche spielen Karten, manche haben die NBA-Finals geguckt", sagt Kimmich und am Pool sei auch immer ein bisschen was los.

"Ich glaube, dass man eine Familie vor allem auf dem Platz wird, dass man da zusammenwächst. Natürlich kann man das Drumherum verstärken, in dem man Zeit miteinander verbringt", weiß Kimmich. "Aber das gute Gefühl entsteht auf dem Platz."

Stilles Wasser für den Teamgeist

Das Team ist in Takt, was auch auf dem Trainingsplatz sichtbar wird. Es wird viel gelacht, aber auch hart gearbeitet, denn es gibt trotz des guten WM-Starts noch viel zu verbessern.

"Ich glaube schon, dass wir sehr große Qualitäten haben und großen Mannschaften wehtun können", erklärt Kimmich. "Natürlich müssen wir an unserer Stabilität arbeiten. Wir bekommen zu viele Gegentore, gegen die großen Teams darf uns das nicht passieren."

Und so arbeitet das Team um Kapitän Kimmich weiter am großen Traum. Und damit es vor allem neben dem Platz weiterhin so gut läuft, schwört der Nationalspieler auf ein ganz simples Getränk: stilles Wasser.

"Viele Experten sagen, dass die früher mal zusammen einen saufen waren und dann war danach alles super", sagt er. "Daran glaube ich nicht. Ich glaube daran, dass wenn du auf dem Platz alles reinhaust, dann kannst du das [Teamgefühl, Anm.d.R.] schon verstärken, auch wenn du am Abend mal ein stilles Wasser trinkst."

Felix Nmecha: WM-Lichtblick und glühender Jesus-Anhänger

Kein Spieler aus dem Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt seinen christlichen Glauben so vor sich her wie Felix Nmecha. Der Mittelfeldspieler, der bei der Fußball-WM im Auftaktspiel der Deutschen gegen Curaçao das erste Tor erzielte, ist gläubiger Christ und glühender Anhänger von Jesus.

"Fußball ist meine Leidenschaft, Jesus ist mein Fundament", ist auf seiner Instagram-Seite zu lesen. "Jedes Mal, wenn ich das Spielfeld betrete, geht es nicht um mich, sondern darum, Gott zu verherrlichen", sagte er einst auf dem Youtube-Kanal seines damaligen Klubs VfL Wolfsburg.

Nmecha: "Jesus wird durch das Spiel verherrlicht"

Als die deutsche Mannschaft zum Curaçao-Spiel vor der Arena in Houston vorfuhr, stieg Nmecha mit einer Bibel in der Hand aus dem Bus. Nach seinem Treffer zum 1:0 kniete er sich auf den Rasen, zeigte gen Himmel und tat dann so, als würde er sich eine Krone vom Kopf nehmen, um sie Jesus zu Füßen zu legen. Nach dem Abpfiff bildete er gemeinsam mit Jonathan Tah und vier Spielern Curacaos einen Kreis und es wurde gemeinsam gebetet.

"Im Spiel sind wir Gegner, aber nach dem Spiel sind wir alle Christen, wir sind alle Brüder und sehr dankbar", erläuterte Nmecha die Aktion im Interview mit dem deutschen Fernsehen. "Im Ganzen glauben wir, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht wird. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet."

Transfeindliche und homophobe Inhalte

Der Glaube ist Privatsache. Wie sehr, warum und an welchen Gott man glaubt, ist jedem Menschen freigestellt und in Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes sogar garantiert. Allerdings glaubt Felix Nmecha nicht nur privat, sondern demonstrativ auf öffentlicher Bühne und erntet damit nicht nur Zustimmung, sondern auch Ablehnung und Kritik.

Einige Aussagen und Taten Nmechas wie sein Jubel oder das demonstrative Herumtragen einer Bibel mögen weniger oder gar nicht religiösen Menschen einfach nur übertrieben oder sogar skurril erscheinen. Problematisch wird es jedoch dort, wo andere Menschen oder Gruppierungen diffamiert und ihnen Menschenrechte abgesprochen werden.

Felix Nmecha (l.) vom VfL Wolfsburg 2022 im Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund am Ball
Bevor Felix Nmecha 2023 von Wolfsburg zu Dortmund wechselte, gab es Proteste der BVB-Fansnull Dennis Ewert/RHR-FOTO/picture alliance

Als Nmecha 2023 vom VfL Wolfsburg zu Borussia Dortmund wechselte, gab es Proteste der BVB-Fans, weil der Spieler zuvor auf seinem Instagram-Account mehrfach transfeindliche und homophobe Inhalte verbreitet oder geliked hatte. In einem der Posts wurden die LGBTQ+-Bewegung und der Begriff "Pride" mit dem Teufel verglichen. In einem anderen verhöhnte ein US-amerikanischer Rechtsextremist eine minderjährige Transperson.

Nmecha löschte angesichts der lauten Kritik einige Posts und gab stattdessen ein Statement ab, in dem er schrieb: "Auf meinem bisherigen Weg im Fußball habe ich Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, ethnischen Zugehörigkeiten und Glaubensrichtungen kennengelernt. Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich alle Menschen aufrichtig liebe und niemanden diskriminiere."

Nicht jeder nahm ihm diesen Wandel ab. "Dieses Posting ist nicht ehrlich", kommentierte ein User. "Ehrlich waren die inzwischen gelöschten Postings von irgendwelchen extremen Predigern, die übrigens rein gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben."

BVB-Boss Watzke: "Ein ganz normaler Fußballer" 

Der Wechsel zum BVB fand 2023 trotzdem statt. Die Vereinsführung setzte sich vorher mit Nmecha zusammen und sprach intensiv über dessen Werte und Ansichten. "Ein ganz normaler Junge", meinte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke anschließend. "Ein ganz normaler Fußballer." Es gebe keine Bedenken gegen den Transfer. Allerdings erhielt Nmecha die Vorgabe, im Verein nicht missionarisch aufzutreten.

Für Aufsehen sorgte er erst wieder im September 2025, als er via Instagram den Mord am konservativen US-Aktivisten Charlie Kirk betrauerte. Allerdings unterstützte er nicht dessen Thesen, sondern betrauerte den gewaltsamen Tod eines zweifachen Familienvaters und Ehemanns.

"Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben", schrieb Nmecha. "Die Ermordung eines zweifachen Vaters und Ehemanns, eines Mannes, der friedlich für seine Überzeugungen und Werte einsteht, zu feiern, ist wirklich böse und zeigt, wie sehr wir Jesus Christus wirklich brauchen." Später löschte er den Post wieder.

Religiöser Mentor in England

Eine wichtige Bezugsperson für Nmecha ist der ehemalige Fußballprofi John Bostock, der in seiner aktiven Zeit zwischen 2007 und 2024 unter anderem in Belgien, Frankreich, der Türkei und der zweiten englischen Liga spielte.

Der Engländer mit Wurzeln in Trinidad und Tobago hat 2015 das Netzwerk "BIG" ("Ballers in God") gegründet und aufgebaut. Er ist überzeugter Christ und wollte eine Gemeinschaft schaffen, in der sich Profifußballer gegenseitig im Glauben stärken, gemeinsam beten und die Bibel lesen können.

Fußballspieler John Bostock 2024 bei Derby County
John Bostock, bis 2024 selbst Fußball-Profi, gründete 2015 das Netzwerk "Ballers in God"null Jon Hobley/MI News/NurPhoto/picture alliance

Mittlerweile ist "BIG" zu einer internationalen Community gewachsen, die Spieler miteinander verbindet und ihnen hilft, ihren Glauben auch im Profialltag zu leben. Zu ihnen gehört auch Felix Nmecha, der Bostock als seinen Mentor bezeichnet.

Auf dem X-Kanal (24.600 Follower) und auf Instagram (757.000 Follower) präsentiert "BIG" Fotos und Videos von Fußballern, die beim Jubeln oder im Gebet auf dem Platz Jesus als den größten König von allen huldigen oder in Interviews über ihren Glauben sprechen.

Neben vielen anderen prominenten Fußballern taucht dort auch sehr oft Felix Nmecha auf - unter anderem mit seiner "Crowns down celebration" gegen Curaçao, die offenbar auch einige andere Spieler nutzen, um ihre Verehrung für Jesus zu demonstrieren.

Akzeptierter Teamkollege, beliebter Mitspieler

Ist Felix Nmecha also, wie BVB-Boss Watzke einst sagte, "ein ganz normaler Fußballer"? Im Team scheint sein offen praktizierter Glaube kein Problem zu sein. Nmecha ist akzeptiert und ein geschätzter Mitspieler.

"Er ist ein super Fußballer, der wird uns viel Freude bereiten wird", sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann über Nmecha. " Mit Felix macht es sehr viel Spaß, er ist ein Top‑Top‑Kicker", lobte Aleksandar Pavlovic.

Fakt ist aber wohl auch: Er ist definitiv der religiöseste unter den deutschen WM-Teilnehmern und sticht damit heraus.

Faktencheck: Hitler-Doppelgänger bei Deutschlands WM-Spiel?

Auf dem Spielfeld lag der Fokus in Deutschland beim FIFA-WM-Spiel am Sonntag auf dem überzeugenden 7:1‑Sieg der Nationalmannschaft gegen Curaçao.

Abseits des Spielfelds jedoch richtete sich die Aufmerksamkeit vieler Social-Media-Nutzer auf etwas ganz anderes: ein Bild eines Fans im Stadion, der ein Deutschland-Trikot trägt, eine deutsche Flagge hält und Adolf Hitler ähnelt.

Das Bild wurde auf mehreren Plattformen geteilt und millionenfach angesehen. EinBeitrag auf X etwa hat mehr als 4,9 Millionen Aufrufe erzielt, während dieser auf Instagram über 1,1 Millionen Likes erhielt. Die Behauptung verbreitete sich auch in mehreren Sprachen, darunter Spanisch auf Facebook und Russisch auf Threads.

Einige Beiträge enthielten zudem anti-deutsche Untertöne, etwa ein Reddit-Post, in dem es sarkastisch heißt: "Es ist immer großartig zu sehen, wie die Fans ihre Mannschaft wirklich unterstützen!"

Das Bild ist jedoch nicht authentisch.

DW Faktencheck: Fake und KI-manipuliert.

So sind wir zu diesem Schluss gekommen.

1) Suche nach dem Originalbild

Das angebliche Bild des Hitler-Doppelgängers wirkt wie ein Screenshot aus der TV-Übertragung des Spiels, zu sehen ist auch eine Grafik mit einem Zeitstempels aus der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kai Havertz gerade einen Elfmeter zum 3:1 für Deutschland verwandelt, den die Fans feierten.

Ein Vergleich mit der Originalübertragung zeigt zu diesem Zeitpunkt dieselbe Gruppe jubelnder Fans nach Havertz' Tor - aber mit einem entscheidenden Unterschied: Der angebliche Hitler-Doppelgänger ist nirgends zu sehen.

Stattdessen zeigt das Originalmaterial einen grauhaarigen Mann, der keinerlei Ähnlichkeit mit Hitler hat.

Die deutlichen Unterschiede lassen sich erkennen, wenn man zwischen den beiden oben gezeigten Bildern hin- und herwechselt: eines ist die echte Übertragung (hier auf der rechten Seite vom deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ARD), das andere ist das KI-manipulierte Bild.

Wichtig zu wissen: Bei großen Sportereignissen wie der Weltmeisterschaft wird eine offizielle Video-Übertragung vom Veranstalter (in diesem Fall FIFA) produziert und an Partner-Sender verteilt. Das bedeutet, dass die Bilder überwiegend auf allen Sendern identisch sind - nur kleinere Elemente werden individuell angepasst.

Einen weiteren Hinweis zu den abgebildeten Fans liefern Fotos von akkreditierten Bildagenturen. Ein Beispiel ist dieses Foto der Berliner Agentur Imago, die häufig große Sportereignisse dokumentiert. Es zeigt dieselbe Fangruppe aus einer anderen Perspektive - ebenfalls mit dem grauhaarigen Mann, ohne einen Hitler-Doppelgänger.

Ein Blick auf das Tor und den Torwart, im Hintergrund die deutschen Fußballfans
Dieses Foto eines akkreditierten Fotografen vom Spiel zeigt dieselbe Fan-Gruppe - jedoch ohne einen Hitler‑Doppelgängernull Joao Bravo/Sports Press Photo/IMAGO

Auch wenn anhand der Metadaten nicht exakt bestimmt werden konnte, wann genau das Bild aufgenommen wurde, kann es dennoch als weiterer Beleg dafür gelten, dass so eine Person nicht Teil der Gruppe war.

2) Ist es KI?

Der nächste Schritt kann helfen herauszufinden, ob das Bild mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt oder verändert wurde.

Mehrere KI-Chatbots bieten inzwischen die Möglichkeit zu prüfen, ob ihre Systeme verwendet wurden, um ein Bild zu erstellen oder zu manipulieren. Das ist möglich, weil solche Tools ein digitales Wasserzeichen einbetten. Es ist für das menschliche Auge unsichtbar, lässt sich jedoch mit dem Tool nachweisen.

Screenshot des OpenAI‑Urteils: Das Bild wurde mit OpenAI generiert
OpenAI bestätigte, dass seine Tools verwendet wurden, um das manipulierter Bild zu erstellennull Open AI

Von OpenAI, der Organisation hinter ChatGPT, kam die Bestätigung, dass deren Tools tatsächlich zur Erstellung des Bildes verwendet wurden. Laut der Analyse von OpenAI wurde "ein SynthID-Wasserzeichen gefunden, das von OpenAI stammt".

Eine weitere Prüfung mit Googles Gemini liefert weitere Hinweise.

Screenshot des Google‑KI‑Urteils: Es wurde zwar keine Google‑KI erkannt, zugleich heißt es jedoch, eine visuelle Analyse und Kontextprüfung deuten stark auf eine digitale Manipulation oder Generierung des Bildes hin
Googles Gemini erklärte, dass es "starke" Hinweise darauf gebe, dass das Bild digital verändert wurdenull Google AI

Obwohl dort festgestellt wird, dass keine Google-KI verwendet wurde, heißt es zugleich, dass "eine visuelle Analyse und Prüfung des Kontextes stark darauf hinweist, dass dieses Bild digital verändert oder generiert wurde".

Ein drittes Tool, Grok von X, bezeichnet das Bild als "klassische Fälschung" und reagierte damit auf eine Nutzerfrage unter dem viralen Beitrag. Dort heißt es: "Dieses Bild ist nicht echt. Es wurde digital bearbeitet (KI oder Photoshop), um Adolf Hitler in eine WM-Zuschauermenge im Jahr 2026 einzufügen."

Solche Tools sollten zwar stets mit Vorsicht genutzt werden, da sie Fehler machen können. In diesem Fall kamen jedoch drei unabhängige Systeme zu ähnlichen Ergebnissen und stützen damit die Analyse auf Basis des Originalmaterials.

3) Kontext beachten

Während die Fußball-Weltmeisterschaft als ein Ereignis gilt, das Fans und Kulturen aus aller Welt zusammenbringt, hätte ein Fan, der dem NS‑Diktator ähnelt, der den Zweiten Weltkrieg initiierte und zentral für den Holocaust verantwortlich war, vermutlich für große Kontroversen auf den Rängen gesorgt.

Ein solcher Vorfall hätte vermutlich sofort Aufmerksamkeit von Fernsehsendern oder Stadionpersonal erregt und wäre wahrscheinlich auf heftige Ablehnung seitens vieler deutscher Fans im Stadion gestoßen.

Zudem ist zu bedenken: Auf dem Bild sieht man den angeblichen Hitler-Darsteller im Deutschlandtrikot in Schwarz-Rot-Gold. Die deutschen Nationalfarben stehen für die demokratische Tradition Deutschlands sowie für die Bundesrepublik. Zwar versuchen Rechtsextreme und Rechtspopulisten schon länger, die Farben sowie die Flagge für ihre Zwecke zu vereinnahmen, jedoch steht Schwarz‑Rot‑Gold genau für das Gegenteil von dem, was Adolf Hitler und der Nationalsozialismus für Deutschland wollte. Für ihn galten diese Farben als Symbol eines angeblich schwachen parlamentarischen Systems, das er abgeschafft hat.

Das gefälschte Bild ist Teil eines größeren Trends von Desinformation - häufig erzeugt oder manipuliert durch KI -, der vor und während der Weltmeisterschaft kursiert. In einem aktuellen DW-Faktencheck zeigen wir gefälschte Websites, die angeblich WM-Tickets verkaufen.

Mitarbeit: Boris Geilert und Torsten Neuendorff

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

DFB-Team: Die "Aura" des Manuel Neuer

Der beeindruckende 7:1-Sieg gegen Curaçao im ersten Spiel bei der Weltmeisterschaft ließ Manuel Neuer unweigerlich in Erinnerungen schwelgen. "Wir wissen", sagte der der Nationaltorwart, "das war jetzt kein Halbfinale gegen Brasilien."

Und dennoch wollte er den perfekten Start in Houston nicht kleinreden: "In der Höhe muss man auch erstmal so gewinnen." Zwölf Jahre nach der legendären Gala in Belo Horizonte bei der WM 2014 stieg der einzig im DFB-Team verbliebene Weltmeister mit seinen 40 Jahren und 79 Tagen am Sonntag zum ältesten deutschen Nationalspieler auf.

"Das war wie ein erstes Spiel. Ich freue mich darüber, als wenn es jetzt meine erste WM wäre", sagte Neuer. Sein 125. Länderspiel hätte ein perfekter Abend werden können, wäre nicht das ärgerliche Gegentor zum 1:1 gewesen.

Neuer, der ansonsten weitgehend ungeprüft blieb, musste einen abgefälschten Schuss von Livano Comenencia passieren lassen: "Wäre Jo [Kimmich, Anm.d.R.] nicht dran gewesen, hätte ich ihn gehabt", sagt Neuer.

Trotz des Gegentores gegen den WM-Neuling Curaçao blickte Neuer zuversichtlich auf den weiteren Verlauf des Turniers. Es gebe "einfach die richtigen Charaktere in unserer Mannschaft. Das stimmt mich alles positiv", so Neuer.

Der größte Torhüter aller Zeiten

Neuers Rückkehr ins Nationalteam sehen viele Fans, die mit zur WM gereist sind, positiv. "Er ist der Größte aller Zeiten und ihn hier in Winston-Salem zu sehen ist, als würde ein Traum wahr werden", sagte Deutschland-Fan Pete beim ersten öffentlichen Training im Base-Camp der DFB-Elf in North Carolina.

"Ich habe das Gefühl, das Team braucht erfahrene Spieler wie ihn, die alles zusammenhalten und organisieren", ergänzte sein Kumpel Chris und freute sich: "Er wird uns einen guten Start in die WM bescheren."

Neuer gibt sich entspannt

Mit 40 Jahren ist Neuer sogar zwei Jahre älter als Bundestrainer Nagelsmann. Sein erstes Länderspiel bestritt er im Juni 2009. Das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada ist bereits die fünfte Fußball-Weltmeisterschaft, an der er teilnimmt.

2014 wurde er in Brasilien Weltmeister, nach der Europameisterschaft vor zwei Jahren beendete er dann aber seine Nationalmannschafts-Karriere und trat zurück. Beim FC Bayern zeigte Neuer jedoch weiter starke - aber manchmal auch schwankende - Leistungen, die ihn wieder in den Fokus von Nagelsmann rückten. Kurz vor der Nominierungsfrist im Juni holte ihn der Bundestrainer schließlich zurück in den Kader der DFB-Elf.

"Er muss sich in seinem Alter nicht eingewöhnen. Er kommt mit der Drucksituation klar", sagte Nagelsmann zu seiner Rückholaktion. Unterstützung bekam der 38-Jährige von DFB-Sportdirektor Rudi Völler. "Die meisten Spieler kennt er auch von Bayern München. Er ist schon so lange dabei, ihn bringt sowieso nichts aus der Ruhe", so der 66-Jährige.

Degradierter Torhüter Baumann: "Anfangs war es hart"

Die Diskussionen um den "Welttorhüter" und vor allem um seine "Wade" bestimmten die letzten Tage vor dem ersten WM-Spiel der DFB-Elf gegen Curaçao die Schlagzeilen. Lange Zeit war unklar, ob der Schlussmann rechtzeitig fit wird, denn der 40-Jährige hatte sich in der Schlussphase der Bundesliga-Saison an der Wade verletzt und konnte zunächst weder an Trainingseinheiten noch an den letzten beiden Testspielen des DFB gegen Finnland und die USA teilnehmen.

Für ihn spielte Oliver Baumann, der auch in der WM-Qualifikation als Nummer eins eingesetzt wurde und starke Leistungen zeigte. Bis vor wenigen Wochen waren demnach alle davon ausgegangen, dass der Hoffenheimer Torwart auch im WM-Tor stehen würde. Doch es kam anders. Nagelsmann degradierte Baumann nach Neuers Rückkehr und setzte ihn wieder auf die Ersatzbank.

"Anfangs war es natürlich hart. Das war nicht ganz cool von meinem Gefühl her", gab Baumann nach der WM-Generalprobe gegen die USA zu: "Mir war aber sofort klar, dass ich fürs Team da sein werde und mitgehe."

"Der beste Torhüter aller Zeiten"

Nun ist Neuer zurück beim DFB, doch seine Rückkehr birgt auch ein Risiko. Aufgrund seiner Verletzung war der Schlussmann erst vor wenigen Tagen ins Mannschaftstraining der Nationalelf eingestiegen - zuvor konnte er nur individuell trainieren.

Bundestrainer Julian Nagelsmann und Manuel Neuer umarmen sich auf dem Spielfeld.
Für Bundestrainer Julian Nagelsmann (r.) ist Manuel Neuer (li.) nach wie vor die Nummer eins im DFB-Tornull Christian Charisius/dpa/picture alliance

Die Fragen nach Neuers Gesundheitszustand hatten sich bei den Pressekonferenzen dementsprechend gehäuft. Doch der DFB blieb ruhig und betonte immer wieder, dass man der alten und neuen Nummer eins die nötige Zeit geben wolle, um die Verletzung komplett auszukurieren.

"Kein Risiko" lautete die Devise. Das Risiko einer erneuten Verletzung sollte unbedingt vermieden werden. Denn Neuers "Wade" hat eine Vorgeschichte. Dreimal zwangen ihn Wadenprobleme in der vergangenen Saison bereits zu unfreiwilligen Verletzungspausen.

Jonathan Tah: "Neuer hat besondere Ausstrahlung"

Auch wenn der Torhüter zuletzt auch gerne mal patzte, so zählt er immer noch zu den Besten seiner Zunft. Sportlich kann Neuer der Mannschaft also definitiv helfen. Neben seiner nach wie unbestrittenen sportlichen Qualität, kommt aber noch eine weitere psychologische Variable hinzu, die zu einem Vorteil für die DFB-Elf werden könnte: Manuel Neuers Aura.

Torwart Manuel Neuer trainiert nimmt den Ball beim Training mit der Brust an
Wird Manuel Neuer wieder zu einer Stütze im deutschen Team?null Federico Gambarini/dpa/picture alliance

"Er hat diese besondere Ausstrahlung und diese besondere Aura", erklärte Abwehrchef Jonathan Tah. Für Kapitän Joshua Kimmich stand ohnehin fest, dass Neuer "der beste Torhüter aller Zeiten ist."

Die beiden spielen bereits seit elf Jahren zusammen beim Rekordmeister in München und kennen sich gut. Auch deswegen stand für den 31-jährigen Mittelfeldspieler nie in Frage, dass Neuer - wenn er fit ist - zurück ins Team kommt. "Wir stehen vor einer WM, und da müssen die Besten spielen", sagte Kimmich.

Manuel Neuer wird DFB-Rekordspieler

Obwohl es nur noch wenige Rekorde gibt, die Neuer in seiner Karriere noch nicht erreicht, sind bei dieser WM noch weitere Meilensteine hinzugekommen. Mit seiner fünften Teilnahme an einer Weltmeisterschaft stellt der 40-Jährige den deutschen Rekord von Lothar Matthäus ein. Zudem ist der Torwart nach seinem Einsatz gegen Curaçao auch der älteste deutsche Nationalspieler - bisher war auch das Matthäus (39 Jahren und 91 Tage).

In Winston-Salem gibt Manuel Neuer wartenden Fans Autogramme.
Manuel Neuer gehört bei den Fans immer noch zu den beliebtesten Spielern im DFB-Trikotnull Federico Gambarini/dpa/picture alliance

Das erste Spiel gegen die WM-Debütanten war bereits sein 20. WM-Einsatz und damit hat Neuer den Franzosen Hugo Lloris als Rekordtorwart bei einer Weltmeisterschaft eingeholt. Und für die Fans der DFB-Elf steht ohnehin bereits fest, dass Neuer erneut Weltmeister wird - damit wäre er der erste Deutsche, dem das gelingen würde.

"Dieses Team hat eine tolle Fanbase, das wird ihnen beim Turnier helfen", glaubt Pete. "Neuer hat unsere Herzen gewonnen. Ich glaube ans Team und hoffe, sie werden den ganzen Weg gehen", so Chris. Kai ergänzte nach dem ersten WM-Spiel: "Es ist atemberaubend, was er alles erreicht hat." Und Julian fügte an, dass Neuer super ehrgeizig sei und dass sein Einsatz zeige, "dass man im hohem Alter noch auf dem Niveau spielen kann."

Und wer weiß, wie sich Manuel Neuer nach der WM entscheiden wird und welche Rekorde er als nächstes anpeilt. Für Kai Havertz ist jedenfalls sicher: "Wenn der 70 ist und noch für die Nationalmannschaft spielen will, kommt der hier auch noch unter."

Ibrahim Maza: "Multikulti-Junge" aus Berlin für Algerien

"Ich bin ein Multikulti-Junge mit drei verschiedenen Nationalitäten: Deutschland, Algerien und Vietnam", sagte Ibrahim Maza Anfang des Jahres. Damals war Julian Nagelsmann und den 80 Millionen anderen Bundestrainern in Deutschland aufgefallen, dass man einen Spieler wie Maza auch in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft unter Umständen gut brauchen könnte.

Allerdings war es da schon zu spät - Maza hatte sich für Algerien entschieden, das Land, aus dem sein Vater stammt.

Wurzeln in Algerien, Vietnam und Berlin

Mazas Vater Sofiane stammt aus Algier und wanderte als junger Mann nach Deutschland aus. Dort lernte er seine Frau kennen, die vietnamesische Wurzeln hat, aber auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. 2005 wurde Sohn Ibrahim in Berlin geboren.

Die algerische Kultur und seine Heimat brachte der Vater seinem Sohn über Erzählungen und regelmäßige Heimatbesuche näher. "Ich bin mit meinem Vater oft dort gewesen", erzählt Ibrahim Maza in einem persönlichen Interview mit dem klubeigenen Werkself-TV von Bayer 04 Leverkusen. "Wir haben eigentlich jeden Sommer dort Urlaub gemacht und die Familie besucht."

Von Berlin nach Leverkusen in die Champions League

Fußballerisch ausgebildet wurde Maza, den alle nur Ibo nennen, aber in seiner Heimatstadt Berlin. Schon als Kind schloss er sich den Reinickendorfer Füchsen an, einem Verein, der für seine gute Jugendarbeit bekannt ist. Einige spätere Profis haben hier das Fußballspielen gelernt, unter anderem Kevin-Prince Boateng und mit Thomas Häßler sogar ein deutscher Weltmeister von 1990.

Als Zwölfjähriger wechselte Maza zu Hertha BSC und wurde dort 2023 zum Profi. Nach zwei Jahren in der 2. Liga schloss er sich im Sommer 2025 Bayer 04 Leverkusen an, wo er die Möglichkeit hatte, in der Champions League zu spielen.

Algerischer Nationalspieler war er damals bereits. Obwohl er in der Jugend noch von der U17 bis zur U20 für die Nationalteams aus Deutschland aufgelaufen war, entschied er sich für das Heimatland seines Vaters und gegen eine Länderspielkarriere mit Deutschland oder Vietnam. "Ich liebe alle drei Länder und habe mich zum Schluss aus verschiedenen Gründen entschieden - die sind privat", sagte er.

Zu Mazas großen Stärken gehören seine Ballsicherheit im Dribbling, sein Tempo, dazu Spielübersicht und Einsatzbereitschaft. Wie kaum ein anderer Spieler schafft es Maza, sich meist schon bei der Ballannahme so um einen oder mehrere Gegner zu drehen, dass er einen entscheidenden Vorteil hat, das Spiel schnell nach vorne fortzusetzen.

Leverkusens Ex-Trainer Kasper Hjulmand gibt Ibrahim Maza Anweisungen vor dessen Einwechslung im Champions-League-Spiel gegen Paris St. Germain
"Er ist wegen seiner Persönlichkeit ein guter Spieler. Er will lernen", sagt Ex-Leverkusen-Coach Hjulmand (l.) über Maza (r.)null Jens Niering/picture alliance

"Er ist ein top, top Spieler", lobte Leverkusens Ex-Trainer Kasper Hjulmand. "Die Wahrheit aber ist: Er ist ein top Mensch, er lernt sehr schnell. Du kannst auch hart mit ihm arbeiten, denn dann sagt er 'Dankeschön' und arbeitet super hart - jeden Tag. Er lernt auch superschnell. Er ist einfach ein super Spieler, der eine große Zukunft vor sich hat."

In seiner ersten Bundesliga-Saison gehörte Maza in Leverkusen zu den Besten und etablierte sich zum Stammspieler, obwohl das zuvor niemand von dem erst 19-Jährigen erwartet hatte. In 28 Bundesligaspielen erzielte er drei Treffer und gab sechs Vorlagen. Hinzu kamen vier Einsätze im DFB-Pokal (zwei Tore) und zwölf in der Champions League, in denen er torlos blieb.

Große Emotionen beim Afrika-Cup

Absolutes Highlight der abgelaufenen Saison war für Maza aber sicherlich die Teilnahme mit Algerien am Afrika-Cup. "Es war völlig verrückt. Als wir zwei Stunden vor dem Spiel im Stadion angekommen sind, war schon alles voll mit Fans. Es war so laut. Da hatte ich zum ersten Mal Gänsehaut", sagte er später.

Obwohl einer der Jüngsten, war Maza auch im Team der "Fennecs" einer der herausragenden Spieler. Allerdings konnte auch er nicht verhindern, dass Algerien im Viertelfinale gegen Nigeria klar unterlegen war und ausschied.

Algeriens Ibrahim Maza (2.v.r.) köpft den Ball im Afrika-Cup-Spiel gegen DR Kongo
Beim Afrika-Cup - seinem ersten Turnier mit Algerien - machte Ibrahim Maza (2.v.r.) mit guten Leistungen auf sich aufmerksamnull Thor Wegner/DeFodi Images/IMAGO

"Ich bin mit der Einstellung zum Turnier gekommen, es zu gewinnen", sagte er. "Dann so auszuscheiden, war halt bitter, und natürlich gehen einem dann ein paar Emotionen durch den Kopf. Ich war ein bisschen sauer und traurig nach dem Spiel. Aber das gehört auch dazu. Man kann daraus lernen, auch aus den Fehlern, um sich weiterzuentwickeln, damit wir es hoffentlich beim nächsten Mal besser machen."

Dieses "nächste Mal" ist nun die WM. Dort bekommt es Algerien in Gruppe J mit Weltmeister Argentinien, Österreich und WM-Neuling Jordanien zu tun. Das Erreichen der K.o.-Runde ist das klare sportliche Ziel.

Daneben hat sich Ibrahim Maza mindestens ein weiteres gesetzt: "Das Verrückte ist, dass wir gegen Argentinien spielen, gegen Lionel Messi, mit dem ich aufgewachsen bin", erzählt er in einem Interview der DFL (Deutsche Fußballliga) zu seinen WM-Träumen "Ich versuche, sein Trikot zu bekommen. Vielleicht sieht er das hier ja. Daher: Bitte, gib mir dein Trikot!", sagt er in die Kamera und strahlt dabei bereits voller Vorfreude.

Große Show beim WM-Auftakt von Deutschland gegen Curaçao

Es war das erwartete Fußball-Fest zum WM-Auftakt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Dank eines deutlichen 7:1 (3:1)-Sieges gegen WM-Neuling Curaçao feierte das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann einen nahezu perfekten Start in die Weltmeisterschaft.

"Ich habe mich extrem für die Mannschaft gefreut", sagte der 38-Jährige. "Gerade, wenn man die letzten beiden Turniere sieht. Die Auftaktspiele waren beide nicht gut." Nach dem Sieg in Houston ist ein drittes WM-Vorrundendesaster nach Russland 2018 und Katar 2022 praktisch ausgeschlossen, weil auch acht Gruppendritte weiterkommen.

Nach dem Schlusspfiff ließ sich das DFB-Team dementsprechend unter großem Beifall auf einer Ehrenrunde von den Fans feiern. "Es ist eine WM und wenn du sieben Tore im deutschen Eröffnungsspiel schießt, dann geht nicht mehr", freute sich DFB-Fan Dennis. "Die Freude ist grenzenlos."

Zwei deutsche Fußball-Fans mit Sakkos in Deutschland-Farben stehen vor dem Stadion in Houston.
Die deutschen Fans waren nach dem Auftaktsieg zufrieden und hoffen auf ein erfolgreiches Turniernull Thomas Klein/DW

Bereits vor dem Anpfiff sorgten die zahlreich angereisten Fans - trotz eines Gewitters in Houston - für die passende Stimmung rund um das Spiel. Lustige Hüte, bunte Masken, blau angemalte Gesichter und einige WM-Pokale - viele Zuschauer hatten sich kreativ ausgetobt und waren gut gelaunt zum Stadion gekommen.

Tolle Atmosphäre bei WM-Premiere

Für die Fans der kleinen Karibik-Insel Curaçao ist es die erste Teilnahme an einer WM-Endrunde überhaupt, dementsprechend groß war die Vorfreude auf das Duell mit dem viermaligen Weltmeister aus Deutschland. "Die Atmosphäre war fantastisch. Curaçao hat alles gegeben", sagte Curaçao-Fan James. "Es ist ein legendäres Gefühl."

Fan von Curaçao mit blau angemaltem Gesicht jubelt im Stadion beim Spiel gegen Deutschland.
Die Fans von Curaçao feiern ihr Team bei der WM-Premiere trotz Niederlage ausgelassennull Phil Noble/REUTERS

Die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada ist anders als die letzten Turniere, denn gerade in den USA werden Sportveranstaltungen primär als ganztägige Entertainment-Events aufgezogen, geprägt von einem starkem Showcharakter. Gerade in Deutschland liegt der Fokus traditionell deutlich mehr auf dem reinen Sportwettkampf.

Comenencia sorgt für Partystimmung in Houston

Für manchen Fan ist das sicher eine Umstellung, denn es gab große Popcorn-Eimer, Hotdogs, Burger und jeden Menge Kaltgetränke, dazu fette Bässe aus den Stadionboxen, und viel Verkehr auf dem Rasen bevor es losging.

Seit dieser WM müssen sich alle 26 Akteure beider Teams, begleitet von Kindern und Jugendlichen, vor Anpfiff am Mittelkreis versammeln, während die Nationalhymnen abgespielt werden.

Während des Spiels sollten dann beide Teams für gute Stimmung auf den Rängen sorgen, doch in Houston war dafür vor allem in der ersten Halbzeit Curaçao verantwortlich.

Dank eines abgefälschten Schusses von Livano Comenencia glich der Underdog den Führungstreffer von Felix Nmecha überraschend wieder aus. Der erste WM-Treffer der Fußball-Geschichte Curaçaos sorgte für ekstatische Jubelstürme bei den in blau gekleideten Fans im Stadion.

DFB-Torwart Manuel Neuer ballt beide Fäuste und bejubelt ein Tor beim WM-Spiel gegen Curaçao in Houston.
Manuel Neuer ist mit 40 Jahren der älteste deutsche Nationalspieler der WM-Geschichtenull Christian Charisius/dpa/picture alliance

Manuel Neuer, der sein Comeback in der Nationalmannschaft feierte und damit Geschichte schrieb, war bei dem abgefälschten Schuss machtlos. 

"Ich gehe es an, als wäre es meine erste WM. Das war etwas ganz Besonderes für mich", sagte Neuer nach seinem Comeback-Spiel und beschwor den Teamgeist "Wir lassen niemanden links liegen, alle ziehen am gleichen Strang. Hier wird jeder mitgenommen, wir brauchen jeden Spieler."

Havertz trifft zur Vorentscheidung

Wenige Minuten nach dem 1:1 für Curaçao konnte Nagelsmann die neu-eingeführte Trinkpause nutzen, um sein Team neu einzustellen.

"Die Trinkpause hat tatsächlich geholfen, um das, was wir schon vorher angepasst haben, den Spielern auf der Tafel zu zeigen", sagte der Bundestrainer. "Wir haben der Mannschaft Mut zugesprochen, dass sie so weitermachen soll wie in den ersten 20 Minuten."

Während der drei-minütigen Unterbrechung sorgte die Band "Houston Mariachi" mit einem kurzen Lied für eine weitere Neuerung bei dieser WM.

Viele der übertragenden TV-Sender nutzten die Pause, um Werbung zu zeigen, Nagelsmann gab dagegen die entscheidenden Anweisungen, um seine Spieler wieder in die Spur zu bringen.

Kurz vor dem Halbzeitpfiff erzielte Nico Schlotterbeck nach einem Eckstoß das 2:1 und feierte das mit seiner typischen Jubelpose mit angespanntem Bizeps. Kai Havertz sorgte per Elfmeter wenig später für den 3:1-Halbzeitstand und für die Vorentscheidung.

"Wir holen den Pokal nach Hause"

Am Ende wurde es der erwartete deutliche Sieg des DFB-Teams. Jamal Musiala, Nathaniel Brown, der eingewechselte Deniz Undav und erneut Havertz erzielten im zweiten Durchgang weitere Treffer und brachten die deutschen Fans zum Jubeln - und schürten die Hoffnung auf ein erfolgreiches Turnier.

"Das 7:1 tut der Mannschaft gut", sagt DFB-Fan Kai. "Wir müssen zusammenstehen. Die Mannschaft und die Fans und dann gucken wir mal wohin der Weg geht." Jo ergänzte: "Wir kommen uns Finale, warum nicht? Wir gewinnen den Pokal und bringen ihn nach Hause."

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Deutschland - Curaçao 7:1 (3:1)
Tore:
 1:0 Nmecha (6.), 1:1 Comenencia (21.), 2:1 Schlotterbeck (38.), 3:1 Havertz (45.+5, Foulelfmeter), 4:1 Musiala (47.), 5:1 Brown (68.), 6:1 Undav (78.), 7:1 Havertz (88.)
Zuschauer in Houston: 68.021

Curaçao: Kleinster WM-Teilnehmer schreibt Fußballgeschichte

Es ist eine "Blaue Welle", die auf die Fußball-Weltmeisterschaft zurollt - so zumindest nennt sich die Nationalmannschaft von Curaçao. Gleich im ersten Gruppenspiel hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sie zu meistern.

Der Inselstaat, der 60 Kilometer nördlich von Venezuela in der Karibik liegt, hat sich zum ersten Mal in seiner Geschichte für eine WM qualifiziert. Für das Land ist es eine Sensation.

Kleinster WM-Teilnehmer aller Zeiten

Curaçao ist einer von vier WM-Neulingen und der kleinste WM-Teilnehmer aller Zeiten. Mit nur etwa 150.000 Einwohnenden löst die Karibikinsel Island ab, das bisher den Minus-Rekord mit 350.000 Einwohnenden hielt. Curaçao ist rund 440 Quadratkilometer groß, was in etwa der Größe des deutschen Bundeslandes Bremen entspricht.

Bunte Häuser in Willemstad auf Curaçao
Rund 80 Prozent der Bevölkerung Curaçaos lebt in der Hauptstadt Willemstad, deren altes Zentrum zum UNESCO-Weltkulturerbe zähltnull Fokke Baarssen/Zoonar/picture alliance

Bekannt ist Curaçao vor allem für seine traumhaften Strände und Tauchgebiete, auch für einen nach ihm benannten Likör. Fußball gehört eigentlich nicht zu den Attraktionen des Landes, eher Baseball, die beliebteste Sportart auf der Insel.

Diverse erfolgreiche Spieler kommen aus Curaçao. Andruw Jones, der 17 Saisons in der Major League Baseball (MLB) spielte, bekommt dieses Jahr sogar einen Platz in der National Baseball Hall of Fame in New York.

Fußball ist nicht der Nationalsport

Fußball wird auf der Insel unter anderem in drei Amateurligen gespielt. In der ersten Liga, genannt Promé Divishon, spielen zehn Mannschaften gegeneinander. Seit 2025 gibt es auch einen landeseigenen Pokal. 

"In der Vergangenheit war Fußball hier viel größer. In den 60ern bis 80ern haben es alle geguckt", erzählt Carl Ruiter im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW). Er ist seit elf Jahren Sportjournalist in Curaçao. Spiele seien damals oft ausverkauft gewesen. Heute kämen Fans vor allem zu den Relegationsspielen.

Ungeschlagen in der Qualifikation

Die WM-Qualifikation hat dem Fußball auf der Insel einen Aufschwung gegeben. In den letzten Heimspielen waren die Stadien voll. "Das ist ein Zeichen dafür, dass die ganze Nation richtig mitgefiebert hat, unbedingt zur Weltmeisterschaft wollte und unsere Nationalmannschaft unterstützen wollte", so Ruiter.

Spieler und Betreuer von Curaçao feiern WM-Qualifikation indem sie auf dem Rasen ein riesiges Menschenknäuel bilden
Nachdem Curaçao in Jamaika die WM-Qualifikation klargemacht hat, brechen alle Dämmenull Collin Reid/AP Photo/picture alliance

Dass erstmals 48 Teams zur WM zugelassen wurden, kommt Curaçao zugute. Trotzdem war die Qualifikation beachtlich, die Mannschaft blieb in allen Spielen ungeschlagen. Am Ende brauchte das Team gegen Jamaika nur ein Unentschieden.

Als die Jamaikaner in der Nachspielzeit beim Spielstand von 0:0 einen Elfmeter bekamen, bangte ganz Curaçao. Doch dank des Videoschiedsrichters wurde die Entscheidung zurückgenommen, das Team rettete den Punkt.

Nach dem Abpfiff weinten die Spieler vor Glück. "Wir haben das Unmögliche möglich gemacht", jubelte Stürmer Kenji Gorré in die Kameras. "Mir fehlen die Worte. Ein Traum wird wahr."

Euphorie auf der Insel

"Ich war für das Spiel in Kingston", erzählt Ruiter von seinen Erlebnissen auf Jamaika. "Wir haben nicht geschlafen." In der Heimat tanzten Fans die Nacht durch, inklusive Feuerwerk und Autokorso.

Das Team wurde am nächsten Tag von den Fans empfangen. Das Ende der Party? Erst nach 24 Stunden.

Journalist Carl Ruiter
Sportjournalist begleitet und berichtet über das Team von Curaçao seit vielen Jahrennull Carl Ruiter

"Die WM-Qualifikation hat unser Land zusammengeschweißt", so Ruiter. Die Menschen seien stolz auf ihr Team. Heute fahren Busse in den Farben der "Blue Wave" durch die Insel und Spieler wie Kapitän Leandro Bacuna seien zu Vorbildern für junge Menschen geworden, die jetzt auch Fußball spielen wollen. 

Fast nur Spieler aus den Niederlanden

Aber woher kommt der Erfolg des 82. der FIFA-Weltrangliste? Tatsächlich existiert die Nationalmannschaft erst seit 2011. Das hängt mit der Geschichte des Landes zusammen, denn Curaçao war eine niederländische Kolonie.

1954 wurde es als Teil der Niederländischen Antillen, zu denen auch Aruba und Bonaire gehörten, zu einem Land innerhalb des Königreichs der Niederlande, mit entsprechender Fußballmannschaft. 2010 wurde Curaçao autonom, mit eigener Regierung und eigenem Parlament - und schließlich auch einem eigenem Fußball-Team. 

Team von Curaçao bei Mannschaftsfoto vor einem Länderspiel gegen Australien
Ohne Niederlage kam die Mannschaft Curaçaos durch die Qualifikation und gibt nun ihr WM-Debütnull Noe Llamas/Sports Press Photo/IMAGO

Im Januar 2024 übernahm der erfahrene niederländische Trainer Dick Advocaat das Team und setzte auf Spieler aus seiner Heimat. Das ist möglich, weil Curaçao noch immer zum Königreich der Niederlande gehört und die Einwohnenden einen niederländischen Pass haben.

Mittelfeldspieler Tahith Chong ist einer der wenigen Spieler, der auf Curaçao geboren wurde. Die meisten anderen Spieler kommen gebürtig aus den Niederlanden, viele wurden in Europa ausgebildet und spielen auch dort. Um das Land vertreten zu können, müssen die Eltern oder Großeltern der Spieler auf der Insel geboren worden sein. 

Verbindung zu den Fans

Als Söldner ohne Verbindung zu Curaçao werden die Spieler aber nicht gesehen, sagt Carl Ruiten. Im Gegenteil: "Viele machen hier regelmäßig Urlaub, haben hier Familie. Die meisten, wenn nicht alle, können die Landessprache Papiamento sprechen", erzählt der Sportjournalist. Bei Toren würden Spieler und Fans zusammen tanzen, und auch nach den Spielen in Kontakt kommen.

Jetzt bereiten sich Fans auf die Reise in die USA vor, denn vor allem das historische erste Spiel gegen den bislang größten Gegner Deutschland will man nicht verpassen. Und auch die Diaspora in den Niederlanden und den USA wird vertreten sein, um das Team anzufeuern.

Trainer-Chaos kurz vor der WM

Nur wenige Wochen vor der WM wurde es in Curaçao aber noch einmal unruhig. Erst im Februar hatte Erfolgstrainer Dick Advocaat seinen Rücktritt bekannt gegeben - Grund war die schwere Erkrankung seiner Tochter. Seine Nachfolge trat Fred Rutten an, ehemaliger Trainer des FC Schalke 04 und der PSV Eindhoven. Die ersten beiden Spiele unter ihm verlor das Team. 

Curaçaos Nationaltrainer Dick Advocaat beim Training
Zurück im Kreise der Mannschaft: Trainer Dick Advocaat übernahm das Team auf Wunsch der Spieler wiedernull Robin Utrecht/picture alliance

Im Mai dann die Kehrtwende: Medienberichte zufolge sollen Spieler und Sponsoren sich Advocaat zurückgewünscht haben, der wieder zur Verfügung stand und Rutten gab seinen Rücktritt bekannt. "Es darf kein Klima entstehen, das gesunde professionelle Beziehungen innerhalb der Mannschaft und des Trainerteams untergräbt", erklärte er laut einer Verbandsmitteilung.

Der 78-Jährige Advocaat wird beim Turnier nun zum ältesten WM-Trainer aller Zeiten werden. Zu den Umständen seiner Rückkehr will er sich aber nicht äußern. "Wir müssen nach vorne schauen", sagte er bei einer Pressekonferenz. 

Mentalität als Vorteil? 

Laut Advocaat sei seine Mannschaft schwierig zu schlagen. Der Wille, das Unmögliche möglich zu machen, sei eine der Stärken, sagte auch der Präsident des Fußballverbands von Curaçao, Gilbert Martina, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP.

Und dieser Wille wird gebraucht werden. In der Gruppe trifft Curaçao neben dem DFB-Team auch auf Ecuador und die Elfenbeinküste

Ziel sei es dennoch, in die zweite Runde zu kommen, so Verbandspräsident Martina. "Wenn wir mit derselben Energie und Einstellung wie im Spiel gegen Jamaika auftreten, ist vieles möglich. 

Kann Gastgeber USA bei der WM 2026 für Euphorie sorgen?

"Wir sind ein Land, das Basketball und American Football liebt. Es ist schwer, die einzufangen", sagt Joe Scally, Abwehrspieler bei Borussia Mönchengladbach in der Fußball-Bundesliga gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Aber ich denke, wir sind sehr nah dran. Die WM wird da noch mehr Begeisterung bringen."

Auch sein Gladbacher Teamkollege und Mitspieler im US-Team Gio Reyna verweist auf die positive Entwicklung der vergangenen Jahre. "Wir haben noch einen Weg zu gehen, aber der Fortschritt der vergangenen vier oder fünf Jahren war schön zu sehen. Ein gutes Turnier würde sicherlich helfen."

Noch keine WM-Euphorie?

Der erste Auftritt des Co-Gastgebers USA bei der Fußball-Weltmeisterschaft steht am Samstag (3.00 Uhr MESZ) mit dem Spiel gegen Paraguay an. Dass auch zwei Tage vor dem Anpfiff noch Tickets für die Partie im Stadion von Los Angeles (70.000 Plätze) zu bekommen sind, mag einerseits an den hohen Preisen liegen.

Es zeigt aber vielleicht auch, dass sich die Amerikaner erst von ihrem Team begeistern lassen wollen, bevor sie die Arena füllen. Das Testspiel gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor einigen Tagen in Chicago war ausverkauft.

US-Nationalspielerin Megan Rapinoe feiert Tor bei der WM 2019 mit Teamkollegin Alex Morgan
Im Soccer sind die US-Frauen Weltklasse - Spielerinnen wie Alex Morgan (l.) oder Megan Rapinoe (r) absolute Top-Starsnull John Walton/empics/picture alliance

Fußball oder Soccer, wie er dort heißt, war früher in den USA eher eine Sportart der Einwanderer und wurde lange Zeit von den US-Frauen sehr viel professioneller und vor allem erfolgreicher betrieben als von den Männern. Das Frauen-Team der USA ist viermaliger Weltmeister, fünfmaliger Olympiasieger und gewann neunmal den Gold Cup, die Kontinentalmeisterschaft des Nordamerikanischen Verbands CONCACAF.

Major League Soccer - langer Weg zu starker Liga

Die Major League Soccer (MLS) der Männer gab es lange Zeit gar nicht. Ende der 1970er Jahre gab es eine kurze Hochphase, als unter anderem die Fußball-Legenden Franz Beckenbauer und Pelé bei Cosmos New York unter Vertrag standen oder Bundesliga-Rekordtorjäger Gerd Müller in Fort Lauderdale.

Allerdings war die MLS damals eher eine Showveranstaltung auf eher niedrigem sportlichen Niveau. Die Altstars aus Europa und Südamerika konnten hier am Ende der Karriere ohne großen Aufwand nochmal gutes Geld verdienen - vergleichbar mit den Ligen in Katar oder Saudi-Arabien heute.

Erst nach der WM 1994 in den USA gab es eine Wiedergeburt. Seit 1996 läuft der Ligabetrieb wieder - der Neustart erfolgte mit nur zehn Mannschaften. Nach schweren Anfangsjahren mit geringem Zuschauerinteresse und finanziellen Problemen, in denen die Liga fast schon wieder verschwunden wäre, hat sie sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt.

Lionel Messi lacht und freut sich nach einem Tor für Inter Miami CF
Lionel Messi spielt seit 2023 für Inter Maimi CF und hat viele Fans in den USA für die MLS begeistertnull Mohammad Karamali/OPA Images/IMAGO

Mittlerweile spielen 30 Klubs in der MLS. Aktueller Meister ist Inter Miami CF, wo Argentiniens Weltmeister und Superstar Lionel Messi spielt. Messis und das Engagement anderer Top-Stars wie David Beckham (2007 bis 2012 bei LA Galaxy) oder Thomas Müller (seit 2025 bei den Vancouver Whitecaps) hat sicher auch zum Wachstum und gesteigerten Interesse beigetragen.

Diese Stars sind aber auch deswegen in der Liga, weil potente Sponsoren viel Geld bereitstellen. Red Bull gehört dazu, die City Football Group aus Abu Dhabi, die auch Manchester City besitzt und einige andere.

Pull-Faktor für den Fußball durch die WM?

Fußball ist daher beliebt, aber andere Sportarten sind nach wie vor präsenter im Alltag. Wenn Kinder oder Jugendliche in Parks oder auf der Straße spielen, haben sie normalerweise einen Basketball, einen Football oder einen Baseball in der Hand

Nun soll die WM dem Wachstum des Fußballs und seiner Bedeutung in den USA einen ordentlichen Schub verpassen - ein gutes Abschneiden der US-Boys wäre dafür von enormem Wert. 

"Wir US-Spieler und Fans haben dieses Stigma auf der Welt, dass wir nicht wissen, wovon wir sprechen. Aber die Realität ist, dass es hier viel Liebe für Fußball gibt", sagte Torwart Matt Turner. Turner spielt in der MLS für New England Revolution.

zweikampf Christian Pulisic gegen Weston McKennie im Spiel Juventus Turin gegen AC Mailand
Christian Pulisic (2.v.l.) und Weston McKennie (2.v.r.) sind zwei der amerikanischen Top-Spielernull Marco Alpozzi/AP Photo/picture alliance

Die Hälfte des WM-Kaders von Coach Mauricio Pochettino spielt in den USA, die andere ist bei Klubs in Europa beschäftigt - darunter Top-Spieler wie Christian Pulisic von der AC Mailand, Weston McKennie von Juventus Turin oder Top-Talente wie Malik Tillman von Bundesliga-Klub Bayer 04 Leverkusen oder Ricardo Pepi von der PSV Eindhoven.

Pochettino, ein Argentinier, ist Realist und beurteilt die Qualität seiner Spieler eher zurückhaltend. Einen Spieler unter den Top 100 gebe es in seinem Team nicht, sagte er schon im Frühjahr. Ein Fußball-Wunder und den WM-Sieg im Finale am 18. Juli will aber auch er nicht ausschließen

"Warum nicht wir? Warum nicht wir? Warum nicht wir?", fragte Pochettino. "Wir müssen wirklich daran glauben, dass wir da sein können. Wir müssen träumen!"

Größter Erfolg vor 96 Jahren - Tragik bei WM 1994

Sehr erfolgreich war das US-Team bei Weltmeisterschaften zuletzt nicht - überhaupt liegt der größte Erfolg fast 100 Jahre zurück. 1930, bei der ersten WM in Uruguay scheiterten die Amerikaner im Halbfinale an Argentinien und wurden von der FIFA anschließend als WM-Dritter gewertet.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es bis 1990, ehe sich das Team überhaupt noch einmal qualifizieren konnte. 2002 schied man im Viertelfinale gegen Deutschland aus. 2018 in Russland war man nicht qualifiziert, und 2022 in Katar war im Achtelfinale gegen die Niederlande Endstation.

Tragisch endete die letzte WM, bei der die USA Gastgeber waren: Das Team verfügte 1994 mit Spielern wie Thomas Dooley, Alexi Lalas oder Claudio Reyna über eine Art "goldene Generation". Bester Akteur war Mittelfeldspieler Tab Ramos, der damals als einer der wenigen Europa-Legionäre bei Betis Sevilla spielte.

Im Achtelfinale gegen den späteren Weltmeister Brasilien wurde Ramos kurz vor der Halbzeitpause auf brutale Art und Weise aus dem Spiel genommen. Brasiliens Leonardo - später unter anderem Sportdirektor bei der AC Mailand und Paris St. Germain - rammte Ramos bei einem Zweikampf den Ellenbogen an den Kopf.

Ramos erlitt dabei eine Schädelfraktur und musste anschließend monatelang im Krankenhaus behandelt werden. Leonardo sah Rot und wurde für den Rest des Turniers gesperrt. Das Spiel endete 1:0 für Brasilien.

Ausgeglichene Gruppe - wie weit kann es gehen?

Nun, 22 Jahre danach, geht es für die USA erst einmal darum, die Gruppenphase gut zu überstehen. Mit Australien, Paraguay und der Türkei haben sie Gegner erwischt, gegen die am Ende von Platz eins bis Platz vier alles möglich ist.

Viel wird davon abhängen, wie die US-Boys gegen Paraguay ins Turnier starten. Gewinnen sie, sind sie aufgrund des Modus, bei dem von 48 Mannschaften 32 weiterkommen schon so gut wie im Sechzehntelfinale. Verlieren sie dagegen, ist der Druck im zweiten Spiel gegen Australien entsprechend hoch - zumal die Türken in Spiel drei als Favorit gelten.

US-Trainer Mauricio Pochettino
US-Coach Mauricio Pochettino führte einst die Tottenham Hotspur ins Champions-League-Finalenull Markus Ulmer/Pressefoto Ulmer/picture alliance

"Wir wollen das für uns. Wir wollen das für unser eigenes Land. Wir müssen niemandem anderen etwas beweisen", sagte Starspieler Christian Pulisic vor dem Turnier und versuchte damit, ein wenig Erwartungsdruck rauszunehmen. "Wir haben gute Spieler, sehr gute Spieler, in Topklubs auf der ganzen Welt. Wir haben eine gute Mannschaft und, yeah, wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um uns das selbst zu beweisen."

Der ehemalige Schalker Weston McKennie glaubt, dass - wenn der Ball rollt - auch die Stimmung da sein wird. "Amerikaner sind die Art Fans, die für die großen Events auftauchen", sagt er, "selbst, wenn sie Fußball nicht lieben."

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