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Das Kino in der Krise

Maryam Bonakdar16. Februar 2006

Während die Berlinale international für Aufmerksamkeit sorgt, steckt die deutsche Kinobranche in der Krise: Die Zuschauer bleiben weg und auch bewährte Hollywood-Rezepte bleiben ohne großen Erfolg.

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In Kinosälen bleiben oft viele Plätze unbesetztBild: dpa
Die Saga endet
"Star Wars" bewahrte die Branche 2005 vor SchlimmerenBild: AP

Es ist diese ganz besondere Atmosphäre: Eingekuschelt in den weichen Kinositz, die Popcorn-Tüte in der einen, ein kaltes Getränk in XXL-Größe in der anderen Hand taucht man für zwei Stunden einfach ein in die Welt der bewegten Bilder. Geklingelt haben die Kinokassen im vergangenen Jahr trotzdem nicht sehr laut: Die Besucherzahlen sanken um gut 18 Prozent. Das schlechteste Ergebnis seit zehn Jahren. Die Folge: Etwa 150 Millionen Euro weniger Umsatz.

Neue Konzepte

Der Zauberlehrling Harry Potter und der Star-Wars-Bösewicht Anakin Skywalker dürften die deutschen Kinos vor Schlimmerem bewahrt haben. Knapp 13 Millionen Zuschauer zogen die beiden Filme allein in Deutschland in die Kinosäle - und wurden damit dort zu den erfolgreichsten Filmen 2005.

Um gegen die Kinoflaute anzukämpfen, setzen die deutschen Kinos auf neue Konzepte. Der Alltag in den Kinos sei seit einigen Jahren deutlich anders, als er oft dargestellt werde, sagt etwa Jan Oesterlin von der "Zukunft Kino Marketing GmbH". So gebe es regelmäßig Lesungen oder Übertragungen von Konzerten. "Es hat im letzten Jahr beispielsweise ein Robbie-Williams-Konzert in Berlin gegeben, das in vier Kinos in Deutschland live übertragen worden ist. Es gibt DVD-Premieren, es gibt PC-Spiele-Meisterschaften, die auf Leinwänden ausgetragen werden." Dafür sei neben einer gewissen Größe auch über die entsprechende Logistik nötig.

Erotik, Sex und Zeitgeschichte

Raubkopierte DVDs
DVDs sind eine ernstzunehmende Konkurrenz gewordenBild: AP

Vor allem die großen Kinos, die so genannten Multiplex-Kinos, können mit solchen Extras aufwarten. Kleine Programmkinos können das seltener bieten. Doch auch sie haben ihre Funktion auf dem deutschen Kinomarkt: Statt auf amerikanischen Mainstream setzen sie auf Atmosphäre und alternative, internationale Filme. Das Publikum sucht dort ganz speziellen Kinogenuss.

Auch der deutsche Film erfreut sich immer größerer Beliebtheit. In den vergangenen Jahren waren Komödie und Klamauk die Kassenschlager: "(T)Raumschiff Surprise", eine Parodie auf Raumschiff Enterprise, ist nur ein Beispiel. Der Trend geht jedoch zu ernsthaften Filmen, stellt Jo Groebel, Medienpsychologe und Leiter des Europäischen Medieninstituts in Dortmund, fest: "Was in Deutschland sicherlich in den letzten Jahren eine deutlich größere Bedeutung bekommen hat, ist das, was ich die Suche nach der eigenen Vergangenheit, der Geschichte der Identität bezeichnen würde." "Der Untergang" habe Hitlers letzte Stunden gezeigt, "Goodbye Lenin" die Wiedervereinigung thematisiert. "Es gibt viele Themen, die spannend und persönlich sind - auch mit ein bisschen Erotik, Sex, Liebe, Romantik verknüpft - und dabei die neuere deutsche Geschichte berühren", sagt Groebel.

Kino zuhause

Doch auch der deutsche Film leidet unter der Unlust der Deutschen, ins Kino zu gehen. Die Schuldigen für die Misere sind schnell gefunden, wie Jan Oesterlin von der "Zukunft Kino Marketing GmbH" erläutert: "Zum einen liegt es sicherlich an der Filmware, denn man geht ins Kino, um Filme zu schauen, nicht einfach um die Immobilie aufzusuchen." Verantwortlich seien aber auch Raubkopierer. Mit über 11 Millionen illegal heruntergeladenen Filmen habe die Branche im vergangenen Jahr einen herben Verlust hinnehmen müssen. Doch die Probleme seien keineswegs neu: "Kino ist insgesamt ein zyklisches Geschäft, das Auf und Abs auch kennt."

Nach der Konkurrenz durch das Fernsehen in den 1950er Jahren und durch den Videorekorder in den 1980er Jahren sorgen jetzt also die Raubkopierer für den Abwärtstrend in deutschen Kinos. Und es gibt noch einen Grund - das so genannte Home-Entertainment. Großbildschirme, DVD-Rekorder und spezielle Soundsysteme sind mittlerweile für verhältnismäßig wenig Geld im Laden erhältlich. Kino in den eigenen vier Wänden - da ist es für die Kinos schwer mitzuhalten.